Klostermedizin: "Heilen statt reparieren"

Traditionelle Klostermedizin aus Europa wird oft unterschätzt. Dabei können wir viel daraus lernen, sagt der Pharmazie-Historiker Dr. Johannes Gottfried Mayer. Zum Beispiel über ein anderes Verständnis von Gesundheit

Die Medizin lag im Mittelalter fest in Hand der Klöster. Warum?

DR. JOHANNES GOTTFRIED MAYER: Sie hatten von Karl dem Großen den Auftrag erhalten, die Bevölkerung medizinisch zu versorgen. Erst mit der Gründung der ersten Universitäten um 1200 endete allmählich die Klostermedizin.

Das heißt, damals ging man zum Mönch wie heute zum Arzt?

Nicht ganz. Eines der Dinge, die wir aus den alten Schriften gelernt haben, ist, dass man frühzeitig schon bei kleinen Beschwerden mit entsprechenden pflanzlichen Mitteln gegengesteuert hat.

Also, Medizin nicht nur im akuten Krankheitsfall ...

Genau. Bevor im 19. und frühen 20. Jahrhundert die richtig starken synthetischen Arzneimittel entwickelt wurden, war der Arzt eher Lebensberater, den man in den verschiedensten Bereichen zurate gezogen hat. Wir haben heute eher eine Reparaturmedizin: Etwas ist kaputt und der Arzt soll es richten.

Es findet ein Umdenken bei den Menschen statt

Woher kommt diese Sicht?

Ausgehend vom Philosophen René Descartes hat sich schon ab dem frühen 17. Jahrhundert die Vorstellung entwickelt, unser Körper sei eine Maschine. Wie bei einem Auto schraubt man halt irgendwo, damit es wieder in Ordnung kommt. Erst allmählich setzt ein Umdenken ein, auch weil zwar inzwischen viele schwere Erkrankungen gut therapierbar sind, aber es zunehmend chronifizierte Krankheiten gibt, für die keine Heilkonzepte existieren.

Der Wunsch nach einer ganzheitlichen Medizin steigt nicht zuletzt bei Patientinnen und Patienten. In diesem Punkt war uns das Mittelalter also voraus?

Sozusagen. Der Bereich der Ernährung spielte in der Heilkunde zum Beispiel eine große Rolle. Fasten etwa gehörte zum ganz normalen Alltag, nicht nur aus religiösen Gründen; man wusste durchaus, dass es positive Effekte auf den Körper hat. Heute hören Ärzte in der Ausbildung fast nichts über Ernährung. Erst allmählich kehrt das Thema in die akademische Medizin zurück.

Und woher hatten die Mönche und Nonnen ihr medizinisches Wissen?

Die Hauptbasis waren die Schriften der antiken Ärzte aus dem alten Rom. Aber natürlich ist man, je weiter sich die Orden ausgebreitet haben, auch auf Arzneipflanzen gestoßen, die im Mittelmeerraum nicht zur Verfügung standen, und hat regionales Volkswissen übernommen. Und die dritte Quelle waren dann eigene Erfahrungen und Forschungen bis hin zur Entwicklung der Destillation im späteren Mittelalter.

Aber es gibt auch Verfahren, die klingen zwar entsetzlich, haben jedoch vermutlich wirklich geholfen

Sie entschlüsseln in Ihrer Forschergruppe nicht nur Pflanzen und Rezepte von damals, sondern untersuchen auch, was an den Heilmitteln dran ist.

Wir machen natürlich keine klinischen Studien, das wäre zu aufwendig. Aber man kann aufgrund der Inhaltsstoffe der Pflanzen beurteilen, ob ein Rezept etwas gebracht haben könnte. Und immer wenn genauer nachgeschaut wurde, haben wir eher positive Ergebnisse. Das hat uns schon überrascht, wie viel damals Hand und Fuß hatte.

Dabei verbindet man mittelalterliche Medizin oft eher mit brachialen Verfahren und Mitteln, die mehr geschadet als genutzt haben, zum Beispiel dem Aderlass.

Der war im Mittelalter ganz normaler Bestandteil der Medizin, aber seine große Bedeutung hatte er erst nach der Klostermedizin im 17. und 18. Jahrhundert. Damals wurde das sogenannte Ausleiten immer wichtiger, durch Brechmittel, künstlich erzeugten Durchfall, harntreibende Mittel und Aderlass. Man ging davon aus, dass Krankheiten durch ein Übermaß an Blut oder ein Ungleichgewicht von Körpersäften verursacht würden, was so behoben werden sollte. Sicher hat das das Leben der Menschen oft eher verkürzt als verlängert. Aber es gibt auch Verfahren, die klingen zwar entsetzlich, haben jedoch vermutlich wirklich geholfen.

Zum Beispiel?

Eine Mischung aus Käseschimmel, Schafdung und Honig für Wunden, die dann 21 Tage darauf belassen wird. Wir dachten zunächst, die spinnen doch, aber es ist durchaus plausibel, dass sich in der Paste antibakterielle Stoffe bilden. Ein mittelalterliches Antibiotikum sozusagen. Auch bei den Heilpflanzen der Klostermedizin hat sehr vieles eindeutig positiv gewirkt. Ein Beispiel ist der Andorn. Der gehörte damals zu den 20 am häufigsten eingesetzten Pflanzen.

Und gegen was hilft der?

Andorn enthält in erster Linie Bitter- und Gerbstoffe. Bitterstoffe haben eine positive Wirkung auf den Verdauungstrakt, sie regen Speichelfluss, Magen- und Gallensaft und auch die Darmmotorik an. Darüber hinaus hat der Andorn aber auch eine sekret- und krampflösende Wirkung, was bei Bronchitis sehr interessant ist. Aufgrund der Gerbstoffe macht ebenso der Einsatz bei Wunden Sinn, denn sie stabilisieren die Haut – und übrigens auch die Schleimhaut, was uns zurückbringt zu den Erkältungskrankheiten. Der Andorn schmeckt nur halt nicht gut. Wahrscheinlich ist er deswegen in Vergessenheit geraten.

Frühzeitiges Handeln ist wichtig

Laut Umfragen wächst in der Bevölkerung das Interesse an pflanzlichen Medikamenten. Nehmen Sie das auch so wahr?

Das Interesse ist schon groß, aber auch sehr unterschiedlich verteilt. Pflanzliche Mittel sind auf verschiedenen Gebieten auf dem Vormarsch, aber es ist eine sehr begrenzte Anzahl. Und obwohl die Zustimmung in Umfragen immer sehr hoch ist, sieht es ein bisschen anders aus, wenn man schaut, was die Leute wirklich machen. Beliebt sind vor allem Mittel, die man als Dragees, Tabletten oder Tropfen einnehmen kann. Arzneitee, der eigentlich eine sehr gute Sache ist, verliert dagegen ständig an Boden. Offensichtlich bedeutet es für viele Leute zu viel Arbeit, sich einen Tee zu machen.

Und bei welchen Beschwerden setzen Betroffene gern auf Heilpflanzen?

Vor allem bei chronischen Erkrankungen. Wir haben in unserer Arbeitsgruppe eine Heilpraktikerin, und die erlebt immer wieder: Die meisten Menschen, die zu ihr gehen, haben vorher schon mindestens zwei oder drei Ärzte besucht und leiden an den Beschwerden seit Monaten, nicht selten mehreren Jahren. Nach dem Motto: Ich habe schon alle synthetischen Mittel probiert, gibt es nicht auch noch etwas Pflanzliches. Und das stellt natürlich eigentlich die Geschichte auf den Kopf. Es geht, wie gesagt, um frühzeitiges Handeln.

Ayurveda oder Akupunktur werden immer stärker nachgefragt. Boomt auch die traditionelle regionale Medizin? Das ist ja ein Grund, warum wir unsere Forschungsgruppe gegründet haben. Seit den späten 1970er-Jahren sehen wir, dass das Interesse an den Therapiekonzepten aus Asien wächst – vermutlich auch wegen ihrer Ganzheitlichkeit –, dabei haben wir ebenfalls einen Erfahrungsschatz von mindestens 2000 Jahren. Ihn wieder zugänglich zu machen, war unsere Motivation. Denn damit kennen wir uns eigentlich viel besser aus. Wir kennen die Pflanzen, müssen sie nicht importieren – oder nur einige wenige. Ingwer aus Asien zum Beispiel hat schon immer eine Rolle gespielt.

Passt die europäische Medizin vielleicht sogar besser zu uns Europäern? Ich denke schon. Hippokrates sagte: Eure Lebensmittel sollen eure Arzneimittel sein und eure Arzneimittel eure Lebensmittel. Und in Asien wird eben anders gegessen als hier. Insofern können wir einheimische Heilpflanzen bestimmt besser vertragen. Ob sie besser wirken, müsste man dagegen erst untersuchen.

Dr. Johannes Gottfried Mayer, 65, ist Literatur­wissenschaftler und Medi­zinhistoriker und leitet die Forschungsgruppe Kloster­medizin an der Universität Würzburg. Er ist Autor mehrerer Bücher, z. B. "Das große Buch der Klosterheilkunde" (ZS Verlag).

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Brigitte 01/2019

Wer hier schreibt:

Antje Kunstmann

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