Betroffene klärt auf: Was Krebs-Patienten nicht hören wollen – und was wirklich hilft

Diese Woche wurde Manuela Schwesigs Krebs-Diagnose publik. Vor 12 Jahren erkrankte auch Susanne Reinker an Brustkrebs. Die Autorin hat am eigenen Leib erlebt, was man im Umgang mit Krebs alles falsch machen kann. Nun verrät sie, wie es besser geht.

Jährlich erkranken um die 476.000 Menschen deutschlandweit an Krebs. Aktuell ist Manuela Schwesig eine von ihnen. Die SPD-Politikerin hat sich diese Woche mit einem Thema der Öffentlichkeit gestellt, das privater kaum sein könnte: Sie leidet an Brustkrebs. Seither wirbeln Reaktionen durch das Netz. Sie geben uns Beispiele, wie man mit einer Krebs-Diagnose umgehen kann – und wie man es nicht tun sollte, wie FDP-Politiker Johannes Hohenthaner mit einem Kommentar zeigt, der unangemessener kaum sein könnte. Ein falscher Umgang ist leicht zu erkennen. Umso schwieriger ist es, den richtigen zu finden.

Manuela Schwesig: Brustkrebs-Diagnose

Das weiß auch Susanne Reinker. Die Autorin erkrankte vor über zehn Jahren an Brustkrebs. Damals musste sie mit dem Wort kämpfen, das so viel beinhaltet und mit dem wir doch so wenig anfangen können: Was bedeutet Krebs? Wie reagiert man auf die Diagnose? Was kann ich tun ­– für andere und für mich selbst?

Die Lähmung und Sprachlosigkeit, die die Diagnose Krebs bei vielen hinterlässt, hat Susanne Reinker in das Gegenteil verwandelt. Sie hat ein das Buch "Kopf hoch, Brust raus – Was wir im Umgang mit Krebs alles richtig machen können" geschrieben. Herausgekommen ist ein Leitfaden, der raus aus dem Stillstand führt. Mit BRIGITTE.de hat Susanne Reinker über die schlimmsten Ratschläge gesprochen – und was sie sich von ihren Mitmenschen gewünscht hätte.

Susanne Reinker erklärt: Was du Krebs-Patienten nicht sagen solltest

Was sind die schlimmsten Dinge, die man auf eine Krebs-Diagnose sagen kann?

Don't: Betroffenheitsbekundungen 

"Dabei kann die kaum jemand völlig unterdrücken, wenn er/sie hört, dass ein Familienmitglied oder Freund vom Krebs erwischt wurde. 'Das ist ja furchtbar!', Verzweiflungstränen, aschfahle Gesichter. Alles irgendwie verständlich, nachvollziehbar. Aber für uns machen solche Reaktionen alles noch ein bisschen schlimmer. Denn sie zeigen uns unmissverständlich, dass unsere Lieben uns schon mit einem Bein in der Grube sehen. Krebs, da weiß man doch, wie das ausgeht: Erst kommt eine fiese Chemo, dann kommt der Rückfall, und dann ist man tot! Aber es gibt nicht 'den' Krebs, es gibt Dutzende, ach was, Hunderte verschiedene. Verschieden groß, verschieden schnell, verschieden aggressiv, verschieden behandelbar. Und insgesamt gesehen werden die Behandlungsmethoden immer wirksamer, und die Früherkennung wird auch immer besser."

Do: Nachfragen

"Wenn Ihnen ein Freund oder Verwandter von seiner Diagnose erzählt, schlucken Sie spontan hochkommende Betroffenheitsregungen möglichst unauffällig runter. Fragen Sie lieber nach: Welcher Krebs? Was hat der Arzt gesagt? Kann ich dir in der nächsten Zeit mit irgendwas aus dem Gröbsten raushelfen?  Soll ich für dich ein paar medizinische Recherchen übernehmen? Möchtest du, dass ich dich irgendwo hin bringe? Das ist genau das, was wir kurz nach der Diagnose dringend brauchen: Ruhe und Pragmatismus anstatt Friedhofsfantasien."

Mein neues Ullstein-Buch "Kopf hoch, Brust raus!" - Was wir im Umgang mit Krebs alles RICHTIG machen können. Liebe...

Gepostet von Susanne Reinker am Montag, 29. Juli 2019

Don't: Hobbypsychologische Erklärungsversuche

"Leider sind die bisher offenbar genauso unausrottbar wie Verzweiflungstränen. Einzelne Mitglieder unseres Umfelds kramen ihren Master in Küchenpsychologie hervor und erklären uns fürsorglich, dass die bösen Zellen auf unbewältigte seelische Probleme zurückzuführen sind. 

Und dann fordern sie uns sanft, aber nachdrücklich dazu auf, an unserer Seele zu arbeiten: 'Natürlich wirst du wieder gesund, du musst es nur wollen, Mind makes Reality!'

Aber was, wenn unsereins sich nicht so richtig mit seinen unbewältigten Problemzonen auseinandersetzen kann? Wenn die Me-Time nie reicht, wenn die Angst jede meditative Bemühung sofort in Grund und Boden schießt und der nächste freie Therapieplatz noch drei Monate entfernt ist? Tja, dann wird 'Mind makes Reality' zum Rohrkrepierer. Denn der Spruch funktioniert ja genauso gut andersrum. Er kann der Anfang vom Neuanfang sein – aber auch der Anfang vom Ende. Ich hab nicht intensiv genug an mir gearbeitet, also werde ich doch bestimmt wieder krank! Ich habs vergeigt! Ich. Bin. SCHULD! Oh Gott."

Do: Zurückhaltung

"Haltet euch bitte zurück mit einschlägigen Missionierungsversuchen, ihr habt ja gerade gelesen, dass die zum Schuss in den Ofen werden können. Wenn ihr uns wirklich helfen wollt, helft uns, professionelle Psychohilfe zu finden. Gibt’s hier irgendwo einen guten Psychoonkologen? Wie findet man einen Therapieplatz? Welche Entspannungsmethoden zahlt die Kasse? Wie funktioniert Progressive Muskelentspannung? Gibt es eine Krebs-Reha mit psychosomatischen Behandlungsansätzen?"

Don't: Ungebetener Rat

"Ungebetene Ratschläge gehören leider so unvermeidlich zu den Erstreaktionen unserer Lieben wie Entsetzenstränen und hobbypsychologische Anamneseversuche. 

Jeder, der von unserer Erkrankung hört, will wenigstens irgendwas Nützliches sagen, wenn er/sie uns schon nicht auf der Stelle gesundzaubern kann. 'Himbeeren und Brokkoli sind super gegen Krebs, wusstest du das', 'Du musst jetzt unbedingt einen guten Heilpraktiker finden', 'Ich an deiner Stelle würde ja keine Chemo machen', 'Wenn du keine Chemo machst, gehörst du der Katz'.

Jeder nicht angenommene Rat verunsichert uns letztlich ein Stückweit und eine Menge Rat ist einfach nur zu. Zu veraltet, zu abstrus, zu unrealistisch, zu teuer, zu zeitaufwändig. Zu viel."

Do: Hilfe anbieten

"Die einfachste Lösung in dieser Lage: Fragt uns doch einfach, welchen Rat wir jetzt bräuchten! Hilfestellung im Umgang mit Ämtern und Krankenkassen, realistische Ernährungsratschläge, Google-Suche nach Zweitmeinungskoryphäen, Tipps für den Moment, in dem man den Kindern sagen muss, was los ist…. De facto brauchen wir den ganzen Parcours hindurch jede Menge Rat. Und eigentlich noch mehr Tat. Sprich: Hilfsangebote. Die kommen ja auch rein, besonders am Anfang. Aber später, meistens ausgerechnet dann, wenn wir allmählich spüren, wann und wo wirs alleine nicht mehr packen, werden sie seltener. Wahrscheinlich werdet ihr irgendwann müde, ein drittes oder viertes Mal nachzufragen, wie ihr helfen könnt. Aber bitte, haltet durch. Bleibt am Ball, ruft an, fragt nach, bietet Freundschaftsdienste an. Möglichst die ganze lange Behandlungszeit hindurch. Wir wissen, dass wir umständehalber nicht gerade ein erheiternder Umgang sind. Und auch nicht immer so dankbar und freundlich, wie ihr es verdient. Aber glaubt mir: ohne euch und eure Hartnäckigkeit wäre das alles für uns noch eine ganze Ecke schwerer."

Danke, liebe Frau Reinker, für das tolle Interview!

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