Krebs und Psyche: Hängt das zusammen? Expertin Stefanie Stahl antwortet

41 Prozent glauben einer exklusiven Umfrage auf BRIGITTE.de zufolge, dass Krebs auch seelische Gründe hat. Was ist dran? Psychologin Stefanie Stahl klärt auf. 
 

Hat Krebs auch seelische Gründe?

Aus meiner Erfahrung mit Krebspatienten weiß ich: Das ist das Schlimmste, was man ihnen sagen kann. Die Annahme ist für Betroffene, salopp gesagt, eine Frechheit. Denn sie suggeriert ja: Es hat auch was mit dir zu tun. Daraus ergibt sich schnell eine Schuldfrage, Betrogene könnten sich vorwerfen: "Ich hätte es verhindern können.“

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Der Mythos gibt uns scheinbar Kontrolle über Krankheit und Tod

Es gibt eine Menge Studien zu dem Thema, aber bisher hat keine einen direkten Zusammenhang feststellen können. Wenn man den sehen will, könnte der nur so aussehen: Aufgrund einer Depression trinkt und raucht der oder die Betrogene zu viel und ernährt sich zudem schlecht. Über Bande gespielt würde die psychische Erkrankung zu ungesunder Lebensweise führen, die wiederum ein erhöhtes Krebsrisiko mit sich brächte. Aber mehr auch nicht.

Auch die eigene Lebenserfahrung zeigt, dass Krebs keinem roten Faden folgt. Ich habe einige Menschen in meinem Umfeld, die gut im Leben stehen: in intakten Beziehungen, ohne Neurosen – und doch erwischt es sie. Den Vollblutneurotiker von nebenan dagegen nicht.

Die Lebenserfahrung spricht also gegen diese Annahme. Und dennoch hält sie sich. Warum? Weil sich dahinter der Wunsch verbirgt, eine völlig unbegreifliche Sache zu erklären und kontrollierbarer zu machen. Ich meine damit die Angst vorm Tod.

Ähnlich verhält es sich ja auch mit dieser Gesundheitsregel: Wer täglich 10 000 Schritte geht, senkt das eigene Sterblichkeitsrisiko. Ja, Bewegung ist gesund, aber woher kommt diese Zahl? Der 10 000-Schritte-Mythos basiert auf einer Werbung aus den Sechzigerjahren! Und dennoch glauben wir daran. Weil es uns eine Art Kontrolle über den Tod gibt.

Wir haben es nicht in der Hand, ob wir erkranken

Einerseits hat uns die Natur zwar die Reflexionsfähigkeit mitgegeben – wir alle wissen, dass wir sterben –, andererseits hat sie unser Gehirn aber nicht so weit vorbereitet, dass wir auch damit umgehen können. Also versuchen wir, Kontrolle herzustellen. Und das gelingt uns zum Beispiel, indem wir die Psyche für gewisse Dinge verantwortlich machen.

Der Mensch versucht immer, Erklärungen zu finden, Ursache und Wirkung. Aber über Krebs weiß man einfach zu wenig. Wir haben es nicht in der Hand, ob wir erkranken – und das macht Angst. Die Psyche aber wird in diesem Zusammenhang eindeutig überschätzt. Im Umkehrschluss heißt das dann leider auch, dass positives Denken an sich die Heilungschancen nicht erhöht. Trotzdem ist der Glaube an die Kraft der positiven Gedanken wichtig, denn er hat Einfluss auf die Lebensqualität, bringt Hoffnung – und die stirbt bekanntlich zuletzt.

Was sagt die Forschung?

Was man weiß

Nach bisherigem Stand der Forschung gibt es keinen direkten Zusammenhang zwischen Krebs und seelischen Einflüssen. Das trifft auf die Erkrankung ebenso wie auf die Heilung zu. Laut dem Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums ließe sich auch in neueren Studien kein eindeutiger Zusammenhang zwischen zum Beispiel Stress oder Depression und einer Krebsentstehung feststellen.

Wie wird geforscht?

Es ist kompliziert: Befragt man bereits Erkrankte, haben diese im Nachhinein keinen unvoreingenommenen Blick. Auf der Suche nach der Antwort auf die Frage "Warum ich?“ neigen sie dazu, ihre Persönlichkeit als Erklärung heranzuziehen. Sogenannte prospektive Studien dagegen setzen auf eine Langzeitbeobachtung gesunder Personen, die immer wieder nach ihren Lebensumständen und Gemütszuständen befragt werden. Erst nach langer Zeit wird geschaut, wer erkrankt und wer nicht. Diese Ergebnisse gelten als zuverlässiger. Und auch hier weist bisher nichts auf einen Zusammenhang hin.

Gibt es eine Krebspersönlichkeit?

Schon vor mehr als 2000 Jahren vermutete Hippokrates, dass melancholische Menschen eher an Krebs erkranken – solche, die ihre Gefühle unterdrücken, ängstlich durchs Leben gehen und zur Selbstaufgabe neigen. Diese Idee hält sich bis heute, gilt jedoch wissenschaftlich längst als überholt!

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Stefanie Stahl im Podcast

In ihrem neuen Podcast "So bin ich eben! Stefanie Stahls Psychologie-Podcast für 'Normalgestörte'" beantwortet die Expertin jede Woche eine Hörerfrage zu den Themen Beziehung, Selbstliebe und wie wir uns aus alten Mustern befreien können. Die ersten sechs Folgen erscheinen alle zwei Wochen bei Audio NOW, Apple Podcasts, Spotify und allen weiteren Podcast-Plattformen. Fragen könnt ihr an sobinicheben@randomhouse.de. schicken. 

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BRIGITTE Leben! 01/2019

Wer hier schreibt:

Stefanie Stahl
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