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Leben mit Gürtelrose "Mein Gesicht war halbseitig gelähmt und ich hatte ständig Schmerzen"

Leben mit Gürtelrose: Frau Beckmann
© Privat
Wegen leichter Taubheitsgefühle im Gesicht suchte Ulrike Beckmann den Arzt auf. Der schickte sie ins Krankenhaus. Doch, dass sie eine Gürtelrose hat, wurde erst 18 Tage später erkannt – mit schweren gesundheitlichen Folgen.

Mit 38 stand Ulrike Beckmann voll im Leben: Sie war selbstständige Physiotherapeutin, hatte einen vierjährigen Sohn und war sportlich aktiv. Ski, Hockey, Tennis und Karate standen regelmäßig auf ihrem Freizeitplan. Als sie eines Tages ein leichtes Taubheitsgefühl im Gesicht spürte, suchte Frau Beckmann ihren Hausarzt auf. Dieser vermutete ein neurologisches Problem – und verwies sie direkt ans Krankenhaus.

Wenn der Stress vorgeschoben wird

Was Frau Beckmann im Krankenhaus zu hören bekam, kennen vermutlich viele Frauen aus eigener Erfahrung: Man sagte ihr, ihre Beschwerden kämen vom Stress. 14 Tage blieb sie im Krankenhaus. In dieser Zeit breiteten sich die Lähmungen auf Arm, Hand, Bein, und Auge aus, weitere Untersuchungen gab es aber nicht.

Ich kam mir immer mehr wie ein Zombie vor, denn ich konnte das rechte Auge nicht mehr schließen. Immer, wenn ich meinte zu blinzeln, drehte sich der Augapfel nach oben und man sah nur das Weiße. Das sah schon schlimm aus. 

Ulrike Beckmann wurden während ihres Krankenhausaufenthaltes lediglich Regenerations- und Vitaminfusionen verabreicht. "Wenn einmal die Beschwerden als psychosomatisch eingestuft wurden, ist es schwer, dort wieder rauszukommen. Niemand hat mir geglaubt und mich eingehend untersucht", erzählt sie weiter. Nur vier Tage nach ihrer Entlassung – inzwischen hatte sie zusätzlich Nacken- und Kopfschmerzen sowie Schmerzen in der gesamten rechten Gesichtshälfte – ging die Physiotherapeutin erneut ins Krankenhaus. Der Oberarzt schaute in ihr Ohr und stellte endlich die richtige Diagnose: Gürtelrose, auch als Herpes Zoster bekannt.

Folgenschwere Fehleinschätzung

Dass diese Diagnose erst 18 Tage nach den ersten Beschwerden gestellt wurde, hatte für Frau Beckmann schwerwiegende Folgen: In der Zwischenzeit hatten die auslösenden Varizella-Zoster-Viren vier Hirnnerven angegriffen und sie teilweise zerstört. Die Erkrankung stellte den Alltag der bis dahin so aktiven Frau völlig auf den Kopf.

Ich musste viereinhalb Jahre lang eine Augenklappe tragen, damit das Auge nicht austrocknet. Ich konnte nicht Fahrrad oder Auto fahren, nicht geradeaus schauen, nicht richtig lesen, nicht arbeiten. Mein Gesicht war halbseitig gelähmt und ich hatte ständig Schmerzen. Ich wollte mir die Haare abrasieren, weil es sich anfühlte, als täte jedes einzelne Haar weh. Ich wollte mich nicht in der Öffentlichkeit zeigen und habe mich zurückgezogen.

So geht es Frau Beckmann heute

Die Diagnose ist jetzt 20 Jahre her. Frau Beckmann musste sich mühsam ins Leben zurückkämpfen: "Erst vor sechs Jahren habe ich es geschafft, wieder Fahrrad zu fahren, ohne dabei umzufallen. Viele Dinge gehen trotzdem noch immer nicht. Lange Autofahrten oder Tennisspielen zum Beispiel. Diese Tätigkeiten sind für das Auge zu anstrengend." Ihr Gleichgewichtssinn ist noch immer gestört, was Skifahren unmöglich macht. Stattdessen spielt sie jetzt Golf – dabei schult sie ihre mentale Stärke und Koordination und kann einfach mal abschalten. Aufgrund des therapeutischen Nutzens hat sich Frau Beckmann auch zur Golf-Physiotherapeutin weitergebildet.

Ansonsten achtet sie in ihrem Alltag jetzt darauf, ausreichend Ruhe zu bekommen. Und sie wünscht sich mehr Aufmerksamkeit für die möglichen schwerwiegenden Folgen einer Gürtelrose: "Ich wusste wenig über Gürtelrose. Ich stand mitten im Leben, ich war jung. Durch die Krankheit wurde alles, was ich zuvor für normal gehalten habe, infrage gestellt. Man braucht jeden Tag Mut, sich dem zu stellen und durchzuhalten. Ohne stabiles Umfeld und ohne den mir eigenen Optimismus, wäre das alles noch schlimmer gekommen."

Was macht Gürtelrose so gefährlich?

Etwa 95 Prozent aller Erwachsenen haben einmal die Windpocken durchgemacht. Ausgelöst werden sie von Varizella-Zoster-Viren, die nach der Erkrankung im Körper verbleiben. Reaktiviert sich der Virus später – was etwa bei jedem dritten Betroffenen passiert – entwickelt sich eine Gürtelrose. Anfangs sorgt diese für unspezifische Beschwerden wie Gliederschmerzen und Müdigkeit, nach zwei bis drei Tage folgen meist brennende Schmerzen und es bildet sich an vereinzelten Stellen ein Hautausschlag in Form von Bläschen. Betroffene berichten außerdem häufig von teilweise starken Nervenschmerzen, die auch nach Abheilen des Ausschlag bleiben können. Da die Wahrscheinlichkeit einer Gürtelrose mit dem Alter steigt, empfiehlt die Ständige Impfkommission allen Erwachsenen ab 60 Jahren eine Impfung gegen die Krankheit. Menschen mit Vorerkrankungen sollten sich bereits ab 50 Jahren impfen lassen.