Leben ohne Rückenschmerzen: Dieser Mix aus mehreren Methoden hilft am besten!

Wärmen oder kühlen, Akupunktur oder Antibiotika? Wenn der Rücken quält, hilft ein Mix aus mehreren Behandlungsmethoden meist am besten. Ein Überblick

Wen dauernd das Kreuz plagt, der will nur eins: dass die Pein verschwindet. Und zwar schnell. Aber leider: Schmerzmittel sind hier erwiesenermaßen nur mäßig wirksam und können auf Dauer massive Nebenwirkungen haben. Und nach Rückenoperationen bleiben nicht selten Beschwerden zurück. "Die meisten Krankheitsbilder des Rückens kommen ohne Operation aus", sagt Dr. Karsten Wiechert, Chefarzt des Wirbelsäulenzentrums der Schön Klinik München Harlaching. Das gelte auch für 90 Prozent der Bandscheibenvorfälle.

Statt Tabletten und Operationen hat sich ein neuer Ansatz zunehmend etabliert: Die besten und sichersten Methoden gegen Rückenschmerzen sind die, die Patienten aktiv werden lassen. Allen voran regelmäßige Bewegung. Aber auch bessere Körperwahrnehmung, mehr Selbstfürsorge und gezielte Entspannung. Denn bei den meisten Rückenproblemen lässt sich der Auslöser nicht sicher erkennen. 85 Prozent gelten als "unspezifisch"; nur ganz selten stecken ernste Erkrankungen dahinter.

Häufig dagegen sind die Rückenschmerzen-Ursachen erst mal harmlos, wie zum Beispiel verhärtete Muskeln oder verklebte Faszien (das sind Bindegewebshüllen, die beispielsweise die Muskeln umgeben), etwa bedingt durch ständiges Sitzen und Stress. Eine einfühlsame Aufklärung jedenfalls kann bei akuten Beschwerden schon helfen. "Es geht darum, dem Patienten Sicherheit zu vermitteln, dass nichts kaputt ist, dass die Schmerzen nicht selten von allein wieder weggehen", sagt Dr. Jan- Peter Jansen, Ärztlicher Leiter des Schmerzzentrums Berlin.

Das ist bei einem Drittel aller betroffenen mit "akuten unspezifischen Kreuzschmerzen" innerhalb von drei Monaten der Fall, so eine Studie der University of Sydney. "Um eine Chronifizierung zu vermeiden, ist es das Wichtigste, in Bewegung zu bleiben", so Jansen. Nach zwölf Wochen gelten belastende Rückenschmerzen als chronisch.

90 Prozent aller Bandscheibenvorfälle kommen ohne Operation aus

Bei der Behandlung von Dauerschmerzen hat sich vor allem eine Überzeugung durchgesetzt: Es hilft nicht eine Therapie allein. Zunehmend hat sich die multimodale Schmerztherapie etabliert, bei der sich Therapeuten aus verschiedenen Fachgebieten (etwa ein Arzt, ein Physio- und ein Verhaltenstherapeut) bei der Behandlung abstimmen. Ihr Erfolg wurde durch Studien bestätigt. "Dieser interdisziplinäre Ansatz wurde noch vor wenigen Jahren nicht in gleicher Weise gewürdigt", sagt Karsten Wiechert.

In den meisten Schmerzzentren und Reha-Kliniken arbeiten inzwischen Orthopäden mit Therapeuten aller Art Hand in Hand. Auch im Alltag, mit Rückenschmerzen zu Hause, ist es richtig, aktiv zu werden – und auszuprobieren. Nicht jedem tut das Gleiche gut. Manche schwören auf Yoga und Akupunktur, anderen helfen Manuelle Medizin und Krafttraining. Die Auswahl an Methoden ist groß. Wir stellen Ihnen diejenigen vor, zu denen wir vielversprechende Studien gefunden haben und die Experten positiv beurteilen – etwa in der neuen Nationalen Versorgungs-Leitlinie "Nicht- spezifischer Kreuzschmerz", an der sich Ärzte bei der Behandlung orientieren sollen. Die Psyche spielt eine große Rolle, auch wenn sie selten die einzige Ursache ist für Rückenschmerzen

Im Bett bleiben war gestern - Bewegung

Worum es geht:

Der Rücken will bewegt wer­den. Denn zu viel Inaktivität kann die Muskeln schwächen und vermutlich auch begünstigen, dass die Faszien verkleben. Bewegungstherapie, als Hauptelement der Physiotherapie, umfasst zum Beispiel Gymnastik, Dehnungsübungen, Krafttraining – und Sport aller Art. Besonders rückenfreundlich sind etwa Klettern oder Schwimmen, die gezielt die Muskulatur ansprechen, sowie aufrichtende Sportarten wie Tanzen, Wandern oder Skilanglauf.

Auch Kampfsport wird empfohlen, weil er Kraft und Koordination schult. "Da Schmerzen Angst vor Bewegung auslösen können, sind auch die sanften Bewegungsverfahren aus dem Yoga oder Tai­ Chi besonders geeignet", so Andreas Michalsen, Professor für klinische Naturheil­kunde an der Berliner Charité.*

Was die Forschung darüber weiß:

Bei aku­ten Schmerzen bringt Bewegungstherapie auch nicht mehr, als einfach so aktiv zu bleiben wie im Alltag. Dennoch wird sie empfohlen, damit Patienten aus Angst vor mehr Beschwerden nicht in eine Vermeidungshaltung verfallen, was die Chronifizierung begünstigt. Bei länger andauernden Kreuzschmerzen reduziert Bewe­gungstherapie im Vergleich zu passiven The­rapien effektiver den Schmerz und steigert die Beweglichkeit.

Das gilt zum Beispiel für Yoga ebenso wie für professionell angeleitete Rü­ckenübungen, wie eine aktuelle Übersichtsar­beit zeigt. Rückenspezifisches Yoga kann ge­nauso wie Physiotherapie dazu führen, dass Patienten mit Schmerzen im Lendenwirbelbe­reich weniger Medikamente nehmen müssen, so eine US-­Untersuchung. Entscheidend für die Auswahl des Trainings seien Vorlieben Betrof­fener, ihre Fitness und die Anleitung durch einen qualifizierten Therapeuten, schreiben die Autoren der aktuellen Kreuzschmerz-Leitlinie.

Für wen es geeignet ist:

Für alle. Therapeuten helfen bei der Auswahl des individuell am bes­ten geeigneten Trainings.

Wer es anbietet:

Krankenkassen, gesundheits­orientierte Fitnessstudios oder Volkshochschu­len bieten Rückentrainingsprogramme an.

Denkweisen verändern – Verhaltenstherapie

Worum es geht:

Die Psyche spielt eine große Rolle bei Rückenschmerzen, auch wenn sie selten die einzige Ursache ist. Stress kann den Schmerz aufrechterhalten oder verstärken: Stress etwa durch Konflikte im Job, einseitige körperliche Belastungen, ungünstige gedank­liche Verarbeitung wie etwa die Angst, dass der Schmerz schlimmer wird.

In einer verhaltenstherapeutisch orientierten Schmerzpsycho­therapie werden private und berufliche Stress­quellen und die gedankliche Verarbeitung der Schmerzen betrachtet; Patienten lernen, un­günstige Denkweisen und Verhaltensmuster aufzuspüren und zu verändern. "Das Ziel dieser Therapie ist es, Menschen die Angst zu nehmen und sie zu ermutigen, aktiv am Leben teilzu­nehmen", erklärt Dr. Regine Klinger, Psycholo­gische Leiterin des Bereichs Schmerzmedizin und Schmerzpsychologie der Universitätsklinik Hamburg­-Eppendorf. Manchmal genügen dafür einige wenige Behandlungseinheiten. Wichtig ist, dass der Therapeut auch die körperlichen Auslöser der Symptome im Blick behält und mit Hausarzt oder Facharzt zusammenarbeitet.

Was die Forschung darüber weiß:

Mehre­re Studien zeigen für Patienten, die ein hohes Risiko für die Chronifizierung ihrer Schmerzen trugen, eine Verbesserung der Schmerzen, der Beweglichkeit und der Lebensqualität durch kognitive Verhaltenstherapie. Auch nahm die Zahl der Arztbesuche ab, und die Patienten konnten schneller wieder in den Beruf zurück­kehren. Eine Studie im Fachblatt "Lancet" wies nach, dass kognitive Verhaltenstherapie über ein Jahr einen positiven Effekt hat bei subaku­ten und chronischen Rückenschmerzen.

Für wen es geeignet ist:

Für Patienten mit anhaltenden Schmerzen. Ganz besonders dann, wenn die Beschwerden nach fünf bis sechs Wochen nicht verschwinden und psychosozi­ale Risikofaktoren bestehen wie Stress bei der Arbeit, Hilflosigkeitsgefühle dem Schmerz ge­genüber, die Neigung, sich extrem zu schonen oder im Gegensatz dazu das Schmerzempfinden zu unterdrücken.

Wer es anbietet:

Schmerzpsychotherapeuten finden sich unter www.dgss.org. Die Behand­lung wird in der Regel von den Krankenkassen übernommen.

Einfach, aber wirksam – Wärmetherapie

Worum es geht:

Wärme kann die Durchblu­tung fördern, Muskeln entspannen und den Schmerz dämpfen. Mögliche Formen der An­wendung: heiße Bäder, Wärmflaschen, Körner­kissen, Rotlicht, Umschläge, Fangopackungen, Heusäckchen von Kneipp, Wärmepflaster.

Was die Forschung darüber weiß:

Wärme­pflaster können akute Schmerzen kurzfristig lindern, hat eine australische Übersichtsarbeit gezeigt. Der Effekt lässt sich vermutlich stei­gern, wenn man nicht nur Wärme anwendet, sondern sich auch regelmäßig bewegt. Die amerikanische Fachgesellschaft American Col­lege of Physicians empfiehlt in ihrer aktuellen Leitlinie unter anderem Wärme als erste Maß­nahme bei akuten Rückenschmerzen.

Für wen es geeignet ist:

Für alle.Werden die Schmerzen aber durch die Wärme stärker, könn­te eine Entzündung hinter den Rückenschmer­zen stecken, dann ist Wärme nicht länger der richtige Weg.

Wer es anbietet:

In der Apotheke gibt es un­ter anderem Moorpackungen oder Wärmepflas­ter, zum Beispiel mit dem Wirkstoff Capsaicin, der Chilis ihre Schärfe verleiht.

Ein ganz neuer Angang – Antibiotika

Worum es geht:

Manche Rückenschmerzen werden offenbar durch Bakterien verursacht – und können durch Antibiotika gelindert wer­den. Für diese revolutionäre Erkenntnis erhielt die Dänin Dr. Hanne Albert kürzlich den Deut­schen Schmerzpreis. Albert war aufgefallen, dass man bei mehr als der Hälfte aller Patien­ten mit Bandscheibenvorfall Bakterien im Ge­webe nachweisen kann, meist an sich harm­lose Bakterien aus der Mundflora.

Durch Verletzungen können sie in den Blutkreislauf geraten und so über die nach einem Bandschei­benvorfall neu gebildeten Blutgefäße in die Bandscheibe. Die Bakterien können dann, selbst wenn der Bandscheibenvorfall ausgeheilt ist, schmerzhafte Entzündungen und Ödeme ver­ursachen und benachbarte Wirbel schädigen.

Was die Forschung darüber weiß:

Wissen­schaftler um Hanne Albert verordneten ihren Probanden über einen langen Zeitraum (100 Tage) dreimal täglich 1000 Milligramm des An­tibiotikums Amoxicillin, was bei rund 80 Pro­zent der Studienteilnehmer die Schmerzen reduzierte. Die Effekte setzten nach sechs bis acht Wochen ein und hielten lange über das Ende der Behandlung hinweg an.

Für wen es geeignet ist:

Albert zufolge sollen nicht alle Patienten mit Schmerzen im unteren Rücken mit Antibiotika behandelt werden. Aber diejenigen, bei denen Ödeme am Knochenmark (sogenannte Modic Changes) auf Bakterien hinweisen und bei denen ein Bakterienbefall nachweisbar ist, könnten "enorm profitieren".

Wer es anbietet:

Das Antibiotikum kann jeder Arzt verordnen. Allerdings geht es um eine Langzeitbehandlung in höherer Dosis. "Der Patient müsste dafür selbst bezahlen, da die Zulassung fehlt. Und eine so lange Antibiotikatherapie wäre sicher auch hinsichtlich der Nebenwirkungen nicht trivial", sagt der Berliner Schmerztherapeut Jan-Peter Jansen.

Nadeln gegen den Schmerz – Akupunktur

Worum es geht:

In China gehört Akupunktur seit 5000 Jahren zur Medizin. Bei dieser Behandlung werden an bestimmten Stellen, den Akupunkturpunkten, feine Nadeln in die Haut gestochen. Dadurch sollen der Energiefluss im Körper beeinflusst und die Selbstheilungskräfte gestärkt werden.

Was die Forschung darüber weiß:

Schon seit Längerem gibt es Hinweise darauf, dass Akupunktur Kreuzschmerzen zumindest kurzfristig lindern kann. Eine Gruppe internationaler Forscher belegte nun kürzlich, dass die positiven Effekte von Akupunktur bei chronischen Schmerzen in den meisten Fällen über zwölf Monate andauern. Eine aktuelle Übersichtsarbeit im "British Medical Journal", an der auch die Berliner Charité beteiligt war, stufte Akupunktur als gute Therapie bei chronischen Schmerzen im unteren Rücken ein. Die aktuellen Leitlinien empfehlen, die Behandlung mit regelmäßiger Bewegung zu kombinieren.

Für wen es geeignet ist:

Therapeuten empfehlen das Nadeln besonders nach einem Hexenschuss, bei Ischiasproblemen sowie chronischem Rückenschmerz. Akupunktur darf nicht bei Entzündungen angewendet werden.

Wer es anbietet:

Eine Therapeutenliste bietet die Deutsche Ärztegesellschaft für Akupunktur auch online auf ihrer Website www.daegfa.de. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten in vielen Fällen teilweise oder ganz.

Heilende Hände – manuelle Medizin

Worum es geht:

Mit diversen Handgriffen werden Muskelverspannungen, Wirbel- und Gelenkblockaden gelockert, die Schmerzen verursachen. Mobilisation und Manipulation sind Verfahren der Manuellen Medizin. Bei der Mobilisation arbeitet der Therapeut mit Drücken und Dehnen, bei der Manipulation werden Gelenke durch zielgerichtete Griffe korrigiert. Nur Ärzte mit Zusatzausbildung in diesem Bereich dürfen beide Techniken anwenden, Physiotherapeuten arbeiten dagegen nur mit der Mobilisation. Zur Manuellen Medizin gehört auch die Osteopathie.

Was die Forschung darüber weiß:

Laut einer amerikanischen Studie mit rund 1700 Probanden erzielt Manuelle Medizin eine kurzfristige Verbesserung des Schmerzempfindens um etwa zehn Prozent – was der Wirkung von entzündungshemmenden Mitteln entspricht. Schmerzen während der Behandlung und Muskelkater danach kommen vor, ernsthafte Komplikationen jedoch kaum.

Für wen es geeignet ist:

Bei schmerzhaften Funktionsstörungen der Gelenke und der Wirbelsäule, etwa Verspannungen und Blockaden. Nicht bei Osteoporose oder Tumoren geeignet. Beschwerden, die durch Verschleiß oder Entzündungen entstehen, bessern sich nicht.

Wer es anbietet:

Qualifizierte Therapeuten finden sich unter www.dgmm.de oder www.physio-deutschland.de (Physiotherapeuten). Die Krankenkasse zahlt die Behandlung, wenn der Arzt eine Zusatzausbildung vorweisen kann.

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* Prof. Dr. Andreas Michalsen: "Heilen mit der Kraft der Natur", 304 Seiten, 19,95 Euro, Insel

BRIGITTE WIR 01/2019

Wer hier schreibt:

Natalie Rösner
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