Knochenmarkspende: Anna-Katharinas neues Leben

Zum Tag der Lebensspende am 28. Mai: Anna-Katharina hatte Leukämie, Kims Zellen retteten ihr das Leben. Die Geschichte einer Knochenmarkspende - und wie zwei junge Frauen Freundinnen wurden.

Kim und Anna-Katharina sind zwei ganz normale junge Frauen. Beide kommen aus Hessen, sie hassen Mathe, lieben Theater und Salt&Vinegar-Chips. Die beiden haben aber noch mehr gemeinsam: In Anna-Katharinas Körper arbeiten Stammzellen von Kim.

Die Geschichte der beiden beginnt im Herbst 2005, Anna-Katharina ist damals 17 und geht in die 11. Klasse. "Ich war ständig müde, wochenlang, es wurde immer schlimmer", erzählt sie. Schließlich geht sie zum Arzt, der stellt die Diagnose: Leukämie. Anna-Katharinas weiße Blutkörperchen vermehren sich explosionsartig, drohen die roten Blutkörperchen und die Blutplättchen zu verdrängen. Eine Chemotherapie bleibt ohne Erfolg - eine Stammzellspende ist nun die einzige Hoffnung für die Schülerin.

Über die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) machen sich die Ärzte auf die Suche nach passenden gesunden Stammzellen für Anna-Katharina. Die Datei ist die größte weltweit: Sie umfasst die Daten von fast 1,9 Millionen Menschen, die sich bereit erklärt haben, ihr Knochenmark zu spenden.

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Eine riesige Zahl Freiwilliger - und trotzdem keine Garantie auf einen passenden Spender. Denn selbst im besten Fall hat nur einer von 20.000 Registrierten die richtigen Zellen. Bei seltenen Fällen hat sogar nur ein einziger Spender unter mehreren Millionen das passende Knochenmark. Jeder fünfte Patient wartet vergeblich auf eine Stammzell- oder Knochenmarkspende.

Auch Anna-Katharina kann nun nichts tun außer hoffen - monatelang. "Mein Immunsystem war so im Keller, dass ich nicht einmal zur Schule gehen durfte. Ich durfte nicht unter Menschen." Im April 2006 endlich die Nachricht: Es gibt einen passenden Spender. Anna-Katharina kommt in eine Klinik, muss nochmals Chemotherapie und Strahlentherapie über sich ergehen lassen - das ist wichtig, damit alle kranken Zellen zerstört werden. Außerdem wird so die Immunabwehr unterdrückt: Der Körper würde die fremden Zellen sonst abstoßen. Anna-Katharinas Körper kann nun nicht mehr selbst Blut produzieren, sie ist auf fremde Stammzellen angewiesen.

Diese fremden Stammzellen, die nun tiefgefroren auf dem Weg in die Klinik sind, waren kurz zuvor noch ein Teil von Kims Körper. Die heute 21-Jährige hatte sich in die Spenderdatei aufnehmen lassen, als jemand aus ihrem Heimatort Rodenbach bei Hanau an Leukämie erkrankte und dessen Familie und Freunde zusammen mit der DKMS einen Aktionstag organisierten. "Eine kleine Blutabnahme, das war's!", erinnert sie sich.

Ein Jahr später kam ein Brief: Ob sie immer noch bereit sei, Knochenmark zu spenden. Nach einigen weiteren Tests ist klar: Ihre Stammzellen passen tatsächlich zu Anna-Katharinas.

Kim bekommt fünf Tage lang einen hormonähnlichen Stoff unter die Haut gespritzt, der ihre Stammzellen aus dem Knochenmark ins Blut schwemmt. Schließlich wird ihr Blut abgenommen, durch einen so genannten Zellseparator geschickt und wieder in den Körper zurückgepumpt - so ähnlich wie bei einer Blutplasma-Spende.

Kims lebensrettende Zellen bekommt Anna-Katharina wie bei einer Bluttransfusion injiziert. Danach erneut Ungewissheit: Wird ihr Körper die Zellen akzeptieren? "Ich lag ich in einem speziellen Zimmer, wo alles desinfiziert sein musste und die Ärzte und Schwestern und meine Eltern nur mit Kittel und Mundschutz rein durften." Vier Wochen später ist klar: Die Transplantation ist gelungen. Heute ist Anna-Katharina 20, es geht ihr gut. Nächstes Jahr will sie ihr Abitur machen und danach studieren - Germanistik vielleicht.

Die Geschichte könnte hier vorbei sein. Aber Anna-Katharina will die Person treffen, deren Stammzellen ihr Leben gerettet haben. "Ich hatte den Wunsch, mich zu bedanken." Erst zwei Jahre nach der Spende dürfen Spender und Empfänger kennen lernen, das ist gesetzlich so geregelt.

Die DKMS stellt den Kontakt her, die beiden jungen Frauen telefonieren, schreiben E-Mails. Und stehen sich schließlich im Dezember 2008 zum ersten Mal gegenüber. "Wir sind uns in die Arme gefallen und haben uns minutenlang umarmt. Es war ein total emotionaler Moment - wir haben beide geweint", sagt Anna-Katharina. "Wir waren gleich total vertraut miteinander. So als würden wir uns schon ewig kennen." Anna-Katharina und Kim bleiben in Kontakt. Gerade planen sie ihr viertes Treffen.

Knochenmarkspende - die wichtigsten Fragen und Antworten

Wie oft erkrankt jemand an Leukämie?

Alle 45 Minuten bekommt ein Mensch in Deutschland die Diagnose Leukämie - das sind etwa 11.000 Neuerkrankungen pro Jahr. Ohne medizinische Behandlung endet eine Leukämie immer tödlich. Bleibt eine Chemo- bzw. Strahlentherapie ohne Erfolg, braucht der Patient eine Stammzell-Spende.

Wie findet man einen Spender?

Rund ein Drittel der Leukämie-Patienten findet innerhalb der eigenen Familie einen geeigneten Spender. In den anderen Fällen kann versucht werden, über die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) passende Zellen zu finden. Dort sind fast 1,9 Millionen Spender registriert. Durchschnittlich erhalten jeden Tag mindestens acht Patienten Stammzellen von Spendern aus der DKMS, insgesamt wurden mehr als 17.000 Spender vermittelt. Für jeden fünften Patienten ohne passenden Familienspender findet sich aber nach wie vor kein geeigneter Fremdspender.

Wie läuft eine Spende ab?

In vier von fünf Fällen werden die benötigten Zellen mit Hilfe der so genannten peripheren Stammzellentnahme gewonnen. Dieses Verfahren kam auch bei Kim zum Einsatz. Der Spender bekommt fünf Tage lang einen hormonähnlichen Stoff unter die Haut gespritzt. Dieser bewirkt, dass die Stammzellen aus dem Knochenmark ins Blut geschwemmt werden. Die Spritzen können Gliederschmerzen hervorrufen, die denen bei einer Grippe ähneln. Danach nimmt man Blut ab und löst mit einem so genannten Zellseparator die Stammzellen heraus. Das restliche Blut wird in den Körper zurückgepumpt.

In einigen Fällen kann diese Methode nicht angewendet werden. Dann entnehmen die Ärzte dem Spender unter Vollnarkose etwa einen Liter Knochenmark-Blut-Gemisch (das sind ungefähr 5 Prozent des Gesamtvolumens) aus dem Beckenknochen und übertragen es dem Patienten. Das entnommene Knochenmark bildet sich innerhalb von 14 Tagen vollständig nach; das Risiko bei der Knochenmarkentnahme beschränkt sich im Wesentlichen auf das Narkoserisiko. Übrigens: Knochenmark und Rückenmark haben nichts miteinander zu tun! Vor einer Querschnittslähmung muss daher kein Knochenmarkspender Angst haben.

Den Verdienstausfall und alle anderen Kosten des Spenders trägt die Krankenkasse des Empfängers.

Wie werde ich DKMS-Spender?

Jeder gesunde Mensch zwischen 18 und 55 Jahren kann sich bei der DKMS registrieren. Dabei gibt es zum einen die Möglichkeit, sich bei einer öffentlichen Typisierungsaktion aufnehmen zu lassen - oder zum anderen per Brief. Unter www.dkms.de kann man sich ein Registrierungsset nach Hause schicken lassen. Enthalten sind eine Einverständniserklärung und zwei Wattestäbchen, mit denen man selbst einen Wangenabstrich vornehmen kann.

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