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Krank zur Arbeit - keine gute Idee, oder?


Erkältungen bringen mich regelmäßig in ein Dilemma: Wenn ich krank zur Arbeit gehe, stecke ich die Kollegen an. Wenn ich zu Hause bleibe, stapelt sich die Arbeit auf meinem Schreibtisch.
Krank zur Arbeit - keine gute Idee, oder?
© Picture Factory/Fotolia.com

Die Kollegin sieht elend aus. Gläserne, müde Augen, rote Schnupfennase, die Stimme schafft kaum ein "Guten Morgen". Nach Hause schicken lässt sie sich nicht. "Geht schon", krächzt sie. Statt auf Ruhe, Inhalieren und viel Trinken setzt sie auf die Pharma-Industrie. Ihr Schreibtisch könnte locker als Apotheken-Tresen durchgehen, so voll gestellt wie er ist, mit diversen Medikamenten-Packungen und Fläschchen. Sie gehört eindeutig ins Bett.

Wer krank ist, hat im Büro nichts zu suchen. Basta. Man kann sich nicht konzentrieren und steckt nur die Kollegen an. Meine Meinung stand auf festen Beinen, bis selbige durch diverse Virenattacken ins Wanken gerieten. Kita-Kind-Mutter, Job im Großraumbüro und Pendeln in öffentlichen Verkehrsmitteln - mit dieser Kombi fing ich mir innerhalb weniger Wochen mehrere Virusinfektionen ein. Ich hangelte mich mit einer Mischung aus kurz Krankschreiben lassen und halb auskuriert zurück ins Büro kommen durch die Arbeitswochen. Warum? Weil mir vor dem Berg unerledigter Arbeit graute, der mich sonst nach meiner Rückkehr erwartet hätte. Weil ich nicht wollte, dass meine Kolleginnen meinen Job miterledigen müssen. Und weil es sich nicht toll anfühlt, sich ständig bei den Chefs krankzumelden.

Also versuchte ich, die bösen Blicke der umstehenden Mit-Pendler zu ignorieren, wenn ich kurz nach dem Losfahren des Zuges das dritte Taschentuch zückte. Genauso wie die mitleidigen Blicke der Kolleginnen, wenn ich mit minutenlangen Hustenanfällen die komplette Konferenzrunde zum Verstummen brachte. Wer krank ist, hat nichts im Büro zu suchen? Wie denn nun?

Die Frage ist, wann ist man zu krank, um zu arbeiten? Klar, wer Fieber oder Magen-Darm-Grippe hat, gehört ins Bett. Wegen eines leichten Schnupfens oder etwas Halskratzen bleibt dagegen sicher niemand zu Hause - sonst wären diesen Winter sicher sämtliche Büros verwaist. Aber was ist mit meinem Dauerhusten und mit der Kollegin, die -trotz geballter Unterstützung der Pharmaindustrie- kaum noch sprechen kann?

Ich frage meine Hausärztin. Ihr Rat ist so schlau wie naheliegend: "Hören Sie auf Ihren Körper! Wie war die Nacht? Fühlen Sie sich trotz der Erkältung ausgeruht? Dann können Sie auch zur Arbeit gehen. Oder konnten Sie kein Auge zu machen und sind total kaputt? Dann kurieren Sie sich besser zu Hause aus, leistungsfähig sind Sie dann ohnehin nicht." Recht hat sie, eigentlich ist die Entscheidung ganz leicht - wenn wir uns frei machen von der Laune des Chefs und der Dringlichkeit des laufenden Projekts. Bleibt noch das schlechte Gewissen gegenüber Bahnmitfahrern und Kollegen, wenn wir uns dazu entschieden haben zu arbeiten und unsere So-schlimm-ist-es-gar-nicht-aber-wir-sind-trotzdem-Viren verteilen? "Nicht zu ändern", meint die Ärztin. "Auch wenn Sie nicht arbeiten, können Sie andere anstecken, spätestens dann, wenn Sie in den Supermarkt gehen, um Essen zu kaufen". Da ist was dran.

Die stark erkältete Kollegin kann beim nächsten Mal also nach Hause gehen - mit gutem Gewissen, weil sie sich wirklich mies fühlt. Und ich habe endlich diesen Artikel fertig geschrieben - ebenfalls mit gutem Gewissen, weil ich mich gut fühle, trotz diverser Hustenanfälle und verschämt in der Schreibtischschublade versteckter Bronchitis-Tabletten. Danke, liebe Hausärztin, für die klare Ansage!

Text: Monika Herbst

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