Organspende - entscheidet euch bitte!

Jeden Tag sterben drei Menschen, weil sie vergeblich auf ein Organ gewartet haben. Nicht mal jeder vierte Deutsche hat einen Organspendeausweis. Warum eigentlich nicht?, fragt sich Redakteurin Nicole Wehr.

Laufen oder Schwimmen? Nordsee oder Mecklenburgische Seenplatte? Steuerberater oder selbst reinfuchsen? Entscheidungsfreude zählt eindeutig nicht zu meinen Stärken. Bei der Arbeit zwinge ich mich dazu, das Abwägen nicht ausufern zu lassen. Im Privaten überlege ich viel zu oft entweder so lange hin und her, bis der Morgen schon zum Nachmittag geworden ist (Beispiel A und B) - oder ich schiebe den Entschluss einfach immer weiter von mir weg (Beispiel C).

Das ist ärgerlich, aber wenigstens mache ich damit nur mir selbst das Leben schwer. Anders verhält es sich bei der Frage: Spende ich im Todesfall meine Organe? Ich gebe zu: Das "Ja" habe ich zwar schon oft gedacht, aber nicht verschriftlicht. Damit bin ich in guter Gesellschaft: 2012 waren 70 Prozent der Deutschen bereit, Organe zu spenden - aber nur 22 Prozent davon haben diesen Willen mit einem Ausweis dokumentiert. Was auch erklärt, warum in rund 70 Prozent der Fälle die Angehörigen mit der Entscheidung allein gelassen werden - und mit dem Zweifel leben müssen, gegen den Willen des Verstorbenen gehandelt zu haben.

Diese Vorstellung allein finde ich schon furchtbar. Die aktuellen Zahlen der Deutschen Stiftung Organtransplantation sind leider ebenso erschreckend: In Deutschland warten 11.000 Menschen auf ein Organ; die meisten von ihnen brauchen eine Niere. Tag für Tag sterben drei dieser Menschen, denn auf eine Million Einwohner kommen nicht einmal elf Spender. Ihre Zahl ist auf einem Tiefpunkt angelangt: Gab es 2012 noch 1046 Organspender, waren es 2013 nur noch 876 - ein Rückgang um 16,3 Prozent.

Der Negativrekord ist sicher auch dem "Organspende-Skandal" geschuldet, der im Sommer 2012 Schlagzeilen machte. Er hat die Ängste der Menschen, als "Ersatzteillager ausgeschlachtet" zu werden, unnötig geschürt. Denn der Skandal bestand nicht darin, dass Patienten fälschlich für hirntot erklärt wurden, um an deren Organe zu kommen. Das Skandalöse waren die manipulierten Wartelisten: In vier deutschen Transplantationszentren hat die Bundesärztekammer schwerwiegende Richtlinienverstöße festgestellt. Protokolle wurden nicht akkurat geführt, Patienten wurden kränker gemacht, um sie vorziehen zu können.

Die Empörung darüber war zurecht groß. Sie hallt bis heute nach - und übertönt mitunter die Konsequenzen, die aus dem Skandal gezogen wurden. Das 2012 erneuerte Transplantationsgesetz soll für mehr Transparenz sorgen und die Abläufe verbessern: Jedes Krankenhaus mit Intensivstation wird künftig einen Transplantationsbeauftragten haben, der sich um die aufwändige Organisation einer Transplantation kümmert - vom Gespräch mit den Angehörigen (das viele Ärzte scheuen) bis zu der Koordination mit der Verteilungsstelle Eurotransplant (einer Stiftung, die die zentrale Warteliste für Belgien, Deutschland, Kroatien, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Ungarn und Slowenien verwaltet). Im internationalen Vergleich steht Deutschland nicht gut da: Wir bekommen viel mehr Organe aus anderen Mitgliedsstaaten, als wir geben.

Das wurde mir klar, als ich mich 2012 doch endlich intensiver mit den Fakten beschäftigte - nachdem mir meine Krankenkasse mit einem Infobrief samt Organspendeausweis zum Abreißen ins Gewissen geredet hatte. Ein "Ja" kann bis zu sieben Menschen das Leben retten. Ein Widerruf ist jederzeit möglich. Ich kann meine Spendenbereitschaft auf bestimmte Organe und/oder Gewebe beschränken. Oder ich kann meine Entscheidung einer anderen Person überlassen - aber ergibt es nicht viel mehr Sinn, sie selbst zu treffen, statt die Verantwortung auf jemand anderes zu übertragen?

Ich habe mein Kreuz ganz oben gesetzt, beim uneingeschränkten "Ja". Was nicht bedeutet, dass mir beim Gedanken daran nicht trotzdem komisch zumute ist. Ich respektiere jeden, der "Nein" ankreuzt. Diese Entscheidung muss jeder für sich treffen dürfen. Aber man sollte sie jetzt treffen.

Die häufigsten Fragen und Antworten zur Organspende

Der gemeinnützige Verein Junge Helden hat es sich zur Aufgabe gemacht, gerade junge Menschen für das Thema Organspende zu sensibilisieren - ohne dabei missionieren zu wollen. In Schulklassen, auf Partys oder Sportveranstaltungen geben sie ihr Wissen weiter. Von ihnen stammen die FAQ.

Nicole Wehr

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