Migräne: Mehr als "nur" Kopfschmerzen

Der quälende Schmerz einer Migräne kann uns wahnsinnig machen. Aber was genau ist Migräne überhaupt? Und welche Symptome deuten auf diese Form der Kopfschmerzen hin?

Diese Symptome deuten auf eine Migräne hin

Zwei von drei erwachsenen Deutschen leiden regelmäßig unter Kopfschmerzen. Davon haben rund 18 Millionen Menschen mit einer besonders heftigen Form von Kopfschmerzen zu tun: Migräne. Die Symptome sind von Mensch zu Mensch verschieden - selbst bei ein und derselben Person können sich Migräne-Anfälle unterschiedlich äußern. Charakteristisch dafür ist jedoch ein periodisch wiederkehrender, plötzlicher, pulsierender und häufig halbseitiger Kopfschmerz. Welche Anzeichen können auf eine Migräne hindeuten? Die häufigsten Symptome, Begleiterscheinungen und Auslöser im Überblick.

Warum trifft es gerade Frauen?

"Sie hat mal wieder ihre Migräne!" Der Satz ist mehr Vorwurf als Feststellung. Und tatsächlich ist es noch nicht lange her, da galt Migräne selbst bei Medizinern nicht als Krankheit, sondern als Einbildung weiblicher Hysterie. Oder als Ausrede, wenn Frau von Mann gerade nichts wissen wollte.

Dabei trifft der pulsierende Kopfschmerz zwar überwiegend Frauen, aber immerhin auch 22 Prozent der männlichen Deutschen. Im Kindesalter sind sogar etwas mehr Jungen als Mädchen migränekrank, erst die Pubertät macht viele Frauen zu Betroffenen. Verantwortlich sind die weiblichen Geschlechtshormone, die Östrogene.

Doch der plötzlich absinkende Östrogenspiegel vor der Regelblutung ist meist nur einer unter mehreren möglichen Auslösern. Nur etwa jede Zehnte hat tatsächlich ausschließlich vor oder während ihrer Periode Anfälle. Meistens kommt ein zweiter Auslöser dazu. Wenn der Zusammenhang aber ganz direkt zur Periode besteht, kann man probieren, ob ein (verschreibungspflichtiges) Östrogengel hilft: Man trägt es kurz vor und während der Periode auf, um den Östrogenentzug bei der Menstruation zu mildern. Auch eine Antibabypille, ohne Pillenpause genommen, kann helfen, den Hormonhaushalt ins Lot zu bringen und die Zahl der Migräneattacken zu reduzieren.

Leider hört die Krankheit mit den Wechseljahren auch nicht auf. Erträglicher wird es für betroffene Frauen meist nur vorübergehend: in der Schwangerschaft. "Das ist sozusagen die beste Vorbeugung von Migräne", so Professor Hartmut Göbel, Leiter der Schmerzklinik Kiel. Denn werdende Mütter haben einen konstant hohen Hormonspiegel und leben oft gesünder.

Gibt es einen Migräne-Charakter?

Migräniker gelten bestenfalls als speziell, schlimmstenfalls als anstrengend - wollen angeblich immer alles durch- und vorausdenken, alles perfekt machen. Der Realitätscheck lässt jedoch wenig davon übrig: Der typische Migräne-Charakter existiert nicht. Es gibt zahlreiche Perfektionisten und ängstliche Grübler, die lebenslang einen schmerzfreien Kopf behalten.

Doch auch, wenn die Krankheit keine Frage der Persönlichkeit ist, begünstigen viele die Anfälle durch ihr Verhalten: Sie sind überaktiv, gönnen sich keine Pause und merken nicht, wann sie sich selbst überfordern. Erst die Migräneattacken zwingen sie zur Ruhe. Auch deswegen sind die Beschwerden häufig Familiensache: Mutter und Vater geben nicht nur bestimmte Migräne-Risiko-Gene weiter, sondern oft auch ihre Art oder ihr Unvermögen, mit Stress umzugehen. Bei vielen ändern sich die Kopfschmerzen, ihre Häufigkeit und Stärke, wenn sie ihr Verhalten ändern, zum Beispiel durch regelmäßige Entspannungsübungen oder ein Stressbewältigungstraining.

Was passiert da eigentlich im Kopf?

Böse Geister, göttliche Visionen oder ein Übermaß schlechter Verdauungssäfte: Unsere Vorfahren waren erfindungsreich bei der Suche nach Erklärungen für die Schmerzanfälle. Heute hat die Forschung ein ziemlich genaues Bild davon, was im Gehirn eines Menschen mit Migräne schiefläuft. In bestimmten Situationen überflutet es sich selbst mit Nervenbotenstoffen.

Um die wieder loszuwerden, startet das Gehirn eine Entzündungsreaktion. Die entzündeten Adern werden immer schmerzempfindlicher, bis selbst der Pulsschlag wie ein Hammer gegen die Gefäßwände zu donnern scheint. So entsteht der typische pulsierende Schmerzcharakter.

Etwa 15 Prozent der Betroffenen erleben schon bevor der Schmerz einsetzt eine sogenannte Aura. Meist sehen sie flimmernde Flecken oder Lichtblitze, seltener kommt es zu Lähmungen, Sprachstörungen oder Halluzinationen. Grund für diese Fehlwahrnehmungen ist eine Erregungswelle, die zu Beginn des Anfalls über die Nerven der Hirnoberfläche wandert.

Und wo bitte ist der Schalter?

Die meisten Migräniker haben eine lange Liste, was bei ihnen wann den Hammer im Kopf lostritt: Schokolade, Rotwein, der Geruch von Wirsingeintopf, plötzlicher Regen von Nordost oder der Samstag nach einer arbeitsreichen Woche ... Dabei ist es manchmal gar nicht so leicht, einen eindeutigen Schuldigen auszumachen.

Schokolade etwa wird meist zu Unrecht verdächtigt. Denn Migräne beginnt mit einer ein- bis zweitägigen schmerzfreien Phase, in der viele Betroffene reizbar und müde sind - oder hungrig auf Süßes. Wer dann Schokolade isst, hat danach zwar Schmerzen, die wahre Ursache dafür liegt aber woanders. Meist führt auch erst eine Kombination mehrerer Faktoren in den Anfall: etwa, wenn Wetter- und monatlicher Hormonumschwung zusammenkommen.

Leider verschwinden die Kopfschmerzattacken nicht unbedingt, auch wenn man alle verantwortlichen Faktoren findet und penibel genug vermeidet. Ebenso wenig gibt es ein Medikament, das die Anfälle ein für alle Mal abschaltet. Migräne lässt sich nicht heilen. Denn dahinter steht eine bestimmte, unveränderliche Eigenschaft des Nervensystems: Es ist gerade bei Migräne-Patienten überaus aktiv.

"Das Gehirn kann drei Sachen auf einmal machen und um fünf Ecken denken", so Forscher Hartmut Göbel. Doch gleichzeitig ist es schlecht darin, wiederkehrende Reize einfach auszublenden. Im Gegenteil: Es reagiert von Mal zu Mal empfindlicher und schaukelt sich so quasi immer wieder selbst auf.

Aber dann hilft ja nichts, oder?

Etwa die Hälfte aller Betroffenen behandelt ihre Anfälle auf eigene Faust, ohne jemals deswegen beim Arzt gewesen zu sein. Viele meinen, die Medizin oder Neurologie könne ihnen ja ohnehin nicht helfen. Dabei hat sich in den letzten Jahren in der Kopfschmerz-Forschung viel getan. Mittlerweile gibt es spezielle Migränemittel, sogenannte Triptane, die nicht den Schmerz, sondern seine Ursache bekämpfen, die Entzündungen in den Blutgefäßen. Seitdem lassen sich auch schwere Migräneanfälle behandeln.

Und wirksam vorbeugen kann man ebenfalls: etwa durch Medikamente wie Betablocker oder Therapien wie das Biofeedback-Verfahren. Selbst wer die Schmerzen jahrelang mit sich selbst ausgemacht hat, kann erfolgreich behandelt werden. Wichtig ist jedoch, ein Kopfschmerztagebuch zu führen - das hilft dem Arzt bei der Diagnose und der anschließenden Behandlung.

Trotzdem ist es gefährlich abzuwarten. Viele Betroffene geraten in eine fatale Spirale: Sie werden immer vorsichtiger, vermeiden immer mehr tatsächliche oder vermutete Auslöser, bis sogar die Angst vor der Migräne den nächsten Anfall auslöst.

Migräne hat auch was Gutes – echt jetzt?

Viele Menschen mit Migräne haben ein sehr leistungsstarkes Gehirn. Ein Beispiel: Die Anspannung, die rote Ampeln für jeden Autofahrer bedeuten, lässt bei Menschen ohne Migräne von Mal zu Mal nach. Bei Migränikern stumpft das Gehirn dagegen nicht auf diese Weise ab. Und: Frauen und Männer mit Migräne schalten einfach schneller - und das nicht nur beim Autofahren. Und noch einen Vorteil gibt es, auch wenn der natürlich nur statistisch gilt: Frauen, die an Migräne leiden, haben ein um etwa 30 Prozent niedrigeres Risiko, an Brustkrebs zu erkranken.

Lassen sich die Schmerzen wegbügeln?

Vielleicht war ja auch der eine oder andere Promi unter den eher zufälligen Probanden: Diese ließen sich mit Botox Stirnfalten wegspritzen und hatten das Gefühl, dass die Verjüngungskur auch ihre Migräne gebessert hat. Nur ein psychologischer Effekt? Schön, jung, glücklich gleich schmerzbefreit? Nein, haben Studien nun zweifelsfrei festgestellt. Grund für die angenehme Nebenerscheinung ist vermutlich die muskellähmende Wirkung des Stoffes. Botulinumtoxin Typ A lindert auch Migräne - es bringt aber nur bei Menschen mit chronischen Schmerzen gute Erfolge.

Für die Anwendung dieser Therapie gelten relativ strenge Regeln (kein Medikamentenübergebrauch, kein Spannungskopfschmerz, an mindestens 15 Tagen im Monat länger als vier Stunden Migräne). Und sie wird auch nur nach Prüfung des Einzelfalls von der Krankenkasse bezahlt. Ein Hoffnungsschimmer ist sie für einige Patientinnen trotzdem, denn: "Wer jeden zweiten, dritten Tag leidet, der hat oft das Gefühl, das eigene Leben nicht mehr unter Kontrolle zu haben", sagt Dr. Astrid Gendolla. In solchen Fällen können gezielte Botoxspritzen alle drei Monate im Kopf- und Nackenbereich tatsächlich helfen. Und wenn dabei gleichzeitig die eine oder andere Stirnfalte verschwinden sollte, tut das doch auch nicht wirklich weiter weh - oder?

"Es fühlt sich an als würde man erblinden"

Der erste Migräne-Simulator der Welt ermöglicht es Angehörigen nachzuvollziehen, was Betroffene im Freundes- und Familienkreis durchmachen.

Die Versuchspersonen erleben alltägliche Situationen wie eine Bahnfahrt, den Besuch in einem Café oder den Aufenthalt in Lichtdurchfluteten Räumen aus der Perspektive eines Migräne-Patienten. Der von ihnen getragene Simulator fungiert als eine Art Brille. Die auftretende Intensität der Symptome wird vom Team gesteuert.

Nach dem Experiment beschreibt eine junge Frau, dass sie sich fühlte als würde sie erblinden. Alle Teilnehmer reagierten am Ende geschockt und gaben offen zu, das Leid bisher deutlich unterschätzt zu haben. Diese Simulation ging dabei lediglich auf die optischen Wahrnehmungsstörungen ein - die körperlichen Schmerzen wurden nicht einbezogen.

Die Tatsache, dass selbst die Begleiterscheinungen eines Migräneanfalls bereits ausreichen, um Menschen aus der Bahn zu werfen, bestätigt erneut was Betroffene längst wissen: Migräne ist viel mehr als nur "ein bisschen Kopfschmerzen", und wer es darauf reduziert, hört den Betroffenen nicht richtig zu!

Nicole Wehr, Antje Kunstmann, jg
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