Migräne nach den Wechseljahren: Wann hört sie auf?

Mit den Wechseljahren hört die Migräne auf? Nicht bei BRIGITTE WOMAN-Autorin Bettina Rubow. Sie macht sich jetzt noch mal auf, der Plage endlich beizukommen – denn immerhin gibt es neue Behandlungsansätze.

Wenn mir Freundinnen freudestrahlend berichten, dass sie schon länger kein Kopfweh mehr hatten, halte ich das nicht so gut aus. Warum sie und ich nicht? Nach der Menopause, das hatte auch ich gehofft, würden meine Kopfschmerzen langsam, aber sicher verschwinden. Mein Leben würde ein langer ruhiger Fluss sein, ohne Schmerztabletten und Triggerpunkte.

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Hilfe, Kopfschmerzen! Immer noch ...

Aber nix da! Es ist sogar schlimmer geworden, manchmal sind es bis zu fünf Schmerzattacken pro Monat. Während ich diese Zeilen schreibe, zieht es hinten links im Nacken. Ich beobachte das genau, denn daraus kann jederzeit eine Migräne-Attacke entstehen. Gleichzeitig versuche ich, Anzeichen und Auslöser nicht zu hoch zu hängen. Ja nicht zu viel Aufmerksamkeit, um den Schmerz nicht zum Hauptdarsteller meines Lebens zu machen – das ist schon sehr lange meine Devise.

Ich habe Migräne, seit ich zwölf bin. Damals hieß sie noch Kopfweh und veranlasste meine Mutter, mit mir zum Neurologen zu gehen. Ein EEG machen? Komplett überflüssig. Man hätte sich nur in der Familie umschauen müssen. Der Vater, Lehrer: Kopfweh. Die Großmutter, Bäuerin: dasselbe. Tatsächlich hängt Migräne mit erblichen Faktoren zusammen. Auch die Mechanismen, die zu den Schmerzen führen, sind heute ganz gut untersucht. Man geht davon aus, dass übermäßig aktive Neuronen, also Nervenzellen, im Gehirn eine Entzündung an den Blutgefäßen der schmerzempfindlichen Hirnhäute provozieren. Das geschieht vor dem Hintergrund eines sehr leicht reizbaren Gehirns. Stimmt, kann ich nur sagen, denn ich höre tatsächlich die Flöhe husten – manchmal husten sie sogar aus entfernten Räumen. Auch dass es sich bei Migräne um einen entzündlichen Prozess handelt, kann ich selbst spüren, wenn ich mir an die Schläfe, vors Ohr und in den Nacken fasse. Während einer Attacke pulsiert dort heiß das Blut.

Viele leiden unter Sehstörungen, manche auch unter Sprachstörungen, bevor die Schmerzen kommen. Bei mir schmerzt der Nacken, aber nur auf der Seite, wo dann später der Migräneschmerz sitzt. Zuvor kündigt sich die Attacke durch schlechte Laune und Niedergeschlagenheit an. Manchmal bin ich erleichtert, wenn es wehtut, weil ich dann weiß: Immerhin ist es keine Depression, sondern nur Migräne. Nur Migräne? Diese Kopfschmerzen gehören zu den schlimmsten Schmerzen überhaupt, heißt es. Wenn du dir schon einmal einzeln die Haare ausgerissen hast, um dich irgendwie davon abzulenken, kennst du die Dimension.

Mittlerweile gibt es viele Medikamente für akute Anfälle

Meist treten die Schmerzen nur auf einer Seite des Schädels auf ("hemicrania", zu Deutsch: halber Schädel, daher der Begriff der Migräne), manchmal wandern sie im Verlauf auf die andere Seite. Ihre Begleiterscheinungen wie Übelkeit, brennende Augen, Schwindel, Überempfindlichkeit gegen Licht, Gerüche und Geräusche sind ebenfalls sehr, sehr lästig. Mehr über Migräne-Symptome erfährst du hier. Das Schlimmste aber ist nach meinem Empfinden das Gefühl absoluten Elends, das einen Anfall immer begleitet. Darum kann man gar nicht anders, als sich komplett zurückzuziehen, wenn es wieder so weit ist. Das ist das Allerwichtigste für das gestresste Gehirn.

Muss man das tatenlos aushalten? Definitiv nicht. Es gibt zahlreiche Strategien dagegen. Nicht nur zur Vorbeugung der Attacken der Volkskrankheit. Seit 1993 sind auch spezielle Medikamente für die Behandlung akuter Anfälle auf dem Markt. Triptane unterbinden den Entzündungsprozess im Kopf. Ohne sie würde es sehr vielen Frauen – die etwa doppelt so häufig unter den wiederkehrenden Schmerzen leiden wie Männer – sehr viel schlechter gehen. Mir auch.

Ich habe immer versucht, meiner Migräne das zu geben, was sie in Schach hält – aber kein Quäntchen mehr. Habe mit ihr um den Platz gerungen, den sie in meinem Leben einnimmt. Auch jetzt, da ich beschlossen habe, es noch einmal ernsthaft mit ihr aufzunehmen, fällt mir das Sprechen über sie schwer. Weil ich so ungern an sie denke, widerstrebt mir auch das gewissenhafte Protokollieren im Migräne-Kalender zutiefst. Ich beobachte das doch seit vielen, vielen Jahren, warum soll ich Schmerzgrad, Lokalisation, Medikation und die Dauer des Leids noch aufschreiben?

Ich weiß doch, dass es so viele Auslöser gibt – und dann wieder keinen echten: Rotwein, Streit, Ausschlafen... Manche Auslöser sind gar keine, sondern erste Zeichen der Attacke. Migräne-Apps? Ebenfalls nichts für mich. Denn das sind im Prinzip elektronische Migräne-Kalender mit Zusatzfunktion. Habe mich aber neulich köstlich auf der Seite der App "M-Sense" amüsiert. Einer der Nutzer schreibt: "Fast das ganze Jahr ohne Migräne überstanden, und jetzt kommt sie plötzlich mit einer Arschbombe angesprungen. Hat auch Koffer dabei. Es bohrt und hämmert. Scheint ein längerer Aufenthalt zu werden." So was gefällt mir. Humor ist sowieso die beste Methode, um das Leben trotzdem zu genießen.

Haben die Wechseljahre Auswirkungen auf die Migräne?

Aber noch einmal zurück zur Ausgangsfrage. Ist es normal, dass man in den Wechseljahren und danach noch so leidet? Dr. Stefanie Förderreuther, Münchner Kopfschmerz-Expertin, kennt viele Frauen, denen es wie mir ergeht. Sie macht die hormonellen Schwankungen während des Wechsels, die ja in die Zeit nach der letzten Blutung hineinreichen, dafür mitverantwortlich. Aber warum wird es dann bei so vielen Frauen besser – eben in genau dieser Zeit? "Das sind diejenigen, deren Migräne zyklusabhängig ist. Sie profitieren enorm von den Wechseljahren und der Menopause", so Dr. Katja Heinze-Kuhn von der Schmerzklinik Kiel. Meine Kopfschmerzen waren das aber nie. Die meisten Frauen würden ihre Migräne erst in ihrem sechsten Lebensjahrzehnt los, sagt Frau Förderreuther. In dem Alter sei man ganz einfach entspannter.

Dann bleiben mir also noch ein paar Jahre mit dem Elend. Jahre, in denen ich weiter Yoga praktiziere (Entspannung beugt Attacken vor) und joggen gehe (Ausdauersport ebenso). Aber in denen ich auch ausprobieren kann, was ich noch nicht getestet habe. Etwa einen Aufenthalt in der Schmerzklinik Kiel, die eine stationäre Behandlung für Migräne-Kranke anbietet. Oder das neue Migräne-Prophylaktikum, von dem man jetzt so viel liest: Das Medikament "CGRP-Antikörper" hemmt den gleichnamigen Entzündungsbotenstoff im Gehirn und hat in Studien chronischen Migränikern nicht nur sehr gut, sondern auch nebenwirkungsarm geholfen.

Ich frage meine Neurologin. Mit durchschnittlich vier Attacken im Monat, und das bereits über zwei Jahre hinweg, bin ich doch die perfekte Patientin für das neue Medikament, oder? "Nun ja", sagt sie. "Die Krankenkassen übernehmen die Kosten nur, wenn zumindest drei bereits erprobte Prophylaxe-Möglichkeiten erschöpft sind. Bei Ihnen sind es erst zwei." Betablocker und Antidepressiva – beides hat mir nicht geholfen. Und was ist mit der Vitamin-Mineralstoff-Kombi (Vitamin B2 mit Magnesium und Coenzym Q10), den manuellen Methoden wie Chiropraktik, Osteopathie oder Akupunktur, die bei meinen Freundinnen ganz viel gebracht haben? Habe ich alle probiert, aber ohne nachhaltige Wirkung. Die aktuelle Migräne-Leitlinie empfiehlt auch noch das Antiepileptikum Topiramat zur Prophylaxe, das die Überaktivität von Nervenzellen dämpft und krampflösend wirkt. Als Nebenwirkungen sind Kribbeln, Taubheit und Gewichtsabnahme gelistet – ungünstig, wenn man eh ein dünnes Hemd ist wie ich.

Wenn es besser werden soll, muss ich der Krankheit mehr Raum in meinem Leben geben

"Botox", also das Nervengift Botulinumtoxin A, wäre das geeignete dritte Prophylaktikum für mich, rät meine Neurologin. "Immer her damit!", rufe ich relativ begeistert. Und erfahre, dass man, um das Rezept zu bekommen, erst mal nachweisen muss, wie sehr man leidet – natürlich mit einem Migräne-Kalender. Außerdem könnte etwa mein Lid nach der Injektion hängen. Das würde zwar vergehen, aber die positive Wirkung von Botox auch. Und das alles nur, um danach die CGRP-Hemmer zu bekommen? Ja, erklärt die Ärztin. Denn die Antikörper-Spritzen sind immens viel teurer als alle bisher verfügbaren Mittel. Eine Dreierpackung kostet um die 2000 Euro und reicht für drei Monate. Viel Geld für ein Leiden, das zwar zu den häufigsten und am meisten behindernden Krankheiten weltweit zählt, aber eben nicht tödlich ist. Hm.

Will ich diesen Weg gehen? Womöglich gehöre ich exakt zu dem Drittel Patienten, das nicht auf den Antikörper reagiert. Und weg ist die Migräne nach den Spritzen auch nicht – nur für die Zeit der Behandlung darf man auf weniger Attacken hoffen. Aber es hilft wohl alles nichts: Wenn es besser werden soll, muss ich der Krankheit mehr Raum in meinem Leben geben. Ich könnte Biofeedback lernen oder einen MBSR-Kurs buchen, in dem achtsamkeitsbasierte Stressreduktion gelehrt wird. Beides ist absolut vielversprechend, wie Studien belegen. Kurz entschlossen setze ich mich hin und fange einen Migräne-Kalender an.

TRIPTANE - DIE WICHTIGSTEN INFOS

  • Greifen Sie zu Triptanen möglichst zu Beginn einer Migräne-Attacke, so wirken sie am besten.

  • Nicht an mehr als zehn Tagen im Monat nehmen, sonst droht ein medikamenteninduzierter Kopfschmerz. Heißt: Man bekommt Kopfweh von den Kopfwehmitteln.

  • Triptane haben Nebenwirkungen und dürfen bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen nicht eingenommen werden.

  • Sie wirken nur bei Migräne und nicht bei Spannungs- und anderen Kopfschmerzen.

  • Medikamente sind zwar zum Teil rezeptfrei, aber nur mit vorangegangener Diagnose.

  • Die Kombination eines Triptans (Sumatriptan) mit dem lang wirkenden Schmerzmittel Naproxen (es gehört wie etwa Ibuprofen zu den sogenannten NSARs) kann das Wiederauftreten der Migräne-Anfälle verhindern.

Brigitte WOMAN 5/2019

Wer hier schreibt:

Bettina Rubow
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