HWS-Syndrom: Was hilft gegen Nackenprobleme?

Probleme mit der Halswirbelsäule, kurz HWS, sind heutzutage keine Seltenheit mehr. Zunehmend sehen Ärzte und Physiotherapeuten Patienten, bei denen die Halswirbelsäule unnatürlich gestreckt ist. Was ist da los?


Verdammt, jetzt hätte sie beim Abbiegen fast die beiden Radfahrerinnen übersehen. Gerade noch rechtzeitig kann Marion B., 42, bremsen. Doch die brenzlige Situation macht der Steuerfachangestellten drastisch bewusst: Sie braucht dringend einen Termin beim Arzt. Sie kann ihren Kopf kaum noch drehen.
 Wenn der "Schulterblick" beim Autofahren nur noch ein begrenztes Sichtfeld erfasst, ist das ein deutliches Zeichen dafür, dass die Halswirbelsäule in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt ist. Keine Seltenheit heute – und bei unserer modernen Lebens­ und Arbeitsweise eindeutig ein neues Zivilisationsleiden. Zunehmend sehen Ärzte und Physiotherapeuten Patienten, bei denen sich die Halswirbelsäule durch Dauerbeanspruchung sogar unphysiologisch verändert hat. "Sie hat ihre natürliche Rundung eingebüßt, ist steiler und starrer geworden", sagt Jürgen Förster vom Zentrum für Chiropraktik und Osteopathie Dresden. Vor allem eine stundenlange einseitige Haltung vor dem Computer, am Labortisch oder im Friseursalon ist schuld an solchen Veränderungen. Fordern Digitalisierung und Monotonie in Job und Freizeit zunehmend ihren Tribut?

Unsere Halswirbelsäule (HWS) ist ein genial konstruiertes Meisterwerk der Natur

Sieben unserer 24 beweglichen Wirbel gehören dazu. Der oberste, C1 (C = Zer­vikal­ bzw. Halswirbel), auch "Atlas" genannt, trägt unseren Kopf, so wie der gleichnamige Titan aus der griechischen Mythologie den Himmel auf seinen Schultern balancierte. Dank eines eiförmigen Gelenks zwischen ihm und dem Schädel können wir unseren Kopf heben und senken. Drehen können wir ihn, weil der Atlas einen Ring hat, in den ein Knochenfortsatz des zweiten Halswirbels (C2 oder "Axis") hineinragt und so eine Drehachse bildet. Beide Wirbel zusammen sind unser Kopfgelenk, ein eingespieltes Team, das allerdings recht anfällig für Störungen ist. Denn genau an dieser Stelle laufen Nervenleitungen Richtung Rückenmark und Gehirn. Die restlichen fünf Halswirbel (C3 bis C7), die die leichte Wölbung der Halswirbelsäule nach innen komplettieren, sind weniger beweglich. Sie brauchen dringend kräftige Muskeln im Nacken, um den Hals zu stabilisieren. Doch daran hapert es oft. Die Folge: ein sogenanntes HWS­ oder Zervikalsyndrom, das fast immer mit Schmerzen und Verspannungen der Muskulatur einhergeht.

HWS-Syndrom: Mehr als eingeschränkte Flexibilität 

"Sechs bis acht Zentimeter tief ist unsere Muskulatur im Nacken. Wird sie zu stark strapaziert, verspannen sich zunächst die oberflächlichen Muskeln. Sind die tiefen zu schwach, kommt es zu einer Fehlhaltung des Kopfes", erklärt Professor Hans­Raimund Casser, Ärztlicher Direktor des DRK­-Schmerz-­Zentrums Mainz. Der Facharzt für Orthopädie-­Rheumatologie und Schmerztherapie weiß aus seiner Praxis: Bei so einer muskulären Dysbalance und gleichzeitiger Dauerbelastung wird die Halswirbelsäule überstreckt, sie wird steiler. "Betroffene können das Kinn nicht mehr zur Brust bringen oder hoch­heben, und die Rotationsfähigkeit ist eingeschränkt." Bei Röntgenaufnahmen lässt Hans­ Raimund Casser die Patienten gezielt den Kopf nach vorn und weit nach hinten strecken. Dabei sieht er: Die unteren drei Wirbel sind oft so steif, dass die oberen sich noch stärker bewegen müssen. Die Folge: Wirbel verschieben sich aus ihrer Position ("Wirbelgleiten"), und die Wirbelsäule wird instabiler. Hinzu kommt, dass spätestens ab dem 40. Lebensjahr die Beweglichkeit unserer Wirbelsäule ohnehin nachlässt, weil sich die kleinen Wirbelgelenke degenerativ verändern. "Das ist so normal wie Falten in der Haut", sagt Casser. Bei einer Dysbalance der Muskulatur nimmt jedoch das Risiko zu, dass sich diese kleinen Gelenke verkanten und Bewegungen komplett blockieren. Dann geht gar nichts mehr.

Ist eine exzessive Smartphone-Nutzung ein Auslöser des HWS-Syndroms? 

Auch die exzessive Nutzung von Smartphones und Tablets verursacht eine muskuläre Schieflage. "Handy­-Nacken" heißt das bereits plakativ. Unser Kopf wiegt rund fünf Kilogramm. Wenn wir auf ein Display schauen, neigen wir ihn um 30 bis 40 Grad nach unten. "Durch die Hebelkraft ziehen dann Kräfte von etwa 20 Kilogramm an unserer Hals­ und Nackenmuskulatur. Das entspricht dem Gewicht einer Wasserkiste", sagt Professor Bernd Kladny, Chefarzt Orthopädie und Unfallchirurgie der Fachklinik Herzogenaurach. Tippen wir außer­ dem noch mit beiden Daumen SMS und Whats-App-­Nachrichten, sind die Muskeln im Nacken­-Schulter­Bereich zusätzlich gefordert. Wer das zwei bis vier Stunden täglich macht, müsse sich nicht über unangenehme Verspannungen wundern, meint der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie (DGOOC). "Durch die selbst auferlegte nach vorn gebeugte Zwangshaltung fällt die Wirbelsäule in sich zusammen, und die Brustmuskulatur verkürzt sich, während sich andere Muskeln wie etwa der Trapezius verspannen." Dieser Muskel, der auf beiden Seiten der Wirbelsäule wie ein Dreieck vom Hinterkopf bis zu den unteren Brustwirbeln verläuft, ist häufig an Spannungskopfschmerzen beteiligt.

Inwiefern korrelieren seelischer Stress und das HWS-Syndrom miteinander? 

Stress, negative Gefühle und seelische Belastungen begünstigen Verspannungen zusätzlich weiß Professor Monika Hasenbring, Leiterin der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Ruhr-Universität Bochum. "Die biomechanische Belastung für unseren Nacken ist enorm in unserer modernen Arbeitswelt. Die Psyche verstärkt sie oft noch", sagt die Psychologin. So kann uns "Angst im Nacken sitzen", etwa davor, unsere Arbeit nicht zu schaffen, und wenn wir uns zu viel aufgeladen haben, zu viel Verantwortung tragen müssen, brechen wir unter der "Last auf den Schultern" zusammen. Schnell ziehen wir den Kopf ein, ducken uns weg oder machen uns erst recht gerade, um uns gegen mögliche Angriffe des Alltags zu wappnen. Unser Nacken reagiert sofort sehr sensibel. Und wenn wir uns dann noch aus falschem Pflichtgefühl heraus notwendige Pausen versagen, sorgen wir oft selbst dafür, dass Beschwerden chronisch werden.

Wichtig: So früh wie möglich etwas dagegen zu tun! 

Vor allem, wenn weitere Beschwerden andernorts im Körper darauf hindeuten, dass bereits Nerven, die nahe an der Halswirbelsäule verlaufen, gereizt sind: Kribbeln und Taubheit in den Armen, Pelzigkeitsgefühle in den Händen, Schwindel, Tinnitus und Gesichtsschmerzen können ein Zeichen dafür sein. Verspannungen im Nacken können sogar das Nervengeflecht beeinträchtigen, das unseren Herzschlag beeinflusst. "Wenn ein Kardiologe keine organische Ursache findet, sollte bei anhaltendem Herzrasen auch die Halswirbelsäule kontrolliert werden", rät Hans-Raimund Casser. "Viele merken gar nicht, wie verspannt sie sind." Ein guter Orthopäde entdeckt die muskulären Dysbalancen bereits bei einer gründlichen Untersuchung, Röntgen und Magnetresonanztomografie sind meist nicht nötig.

Sollte sich herausstellen, dass sich Wirbelgelenke verkantet haben... 

...ist die Beseitigung dieser Blockade der erste Schritt der Therapie. Wichtig: Dabei sollte nur ein ausgewiesener Fachmann Hand anlegen; die Gefahr von Verletzungen sei gerade im Bereich der Halswirbelsäule sehr groß, warnt Orthopäde Casser. "Anschließend muss die Muskulatur dringend mithilfe von Energietechniken entspannt werden, um erneute Blockaden zu verhindern", so der Experte. Dafür werden die verkürzten Stränge vorsichtig, zunächst millimeterweise, durch einen Arzt oder einen speziell ausgebildeten Manualtherapeuten gedehnt. Keine angenehme Prozedur. "Der Körper wehrt sich gegen die Dehnung", sagt Bernd Kladny. Nötig ist sie trotzdem. Erst dann können die geschwächten Gegenspieler gekräftigt werden. Dafür heißt es regelmäßig üben, auch zu Hause, der Therapeut stellt dafür ein individuelles Programm zusammen. Sanfte Massagen und Wärmepackungen können den Effekt aktiven Trainings unterstützen. Medikamente und Spritzen lindern anfangs notfalls die Schmerzen. Schonung ist tabu, wenn keine schwerwiegenden neurologischen Probleme vorliegen. Trotzdem dauert es nicht selten Wochen oder sogar Monate, bis die Dysbalancen ausgeglichen sind. Hilfreich kann eine Biofeedback-Therapie sein. Dabei messen Sensoren am Körper die Anspannung der Muskeln und machen diese auf einem Computerbildschirm sichtbar. So gelingt es vielen Betroffenen, ihren Körper und seine Reaktion auf Stress wieder besser zu spüren und gezielt Entspannungstechniken zu erlernen, um sie zu beeinflussen.

Eine Besserung auf Dauer! 

Damit es auf Dauer besser wird, muss aber auch der Arbeitsplatz individuell ergonomisch richtig eingerichtet wird. Oft ist es sinnvoll, eine Gleitsichtbrille durch eine spezielle Brille für Bildschirmarbeit zu ersetzen. Außerdem wichtig: alle rund 150 Muskeln, die unsere Wirbelsäule stabil, aber auch beweglich halten, regelmäßig zu trainieren. Und natürlich mit der "Schwachstelle Nacken" besonders achtsam umzugehen. "Viele ziehen bei Stress sofort unbewusst die Schultern hoch", sagt Monika Hasenbring. "Solche ritualisierten Handlungen muss man sich bewusst machen und gezielt verändern." Unabdingbar sei es jedoch, mehr Bewegung in den Alltag zu bringen, durch Konditionstraining Ausgleich für starre Haltungen zu schaffen, das monotone stundenlange Sitzen so oft wie möglich zu unterbrechen und Handys oder Tablets auch mal zur Seite zu legen. "Wir sollten Pausen endlich wieder ernst nehmen und sie wertschätzen", fordert die Psychologin. "Denn eine Pause schenkt uns frische Energie, und damit können wir gleich wieder besser arbeiten." Und unserem Nacken bringt sie eine wertvolle Entlastung.

Mehr Infos, Tipps und Übungen in:

"Frisk Nakke. Starker, entspannter und schmerzfreier Nacken" von Anders Aasen Berget und
 Lennart Krohn-Hansen (190 S., 39,90 Euro, deutsche Ausgabe im Mentor Verlag)

"Schwachstelle Nacken. Gezielt und effektiv: Übungen gegen Verspannungen und Schmerzen" 
von Kay Bartrow (144 S., 19,99 Euro, Trias) 

BRIGITTE Woman 03 / 2018

Wer hier schreibt:

Monika Murphy-Witt

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HWS-Syndrom: Schmerzhafte Starre
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Probleme mit der Halswirbelsäule, kurz HWS, sind heutzutage keine Seltenheit mehr. Zunehmend sehen Ärzte und Physiotherapeuten Patienten, bei denen die Halswirbelsäule unnatürlich gestreckt ist. Was ist da los?

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