Naturheilmittel im Test

Immer neue Gesundheitspräparate und -produkte kommen auf den Markt. Angeblich helfen sie gegen alle möglichen Beschwerden. BRIGITTE hat die Produkte getestet: Was können sie wirklich?

Welche Präparate zugelassen werden

Auch, wenn es manchmal den Anschein hat: Man darf nicht jeden Humbug als Medizin anbieten. Bevor ein Präparat als Arzneimittel zugelassen wird, muss der Hersteller die Wirkungen und Nebenwirkungen in wissenschaftlichen Studien dokumentieren.

Junge Frau will aufstehen, doch ihre Beine reagieren nicht mehr

Wirkstoffe, die unbekannt waren

oder zumindest in der Medizin bisher nicht verwendet wurden (Beispiel: Weihrauch), werden zunächst grundsätzlich nur als verschreibungspflichtige Mittel zugelassen; nach fünf Jahren entscheidet sich dann, ob das Präparat auch ohne Rezept verkauft werden darf. Bei "Nahrungsergänzungsmitteln" und Kosmetika (das sind die meisten hier vorgestellten Präparate) müssen die Hersteller lediglich nachweisen, dass sie nicht schaden. "Heilwirkungen" zu versprechen ist nicht erlaubt - diese Einschränkung gilt jedoch nur für den Hersteller selbst. Ein Buch-Autor zum Beispiel darf anpreisen, wie er will.

Grapefruitkern-Extrakt: Rundumschlag gegen Keime

Angeblich sind die Präparate eine "gesunde Alternative zu Antibiotika", Helfer gegen Infektionen aller Art, von Hautpilz über Mittelohrentzündungen bis zu Magengeschwüren. Bei HIV-Infizierten sollen sie die Abwehrkräfte stärken.

Laboruntersuchungen des Extraktes haben gezeigt, dass er tatsächlich bestimmte Bakterien und Pilze abtöten kann. Bei ernsthaften bakteriellen Erkrankungen (zum Beispiel Nebenhöhlenvereiterungen oder Magengeschwüren) ist die Wirkung zu schwach. Klinische Studien mit Testpatienten gibt es bisher nicht. Das Pasteur-Institut in Paris untersucht derzeit, ob der Extrakt, wie behauptet, auf das HI-Virus wirken kann.

Bewertung: Empfehlenswert zum Auftragen oder Gurgeln bei leichten Haut- und Schleimhautverletzungen. Vorher verdünnen (bis zu zehn Tropfen Extrakt auf ein Glas Wasser). Vorsicht bei Allergie gegen Zitrusfrüchte!

Hopi-Kerzen: Angeblich Heilung durch die Ohren

Auf die Seite legen, die etwa 20 Zentimeter lange Kerze ins Ohr stecken und anzünden, vorher Löschwasser bereitstellen - so wird's gemacht. Doch es gibt einfachere Arten, sich die Ohren zu putzen, als mit den hohlen Kerzen aus gerolltem Leinengewebe und Bienenwachs, angereichert mit verschiedenen Pflanzenpulvern und ätherischen Ölen. Aber das ist auch nicht das Wichtigste an der umständlichen Prozedur mit dem alten Heilmittel der Hopi-Indianer und anderer Naturvölker. Vor allem soll sie Kopfschmerzen vertreiben, die beispielsweise durch Migräne oder chronische Vereiterung der Nebenhöhlen ausgelöst werden. Quasi nebenbei können die Kerzen angeblich das Immunsystem anregen oder die Seele beruhigen.

Bewertung: Am besten Finger weg. Die versprochenen Wirkungen sind durch keine kontrollierte Studie belegt, die Hersteller berufen sich auf Erfahrungsberichte. Ohrenärzte warnen ausdrücklich, weil es beim Einführen in den Gehörgang zu Verletzungen kommen kann, schlimmstenfalls wird das Trommelfell beschädigt.

Lapacho-Tee verspricht: fit, schlank und gesund

Ein wahrer Zaubertrank? Lapacho-Tee soll die Abwehrkräfte stärken, ohne Diät schlank machen, gegen Hautkrankheiten und Magen-Darm-Beschwerden helfen und sogar Krebs heilen können.

Der Lapacho-Baum wächst in Mexiko. Bereits die Inkas kochten aus der Rinde Arzneitees gegen verschiedene Beschwerden. Seit etwa 40 Jahren werden die medizinischen Eigenschaften des Lapachols (das ist der wichtigste Inhaltsstoff der Rinde) wissenschaftlich erforscht. Stichproben an Test-Patienten haben gezeigt, dass es bei der Hautkrankheit Schuppenflechte Linderung bringen kann. Sicher ist, dass der Tee, der nach Anis und Vanille schmeckt, gegen Durchfall hilft - er enthält nämlich viele Gerbstoffe. In Reagenzglas-Versuchen wurde außerdem getestet, ob Lapachol tatsächlich gegen Krebs hilft. Das Ergebnis von Labortests: Der Wirkstoff kann das Wachstum bestimmter Tumorarten stoppen; bisher ist jedoch unklar, ob diese Wirkung auch in der Realität, also bei krebskranken Menschen, eintreten würde.

Bewertung: Zu empfehlen als Tee gegen Durchfall (2 Teelöffel Rinde auf einen Liter Wasser, 5 Minuten köcheln, 15 Minuten ziehen lassen) oder als Lösung zum Auftragen gegen Hautjucken (1 Teelöffel Rinde auf einen Liter Wasser, 15 Minuten köcheln, 20 Minuten ziehen lassen). Arzneitees aus einheimischen Heilpflanzen (bei Durchfall z.B. Blutwurz) helfen jedoch genauso gut und sind billiger!

Niembaum als "Retter der Menschheit"

Kaum zu glauben, was Blätter, Rinde und Samen des indischen Niembaumes angeblich alles können: Sie sollen zum Beispiel gegen bakterielle Erkrankungen, Bluthochdruck oder Verstopfung, als Empfängnisverhüter und sogar als Pflanzenschutzmittel wirken. Aus dem Öl der Samen werden Körperpflegemittel hergestellt (etwa Massageöl, Zahnpasta), die man in Bioläden und bei Öko-Versendern kaufen kann.

Für die Landwirtschaft ist Niembaumextrakt tatsächlich ein Geheimtip. Bereits vor Jahren haben Untersuchungen ergeben, dass die Substanz schädliche Insekten von Pflanzen fernhält, ohne die nützlichen anzugreifen. Medizinische Erfolge sind bisher wenig bekannt. Zwar gibt es einzelne Studien über die Wirkung gegen Entzündungen, Malaria, Bakterien- und Pilzinfektionen beim Menschen, zuverlässige Ergebnisse liegen aber noch nicht vor. Ganz sicher beeinflußt der Extrakt die Fruchtbarkeit. Bei Tierversuchen tötete er Spermien ab und verhinderte das Einnisten einer befruchteten Eizelle. Als Verhütungsmittel für Menschen ist er nicht ausreichend untersucht.

Bewertung: Als Medikament und als Verhütungsmittel ist der Extrakt derzeit ungeeignet, weil Wirkungen und Nebenwirkungen zuwenig erforscht sind. Das Öl ist ein natürliches Hautpflegemittel. Bei äußerer Anwendung hat es keine bedenklichen Nebenwirkungen.

Schwarzkümmelöl gegen Allergien und Diabetes

"Schwarzkümmel heilt jede Krankheit außer dem Tod" - das behauptete vor 1500 Jahren der Prophet Mohammed, und angeblich hat ein renommiertes Krebsforschungslabor in South Carolina/USA den wissenschaftlichen Beweis erbracht. Wegen der ungesättigten Fettsäuren, die es enthält, soll das Öl außerdem gegen Allergien aller Art und gegen Diabetes helfen. Schwarzkümmel wächst zum Beispiel rund ums Mittelmeer und in den arabischen Ländern. Der Samen, dessen Aroma an Anis und Koriander erinnert, hat auch medizinische Bedeutung. Schwarzkümmelöl ist in zwei Zubereitungen zu haben: Als ätherisches Öl regt es die Verdauung an, hilft gegen Blähungen und wirkt desinfizierend. Das fettreiche Schwarzkümmelöl, das durch Kaltpressen der Samen gewonnen wird, enthält mehrfach ungesättigte Fettsäuren, die für den menschlichen Organismus lebenswichtig sind. Sie stecken allerdings auch in anderen pflanzlichen Lebensmitteln, und wer sich nicht gerade von Junk food ernährt, bekommt auch so genug davon. Eine Wirkung gegen Krankheiten ist nicht bewiesen. Und die Gamma-Linolensäure, die unter anderem gegen die allergische Hautkrankheit Neurodermitis helfen soll, ist nur in sehr kleinen Mengen in dem Öl enthalten.

Bewertung: Das ätherische Öl ist ein gutes Mittel gegen Erkältungen (zum Inhalieren oder Einnehmen). Es macht das Atmen bei "verstopfter" Nase leichter und hilft beim Abhusten. Für das fette Öl gilt, rein medizinisch gesehen: erst mal vergessen.

Teebaumöl: Ein Wunder aus der Flasche

Australisches Teebaumöl wird als das "Wunder des fünften Kontinents" angepriesen. Das ätherische Öl, ein traditionelles Heilmittel der australischen Ureinwohner, soll gegen Beschwerden und Krankheiten nahezu aller Art helfen - von entzündetem Zahnfleisch über Krampfadern bis Hautkrebs - und auch der Haut guttun. Mehr über Teebaumöl in der Kosmetik finden Sie hier

Im Reagenzglas können die Inhaltsstoffe des Teebaumöls Bakterien und Pilze vernichten. Bei Patiententests war die Behandlung von Akne und Scheidenpilzinfektionen mit verdünntem Teebaumöl erfolgversprechend, bei Fuß- und Nagelpilz verschwanden zwar Hautrötung und Juckreiz, die Pilze selbst überlebten aber und führten meist zu neuen Beschwerden. Zu anderen propagierten Wirkungen gibt es nur einzelne Erfahrungsberichte. Ganz gewiß kann das Öl weder Krampfadern verschwinden lassen noch bei Hautkrebs helfen.

Bewertung: Bewährt als Inhaltsstoff von Pflegeprodukten für Haut und Haare. Das Öl allein hilft auch gegen bestimmte Hautinfektionen (z. B. entzündete Pickel). Aber nie höher dosieren als 1:10 (ein Tropfen Öl, zehn Tropfen Wasser) und die Verträglichkeit zunächst auf einer kleinen Hautpartie testen. Teebaumöl niemals einnehmen! Dann kann es Schleimhäute und Verdauungstrakt reizen und allergische Reaktionen auslösen.

Weihrauchextrakt: Rheuma weg ganz ohne Chemie

Weihrauchextrakt, ein traditionelles Arzneimittel aus dem indischen Ayurveda, soll Rheuma nahezu heilen - und zwar ohne schädliche Nebenwirkungen für den Organismus. Für Millionen Rheumatiker wäre das eine Erlösung, denn bisher müssen die Entzündungen in den Gelenken und die oft unerträglichen Schmerzen um den hohen Preis gerade solcher Begleiterscheinungen behandelt werden. Der Extrakt wird aus dem Harz eines indischen Balsambaumes gewonnen. Untersuchungen haben gezeigt: Seine Hauptwirkstoffe hemmen tatsächlich die Produktion einer körpereigenen Substanz, die bei Rheuma und anderen entzündlichen Erkrankungen eine Rolle spielt. Rheumaschmerzen und Schwellungen in den Gelenken gehen durch Weihrauchextrakt erheblich zurück. Mögliche Nebenwirkungen wie Magenbeschwerden oder allergische Reaktionen sollen im Vergleich zu denen der üblichen Rheumamittel gering sein.

Bewertung: Für die Selbstbehandlung nicht geeignet. Ärzte können Weihrauchextrakt verschreiben; das Präparat muss in einer internationalen Apotheke bestellt werden.

Themen in diesem Artikel
Brigitte-Newsletter

Brigitte-Newsletter

Trends und Tipps aus den Bereichen Mode & Beauty, Reise, Liebe und Kochen - lies zum Wochenstart das Beste von Brigitte.