Was Raucher wirklich abschreckt

Die EU hat am Mittwoch die "Schockbilder" auf Zigarettenschachteln beschlossen. Können sie Raucher wirklich abschrecken? BRIGITTE-Redakteurin Michèle Rothenberg hat ein ganz anderes Foto zum Aufhören bewegt: eines von sich selbst.

Vor knapp einem Jahr habe ich aufgehört zu rauchen. Und habe zum ersten Mal nach 20 Jahren Qualm das Gefühl, dass ich nicht wieder anfangen werde. Endlich Nichtraucherin? Klingt etwas anmaßend, Ex-Raucherin ist für mich der bessere Begriff.

Als Ex hängt man ja oft noch mit dem halben Herzen in der alten Liebe, auch wenn sie einem nicht gut getan hat. Entsprechend horchte ich auf: Jetzt will die EU also auch bei uns die "Schockbilder" auf Zigarettenschachteln einführen. In Australien sind sie seit einem Jahr Pflicht, künftig sollen auch auf europäischen Zigarettenschachteln Fotos von Tumoren, Raucherbeinen oder kranken Babys zu sehen sein. Am 26. Februar hat das EU-Parlament die neue Tabakrichtlinie beschlossen. Spätestens ab 2017 sollen die Bilder in EU-Ländern überall zu sehen sein.

Erschreckend? Nein. Solche Bilder hätten mich nicht zur Ex-Raucherin gemacht. Meine erste präparierte Raucherlunge habe ich mit 15 gesehen. Sie sah furchtbar aus. Trotzdem probierte ich im gleichen Jahr Zigaretten aus. Raucher sind Meister im Verdrängen. Gegen Schockbilder hätte ich mir ein einfach ein schickes Zigaretten-Etui gekauft und sie so einfach ausgeblendet.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin nicht dagegen, diese Fotos auf die Schachteln zu packen. Auf viele Kinder und Jugendliche wirken sie sicher abschreckender als auf mich, und ich freue mich über jeden Menschen, dem diese Sucht erspart bleibt. Ich glaube aber nicht, dass die Schockbilder süchtige Raucher von ihrem Laster abhalten werden.

Wenn ich zurückblicke, spielten ganz andere Faktoren eine Rolle, dass die Zigaretten aus meinem Leben verschwunden sind. Der wichtigste Grund war sicher, dass ich Mutter geworden bin. Dieses andauernde schlechte Gewissen meinem Kind gegenüber vermieste mir jeden Spaß an der Zigarette.

"Das Rauchverbot war das Beste, was mir als Raucherin passieren konnte."

Tatsächlich geholfen, mich zu entwöhnen, hat auch das öffentliche Rauchverbot. Was wurde gestritten darüber, ob man das Rauchen in öffentlichen Räumen, in Büros und Kneipen verbieten sollte. Für mich als Raucherin war es das Beste, was passieren konnte. Das Verbot reduzierte meinen Konsum bestimmt um die Hälfte. Ich fühlte mich besser, und die Nichtraucher, die ich so nicht belästigte, auch. Zudem ist es einfacher, sich fünf Zigaretten am Tag abzugewöhnen als eine ganze Schachtel. Eine Win-Win-Situation, so schlicht wie wirksam. WHO-Studien bestätigen die große Effektivität des Rauchverbots, die nachweislich mehr bringt als Bilder und Warnhinweise. Ich kann darum nicht verstehen, dass das Verbot an vielen Orten aufgeweicht wird. In jeder zweiten Kneipe in meinem Viertel darf man wieder rauchen. Warum nicht einfach weiter zum Qualmen vor die Tür gehen? Mich hat es nie gestört. Wenn der Staat sich also wirklich um unsere Gesundheit sorgt, müsste er beim Rauchverbot stärker durchgreifen.

Was mich noch zur Ex-Raucherin gemacht hat, war vor allem ich selbst; das eigene Selbstbild. Auf dem Weg zum Nichtrauchen hatte ich ein Schlüsselerlebnis. Ich sah vor einiger Zeit ein Foto von mir mit Zigarette und war total irritiert. Dieser Stengel in meiner Hand passte überhaupt nicht zu mir. Obwohl er sich so vertraut in den Fingern anfühlte, sah er wie ein Fremdkörper aus. Er machte mich weder cooler, noch sexier noch genussvoller. Jahrelang habe ich mir eingebildet, dass das Rauchen zu meinem Lebensgefühl und meiner Persönlichkeit passt. Das Foto entlarvte meine Selbstlüge. Es zeigte das Rauchen als eine absurde Angewohnheit, die zwar zu meiner Persönlichkeit passt, aber nicht zu den positiven, sondern den negativen Teilen meiner Persönlichkeit. Schwäche. Nervosität. Rücksichtslosigkeit. Zwanghaftigkeit. Wollte ich wirklich so wirken?

"Raucher sind unbeherrscht? Das traf mich mehr als jede Krebsrate."

In der New York Times erschien im Sommer ein Artikel mit dem Titel "Warum Raucher immer noch rauchen". Ich, gerade frisch entwöhnt, sprang sofort darauf an. Der Artikel gab die Ergebnisse einer Studie wieder, die zu dem Schluss kam: Es liegt an der mangelhaften Selbstbeherrschung. Frechheit, dachte ich sofort. Die können doch nicht jeden Raucher als unbeherrscht abstempeln! Doch gleichzeitig fühlte ich mich ertappt. Im Grunde traf mich diese nüchterne Analyse viel mehr als jede Lungenkrebsrate. Ein Krankheitsrisiko kann man ausblenden, denn es gibt ja immer die Wahrscheinlichkeit, dass es mich nicht trifft. Helmut Schmidt lebt ja auch noch. Aber ein vermeintlich schwacher Charakter - der ist immer da. Und wer will den schon haben?

Endlich Ex-Raucherin: BRIGITTE-Redakteurin Michèle Rothenberg

Mir wurde klar, was für ein Segen es ist, dass das Rauchen aus Filmen, aus Werbung und der Glamourwelt nahezu verschwunden ist. Es sind nicht mehr die Helden, die rauchen. Es ist nicht mehr cool, und das spiegelt sich wieder an der sinkenden Zahl jugendlicher Raucher. Vielleicht sollte man über neue Schilder auf Zigarettenpackungen nachdenken. Statt "Rauchen kann tödlich sein" zum Beispiel: "Raucher haben eine mangelhafte Selbstbeherrschung." Könnte wirken.

Aktualisiert am 26.2.2014

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