Gebärmutterhalskrebs: Vorsorge in der Kritik

Die Gebärmutterhalskrebs-Vorsorge mit dem PAP-Abstrich steht in der Kritik. Die Sorge: Jährliche Abstriche könnten zu unnötigen Operationen führen.

Professor Dr. Ingrid Mühlhauser ist Ärztin und lehrt Gesundheitswissenschaften an der Universität Hamburg. Sie fordert wissenschaftlich fundierte Informationen, damit Frauen selbst abwägen und entscheiden können, ob und wie oft sie an der gynäkologischen Krebsvorsorge teilnehmen wollen.

Die Untersuchung, auch als PAP-Abstrich bekannt, wird Frauen in Deutschland ab dem 20. Lebensjahr im jährlichen Rhythmus empfohlen. Seit diesem Jahr müssen sich alle jungen Frauen (ab Jahrgang 1987) von ihrer Gynäkologin oder ihrem Gynäkologen beraten lassen, sonst riskieren sie eine höhere finanzielle Selbstbeteiligung, wenn sie später an diesem Krebs erkranken sollten.

BRIGITTE.de: Frau Professor Mühlhauser, die Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs galt bisher als beispielhaft für gelungene Krebsvorsorge. Nun kritisieren Sie die Praxis. Warum?

Ingrid Mühlhauser: Seit 57 Jahren gibt es in Deutschland dieses Früherkennungsprogramm - doch ohne Qualitätssicherung. Wir wissen wenig darüber, wie das Programm in den einzelnen Praxen umgesetzt wird, mit welchem Nutzen und möglichen Schaden. Internationale Studien deuten inzwischen darauf hin, dass die negativen Folgen für Frauen bisher unterschätzt worden sind.

Ingrid Mühlhauser: "Bei vier von hundert Eingriffen kommt es zu Komplikationen"

BRIGITTE.de: Welche Probleme kann die Früherkennung denn haben?

Ingrid Mühlhauser: Der PAP-Test sucht nach Zellveränderungen am Muttermund, meist Folge einer Infektion mit HP-Viren, die sich später möglicherweise zu einem Gebärmutterhalskrebs entwickeln könnten. Doch der Test kann nicht unterscheiden, welche Zellveränderung der Frau gefährlich werden wird und welche nicht. Also wird allen Frauen mit einem verdächtigen PAP-Befund spätestens nach einem Jahr geraten, das veränderte Gewebe entfernen zu lassen - häufig durch einen Kegelschnitt, eine so genannte Konisation. Der Eingriff wird bei etwa 140.000 Frauen jährlich durchgeführt, das ist um ein Vielfaches häufiger, als Frauen an Gebärmutterhalskrebs erkranken: Selbst wenn es keine Früherkennung gäbe, wären es höchstens 20.000 Frauen.

BRIGITTE.de: Die Konisation gilt als harmloser Eingriff. Sehen Sie das auch so?

Ingrid Mühlhauser: Konisationen werden unter Teil- oder Vollnarkose durchgeführt. Bei etwa vier von hundert Eingriffen kommt es zu Komplikationen wie starken Blutungen, Verschluss des Gebärmutterhalses, Infektionen oder Verletzungen der Blase oder des Mastdarms. Der Gebärmutterhals wird dabei operativ verkürzt, das kann auch Folgen für zukünftige Schwangerschaften haben: mehr vorzeitige Wehen, häufigere Frühgeburten, niedrigeres Geburtsgewicht, mehr Neugeborene, die auf der Intensivstation versorgt werden müssen. Welchen Einfluss eine Konisation auf die Fruchtbarkeit, das sexuelle Empfinden und die Lebensqualität der Frauen hat, ist wissenschaftlich bisher nicht ausreichend untersucht.

BRIGITTE.de: Inzwischen bieten viele gynäkologische Praxen einen HPV-Test an. Kann er die Zahl der Überdiagnosen verringern?

Ingrid Mühlhauser: Als allgemeiner Test ist er wenig aussagekräftig: Bei der Hälfte aller jungen Frauen lässt sich eine solche Virusinfektion nachweisen, in der Regel entwickelt sie sich aber von selbst wieder zurück. Anders liegt der Fall, wenn der HPV-Test eingesetzt wird, um das weitere Vorgehen nach einem Verdachtsbefund abzuklären. Aber auch in diesem Fall ist der Nutzen bisher wissenschaftlich noch nicht eindeutig geklärt.

BRIGITTE.de: Jetzt haben wir viel über die negativen Folgen der Krebsfrüherkennung gesprochen. Was ist denn ihr Nutzen?

Ingrid Mühlhauser: Der Gebärmutterhalskrebs war in unseren Breitengraden schon vor dem Screening eine seltene Krebsart im Vergleich zu Brust- oder Darmkrebs. Die Früherkennung konnte die Sterberate weiter reduzieren: Von tausend Todesfällen in Deutschland entfallen drei auf den Gebärmutterhalskrebs, ohne Vorsorge wären es zehn. Ausrotten kann man den Gebärmutterhalskrebs aber selbst dann nicht, wenn alle Frauen regelmäßig einen PAP-Abstrich durchführen ließen.

BRIGITTE.de: Wird in Deutschland der PAP-Abstrich zu häufig gemacht?

Ingrid Mühlhauser: In fast allen europäischen Ländern wird nur alle drei bis fünf Jahre getestet, zum Teil allerdings dann unter qualitätsgesicherten Bedingungen. Deshalb erkranken oder sterben in diesen Ländern aber keineswegs mehr Frauen am Gebärmutterhalskrebs. Allerdings kommt es zu weniger Verdachtsbefunden und unnötigen Operationen. In Bezug auf die Sterberate liegt Deutschland übrigens nur im Mittelfeld - trotz der häufigen Vorsorgeuntersuchungen.

BRIGITTE.de: Was raten Sie den Frauen?

Ingrid Mühlhauser: Frauen müssen vor allem gute Informationen einfordern, um sich entscheiden zu können - und zwar vor jedem Behandlungsschritt. Auch wenn sie einen verdächtigen Befund haben, ist nicht gleich Panik angesagt, denn oft heilen die Infektionen von selbst wieder aus. Außerdem braucht eine Infektion im Durchschnitt zehn Jahre, bis sie sich zu einer Krebsvorstufe entwickelt, und noch einmal mehr als zehn Jahre, bis daraus Krebs wird.

Informationen rund ums Thema bietet auch die online abrufbare Broschüre Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs und HPV-Impfung", die das Nationale Netzwerk Frauengesundheit gemeinsam mit der Barmer Ersatzkasse und der Techniker Krankenkasse auflegt.

Text: Eva Schindele
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