Pflegenotstand: Hilfe für Sandra Schadek

Sandra Schadek, 38, ist an ALS erkrankt und vollständig gelähmt. 18 Stunden Pflege stehen ihr pro Tag zu - aber wegen Pflegenotstand hat ihr Pflegedienst gekündigt. Mit Hilfe von BRIGITTE.de und kliniken.de fand sie jetzt neue Pflegekräfte.

Sandra Schadek 2009. Inzwischen ist die 39-Jährige vollständig gelähmt

Stell dir vor, dein Körper kündigt dir den Dienst: Jeder einzelne Muskel verabschiedet sich, bis du nur noch die Augen steuern kannst. Und dann kündigen auch noch die, die dir helfen sollen, mit deinem bewegungslosen Leib klarzukommen. Die dir den Kopf anheben, wenn er heruntergefallen ist und vor der Brust baumelt, dich füttern, zur Toilette bringen.

Klingt wie Horror? Ist der Horror. Ein Schrecken, den Sandra Schadek gerade erlebt. Die 39-jährige Wolfsburgerin ist vor elf Jahren an Amyotropher Lateralsklerose (ALS) erkrankt: Die Krankheit tötet die Nervenzellen, die ihre Muskeln steuern, inzwischen kann sie sich ohne fremde Hilfe überhaupt nicht mehr bewegen. Eigentlich stehen ihr deshalb 18 Stunden am Tag Pflegekräfte zur Seite. Doch Ende März kündigte ihr der Pflegedienst die Versorgung. "Andauernder Pflegekräftemangel", heißt es in der Begründung. Eine Katastrophe. Vor allem für jemanden wie Sandra.

Denn von ihrem Leben vor der Krankheit ist Sandra kaum etwas geblieben, nichts von dem, was sie liebte - weder die Reisen, noch der Sport oder das Studium und auch nicht der Freund. Trotzdem hat sie sich nicht niederdrücken lassen von der Verzweiflung, der Trauer über all das, was sie verloren hat. Sie hat sich eingerichtet in ihrem neuen Leben, so gut es eben geht: Sie hat ihre eigene Wohnung mit ihren Möbeln und ihren Bildern. Sie schreibt auf ihrer Website über ihr Leben mit der ALS. Und weil sie kaum noch sprechen kann, hält sie über Mails Kontakt mit Freunden und Bekannten, tauscht sich aus mit Menschen, die wie sie erkrankt sind oder Angehörige pflegen.

Schonungslos offen geht sie mit ihrer Krankheit um, erzählt auf ihrer Website und in einem Buch, das daraus entstand, von den schrecklichen Momenten der Hilflosigkeit - aber unfassbar selbstironisch auch von den komischen und absurden Seiten ihres Lebens mit der ALS: "Ich vergesse manchmal völlig, dass das, was für mich mittlerweile normal ist, für andere Menschen sehr schockierend, traurig, bewegend oder bewundernswert ist - für mich ist es einfach nur mein Leben", sagt Sandra. Doch es ist ein Leben, ein Alltag, der nur mit Hilfe funktioniert.

"Pflegenotstand" heißt das sperrige Wort, das durch die Kündigung des Pflegedienstes in Sandras Leben gekracht ist: Weil immer mehr Menschen älter und kränker werden, werden Pflegekräfte knapp, die sie betreuen können. Mehr als 150.000 Pflegekräfte werden 2025 in Deutschland fehlen, hat das Statistische Bundesamt prognostiziert - eine wirkliche Lösung für den Pflegenotstand gibt es bis jetzt nicht. Der Pflegeberuf soll attraktiver werden, versprechen Politiker, aber das kann dauern. Bis dahin trifft der Pflegenotstand nicht nur ältere, sondern auch junge Menschen, die wie Sandra für unbestimmte Zeit auf Hilfe angewiesen sind. Denn ihre Krankheit ist nicht heilbar, ihr Körper hat ihr unwiderruflich gekündigt. Doch hoffentlich nicht auch Menschen, die ihr helfen, mit ihrem Körper klarzukommen, ihren Alltag zu leben.

Weiterlesen: BRIGITTE (2009) über Sandra Schadek

ALS: Gefangen im eigenen Körper Sandra Schadek hat ALS. Die Krankheit tötet die Nerven, die ihre Muskeln steuern. Was ihr noch bleibt, ist Schreiben: Für ihre Website bekam sie den Grimme-Online-Award, und jetzt erscheint ihr Buch. Ein Besuch bei einer Frau, die alles will, aber nichts mehr kann.

Text: Eva-Maria Schnurr Foto: Lars Landmann

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