Pillenmüde? Warum das Absetzen der Pille nicht so einfach ist

Immer mehr Frauen sind pillenmüde und wollen auf Hormone verzichten. Isabel Morelli erklärt, warum das Absetzen aber nicht so einfach ist, wie man vielleicht denkt.

Sehen Sie Ihr Buch als Streitschrift gegen die Pille?

Absolut nicht. Ich möchte auch niemanden bekehren, der mit ihr gut klarkommt. Das Buch richtet sich an Frauen, die die Pille absetzen wollen – als Vorbereitung auf das, was eventuell danach auf sie zukommt.

Vor neun Jahren, als Sie selbst die Einnahme beendeten, waren Sie sich der Folgen nicht bewusst ...

Nein, ich habe halt einfach aufgehört. Als dann meine Periode ausblieb, fand ich das erst mal nicht so wild. Doch ich wurde auch immer schlapper und hatte dauernd Infekte, nahm 18 Kilo zu. Schilddrüsenunterfunktion, sagte der Arzt. Dann folgten alle möglichen anderen hormonellen Diagnosen von Hyperandrogenämie (erhöhte Produktion männlicher Sexualhormone, der Androgene; Anmerkung der Red.) bis Nebennierenschwäche. Erst als ich wegen Schwindel und Sehstörungen arbeitsunfähig war, begann ich selbst zu recherchieren und Zusammenhänge herzustellen: Alles hatte nach dem Absetzen der Pille angefangen.

Mein Körper hatte keine Zeit, sich hormonell einzugrooven

Nun verläuft das nicht bei allen Frauen so dramatisch. Was meinen Sie, warum gerade Sie solche Probleme hatten?

Ein wichtiger Faktor ist sicher, dass ich die Pille sehr früh genommen habe, nicht aus Verhütungsgründen, sondern wegen starker Regelschmerzen. Ich war damals 13 und hatte erst etwa ein halbes Jahr meine Periode. Mein Körper hatte keine Zeit, sich hormonell einzugrooven. Als die künstlichen Hormone als Taktgeber wegfielen, wusste er sozusagen nicht, was zu tun war. Deswegen heißt mein Blog "Generation Pille", weil ich zu der Generation gehöre, die ihren Zyklus früh abgeschaltet und auch überhaupt keine Ahnung hat, was da im Körper passiert.

Isabel Morelli ist Gründerin des Blogs "Generation Pille" (generation-pille.com), ihr Buch bei Komplett Media erschienen. (152 S., 15 Euro)

Mittlerweile kann man schon eher von der Generation "Pillenmüde" sprechen, die Zahl der Verwenderinnen sinkt.

Eine Phase der Pillenmüdigkeit gab es bis jetzt in jeder Generation. Die letzte große war Ende der 1970er, da stiegen Kondom- und Diaphragma-Umsätze. Neu ist aber Folgendes: Sagte man beim Gynäkologen früher "Meine Libido ist weg. Ich glaub, das kommt von der Pille", sagte der Arzt "Kann nicht sein", und man ist wieder nach Hause gegangen. Heute landet man dagegen sofort in Foren, wo Frauen Ähnliches berichten und Bestätigung und Bestärkung erfahren, die Pille abzusetzen.

Es geht darum, Frauen die Angst zu nehmen

Aber selbst Frauen, die sie gut vertragen, entscheiden sich dafür, die Pille nicht mehr zu nehmen.

Wir alle wollen mehr für unsere Gesundheit tun: Sport machen, gesünder essen, mehr auf sich achten. Und irgendwann passt die Pille einfach nicht mehr ins Bild dieses neuen Gesundheits- und auch Selbstbewusstseins. Frauen wollen heute über ihren Zyklus und ihren Körper Bescheid wissen. Ich nenne das Emanzipation 2.0 – und dazu gehört auch, die eigene Periode nicht verschieben oder abschalten zu wollen.

In Ihrem Buch wirkt das Absetzen wie ein Mammutprojekt: Was da alles passieren kann, worauf man alles achten muss ...

Das Buch zeigt Möglichkeiten auf, um den Körper schnellstmöglich von den Altlasten der Pille zu befreien. Jeder kann sich das rausziehen, was individuell relevant ist. Es geht darum, Frauen die Angst zu nehmen. Denn jedes Symptom, das auftreten kann – ob Akne oder das Ausbleiben der Menstruation –, lässt sich auf natürliche Weise behandeln. Meine Erfahrungen haben tatsächlich dazu geführt, dass ich mein Leben komplett umgestellt habe, zum Beispiel, was die Ernährung angeht und den Umgang mit Stress. Aber auch wenn man das nicht alles macht, bleibt es dabei: Man lebt gesünder, wenn man nicht dauerhaft ein Medikament schluckt, das man nicht braucht.

Fazit: ein Ratgeber voller Infos, die jede Frau angehen. Wobei man nicht aus dem Blick verlieren sollte, dass die Pille auch nicht an allem schuld ist, was gesundheitlich nicht optimal läuft.

Brigitte 04/2019

Wer hier schreibt:

Antje Kunstmann
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