Psychiatrie: Vorurteile abbauen und verstehen

Psychiatrie – das Wort klingt für viele bedrohlich. Klinikleiterin Iris Hauth über alte Vorurteile gegenüber psychisch Kranken, neue Begegnungen auf Augenhöhe und ihren beharrlichen Kampf gegen falsche Vorstellungen.

BRIGITTE WOMAN: Bloß nicht in die Klapse, da kommt man nie wieder raus... Warum hat die Psychiatrie nach wie vor so ein schlechtes Image?

Iris Hauth: Das hat sicherlich mit Vorurteilen zu tun, die lange gewachsen sind. Man darf nicht vergessen, dass psychisch Kranke bis vor 200 Jahren zur Schau gestellt wurden, sie waren Aussätzige. Filme wie "Einer flog über das Kuckucksnest" haben die Vorurteile später bestätigt. Da entstand schnell der Eindruck: Die Ärzte brennen den Patienten mit Elektroschocks das Gehirn weg. Außerdem ist es ja einfach so: Psychische Krankheiten haben immer etwas Unheimliches, weil sie die Persönlichkeit des Patienten angreifen und verändern. Das schürt Ängste, die auch auf die Psychiater übertragen werden.

Sie haben Ende der 80er-Jahre in der Psychiatrie angefangen. Was hat sich seitdem verändert?

Vor allem ist Psychotherapie in der Psychiatrie deutlich mehr geworden. Das gilt nicht nur bei Depressionen und Angststörungen, sondern auch bei Krankheiten wie Schizophrenie oder Psychosen. Natürlich ist eine Psychotherapie schwieriger, wenn jemand zum Beispiel ganz akut Stimmen hört. Aber auch da gibt es mittlerweile verhaltenstherapeutische Ansätze: Der Patient kann lernen zu steuern, wie weit er sich von den Stimmen beeinträchtigen lässt. Für Psychose-Patienten gibt es ein spezielles Konzentrationstraining. Alles in allem eine große Veränderung.

Zu einer Psychotherapie muss man bereit sein. Viele Menschen glauben aber, dass Ärzte über den Kopf der Patienten hinweg entscheiden, was gemacht wird.

Das hat sich ebenfalls verändert. Ärzte sprechen mit den Patienten über die Medikamente und Behandlungsmethoden. Auch die Angehörigen sind bei vielen Gesprächen dabei. Da gibt es nicht mehr diese paternalistische Haltung: Ich weiß, was für dich gut ist. Man redet auf Augenhöhe, die Autonomie des Patienten steht im Vordergrund.

Aber es kommt ja durchaus vor, dass Patienten gegen ihren Willen eingewiesen werden.

Ja, manche Patienten werden von der Polizei zu uns gebracht, weil sie aggressiv und angespannt sind. Bei anderen besteht akute Gefahr, dass sie sich selbst etwas antun. Oder Angehörige fühlen sich bedroht, wenn ein Familienmitglied plötzlich aggressiv wird. Knapp zehn Prozent der Menschen, die bei uns stationär aufgenommen sind, wollen nicht hier sein.

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Wie gehen Sie mit diesen Patienten um?

Ziel ist es, dass sie einsehen, warum sie bei uns sind. Wir versuchen, mit ihnen zu sprechen, Vertrauen aufzubauen. Wenn wir einen Patienten ohne seine Zustimmung in der Klinik behalten wollen, muss ein externer psychiatrischer Gutachter dazugeholt werden. Falls der die Unterbringung befürwortet, kommt ein Richter des Amtsgerichts, der mit dem Patienten persönlich spricht. Die Schwelle, einen Patienten unterzubringen, ist heute sehr hoch. Trotzdem hält sich das Vorurteil, dass die Menschen hier zwangsinterniert werden. In jedem Fall gilt: Wenn keine Eigen- oder Fremdgefährdung vorliegt, kann ein Patient nicht eingewiesen werden. Jeder Patient hat das Recht, krank bleiben zu wollen.

Sie nennen das Stichwort Fremdgefährdung. Sind denn Gewalttäter häufig psychisch krank?

Nein, über 90 Prozent der Gewaltverbrechen in Deutschland werden von Menschen begangen, bei denen keine nachgewiesene psychische Krankheit vorliegt. Nur bei weniger als zehn Prozent gibt es eine eindeutige Diagnose. Depressive neigen ganz selten zu Gewalt gegenüber anderen Menschen. Eine etwas erhöhte Rate haben junge Männer, die an einer Psychose leiden und nicht mit Medikamenten behandelt werden. Es wäre fatal, wenn psychisch kranke Menschen unter Generalverdacht gestellt, automatisch als gewaltbereit angesehen würden. Seit ich diese Klinik leite, ist es übrigens nicht einmal passiert, dass jemand entlassen und danach gewalttätig wurde.

Und hier in der Psychiatrie?

Es gab einen Vorfall mit einem Psychose-Patienten. Er hat versucht, eine Psychologin zu kidnappen und mit ihr nach draußen zu gelangen, wir konnten ihn aber stoppen. Wir machen mit unseren Teams regelmäßig Deeskalationstrainings. Wenn Therapeuten merken, dass ein Patient sehr angespannt ist, werden Deeskalationsmaßnahmen getroffen: mit ihm reden, ihn beruhigen, notfalls auch Medikamente geben.

Manche Patienten richten die Gewalt gegen sich selbst. In Deutschland begehen jährlich rund 10000 Menschen Selbstmord. Wird für die Prävention genug getan?

Glücklicherweise sind die Suizidraten etwas zurückgegangen. In den letzten Jahren ist einiges passiert, es gibt mehr Initiativen in Städten und Krisendienste. In den Medien wird mehr berichtet, mit Angabe von Krisentelefonen. Aber das Thema könnte noch öffentlicher sein. In den USA wird es deutlich offensiver behandelt. In den U-Bahnen hängen Plakate, auf denen steht: Bist du suizidal? Melde dich hier. Die Schwelle, sich tatsächlich zu melden, wird dadurch niedriger.

Viele Ihrer Patienten werden in der Tagesklinik behandelt, andere stationär. Welche Form ist für wen geeignet?

Wir nehmen Patienten stationär auf, wenn sie sehr starke Symptome haben. Sie sind zum Beispiel deutlich psychotisch und verhalten sich so desorganisiert, dass sie sich selbst oder andere gefährden können. Oder sie sind so depressiv und antriebsgestört, dass sie es kaum aus dem Bett heraus schaffen. Die Patienten in der Tagesklinik haben normalerweise kein Problem, morgens von selbst herzukommen. Sie leiden zum Beispiel unter posttraumatischen Belastungsstörungen, Depressionen oder Angststörungen. Ich bin ein großer Fan von Tageskliniken, der tägliche Wechsel zwischen acht Stunden Therapie und Alltag ist sehr wirksam und für die meisten Patienten viel angenehmer als ein klassischer Klinikaufenthalt.

Häufig empfinden Patienten gerade am Anfang Scham und Schuldgefühle, weil sie in einer psychiatrischen Klinik gelandet sind. Wie gehen Sie mit diesen Gefühlen um?

Wir versuchen gerade in den ersten Tagen, viele Gespräche mit den Patienten zu führen, Vertrauen aufzubauen, zu entlasten. Wir schauen uns gemeinsam die aktuelle Lebenssituation an. Eine Diagnose, etwa Depression, wird von Patienten oft als Entlastung empfunden. Viele, die herkommen, wissen gar nicht, was mit ihnen los ist, sie sagen: Ich erkenne mich selbst nicht wieder, bin ich nicht mehr die oder der Alte. Wir zeigen ihnen, dass sie ganz typische Symptome haben und keine Loser sind – wie sie selbst oft glauben.

Viele Patienten bekommen Psychopharmaka. Die Medikamente haben nach wie vor keinen guten Ruf: Sie haben starke Nebenwirkungen, die Menschen, die sie nehmen, wirken apathisch, wie fern- gesteuerte Zombies – so heißt es oft. Wie begegnen Sie solchen Einschätzungen?

Wir versuchen den Betroffenen zu vermitteln, dass es erst einmal die Krankheiten sind, die sie verändern. Die Medikamente setzen da an, wo die Neurotransmitter, also Botenstoffe, die Reize von einer Nervenzelle zur anderen weitergeben, aus dem Gleichgewicht geraten sind. Durch die Medikamente können die Patienten zu ihrer Persönlichkeit zurückfinden. Da reicht Psychotherapie oft nicht. Dem Musiker Tobi Katze zum Beispiel, der schwer depressiv war und darüber ein Buch geschrieben hat, hat erst die Kombination von Therapie und Medikamenten geholfen.

Es gibt auch Betroffene, die Psychopharmaka verweigern.

Patienten, die sehr psychotisch sind, also unter Wahnvorstellungen und Halluzinationen leiden, wollen sich nicht behandeln lassen. Einige haben Größenfantasien, in denen sie sich ganz toll finden. Man ist dann so großartig, dass man keine Medikamente braucht.

Wie weit haben sich Psychopharmaka im Vergleich zu früher verändert?

In den 90er-Jahren kam ein Schwung neuer Medikamente auf den Markt. Die neuen Antidepressiva hatten weniger Nebenwirkungen wie trockenen Mund oder Verstopfung. Auch die Mittel gegen Psychose haben sich verbessert. In den letzten 15 Jahren ist allerdings nichts wirklich Neues auf den Markt gekommen. Ich würde mir Medikamente wünschen, die noch weniger Nebenwirkungen haben und noch feiner auf die Symptome eingehen.

Immer wieder liest man, psychische Störungen hätten in den letzten Jahren rasant zugenommen. Ist das tatsächlich so?

Es gibt darüber unterschiedliche Befunde. Glaubt man den Daten der Krankenkassen, haben Depressionen oder Angststörungen zugenommen, andere Untersuchungen bestätigen das nicht. Was sich sicherlich verändert hat, ist die Einstellung: Heute stehen Patienten mehr als früher zu ihrer Krankheit und suchen sich Hilfe. Früher sagten Leute, sie hätten Rücken, heute sagen sie eher, dass sie eine Angststörung oder Depression haben. Bei den Hausärzten ist die Sensibilität für psychische Störungen größer geworden. Auch Prominente, die sich outen, können Mut machen und nehmen der Krankheit den Schrecken. Ich denke da zum Beispiel an Miriam Meckel, die schon vor ein paar Jahren ein Buch über ihren Burn-out geschrieben hat, den Skispringer Sven Hannawald oder die Politikerin Sahra Wagenknecht.

Patienten, die psychisch krank sind, müssen so selbstverständlich professionelle Hilfe bekommen wie jemand mit einer Grippe.

Viele Patienten, die in eine psychische Krise geraten, wissen erst mal gar nicht, wo sie hingehen sollen: zum Hausarzt, zum Psychiater, zum Psychotherapeuten, in die Klinik oder zum sozialpsychiatrischen Dienst beim Gesundheitsamt. Was läuft da bei uns verkehrt?

Sie haben recht, es fehlt die Transparenz. Ich bin für eine zentrale Anlaufstelle, eine Akutsprechstunde, die niedrigschwellig ist, wo jeder hingehen kann und sagen: Ich habe Angst, oder ich schlafe schlecht. Da sitzt dann ein Berater und führt ein erstes Gespräch. Dann vermittelt er den Patienten an die passende Adresse. Es gibt bei uns viele Beratungsstellen, die aber nicht vernetzt sind mit anderen Einrichtungen. Seit einiger Zeit haben wir zwar Akutsprechstunden für Psychotherapie, da erhalten die Patienten ein paar Stunden Beratung, aber danach müssen sie trotzdem oft lange warten, bis irgendwo ein Therapieplatz frei wird. Patienten müssen so selbstverständlich professionelle Hilfe bekommen können wie bei einer Grippe.

Stimmt es, dass Frauen häufiger von psychischen Krankheiten betroffen sind als Männer?

Bei den diagnostizierten Depressionen und Angststörungen sind zu zwei Dritteln Frauen betroffen, unter den Suchtkrankheiten finden sich mehr Männer. Das Problem ist allerdings oft die Diagnose: Einige depressive Männer drücken ihre Krankheit anders aus als Frauen, sie sind angespannt und aggressiv statt niedergeschlagen und antriebslos, viele greifen zum Alkohol. Da dieses Verhalten nicht den typischen Symptomen entspricht, wird unter Umständen keine Depression diagnostiziert. Auch viele Hausärzte haben vermutlich noch die klassischen Krankheitsmuster im Kopf. Die geschlechtsspezifischen Unterschiede, wie sich eine Krankheit ausdrückt und wo die Therapie ansetzen kann, müssen noch viel besser erforscht werden.

BRIGITTE WOMAN 03/2020

Wer hier schreibt:

Franziska Wolffheim
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