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Psychosomatische Erkrankungen Beschwerden ohne Ursache

Psychosomatische Erkrankungen: Frau hält ihre Hände an den Bauch
© goffkein.pro / Shutterstock
Dass Ärztinnen und Ärzte für Beschwerden keine Ursache finden, ist Alltag in jeder Praxis. Aber warum wird die Seele in der Schulmedizin immer noch so stiefmütterlich behandelt, und wie geht das besser? Ein Gespräch mit dem Psychosomatik-Spezialisten Dr. Alexander Kugelstadt.

BRIGITTE: Wie häufig kommt es denn tatsächlich vor, dass Ärztin oder Arzt nichts finden?

Dr. Alexander Kugel-Stadt: Sehr oft. Laut Schätzungen passiert es bei 25 Prozent der Patienten und Patientinnen in Hausarztpraxen, in der Facharztpraxis sind es bis zu 50 Prozent.

Psychosomatische Beschwerden sind also eine Volkskrankheit?

Ja. Natürlich verschwindet vieles, für das es medizinisch keine Ursache gibt, nach ein paar Tagen auch von selbst, aber ungefähr die Hälfte, die damit in die Praxis kommt, entwickelt eine echte psychosomatische Krankheit. Natürlich mit einer großen Bandbreite: teilweise bestehen gleichzeitig auch körperliche Erkrankungen, Depressionen oder Angststörungen.

Und alle diese Menschen bilden sich ihre Beschwerden ein?

Auf keinen Fall. Sie sind genauso da wie organische Beschwerden. Ein Beispiel: Selbst wenn bei einer Untersuchung des Herzens alles im gesunden Bereich liegt – es darf ja durchaus mal schneller schlagen oder extra Schläge machen –, können diese Veränderungen im Erleben des Betroffenen eine Bedrohung darstellen.

Wie genau kommt ein Symptom vom Kopf in den Körper?

Da gibt es zum Beispiel dieses Modell: Psyche und Körper sind über Gefühle verbunden. Emotionen nehmen wir seelisch war, aber sie äußern sich vermittelt über Nervensystem, Immunsystem oder Stresshormone auch als Körperreaktion – bei Angst fängt man dann an zu schwitzen, das Herz pocht, man zittert und hat einen Klumpen im Bauch. Diese Reaktion läuft auch bei psychosomatischen Erkrankungen ab, aber der psychische Teil, das Gefühl dahinter, wird nicht als solches erkannt, sondern abgewehrt, weil es in dem Moment zu überflutend oder überfordernd wäre, sich damit auseinanderzusetzen. Der Körper fühlt das, was man selbst gerade nicht fühlen kann oder will.

Wenn psychosomatische Probleme also Gefühlsprobleme sind, beugt dann eine Erziehung, die Gefühle wahrnimmt, ernst nimmt und benennt, vor?

Ja, das ist förderlich. Bei Erwachsenen, die immer wieder irgendwelche psychosomatischen Beschwerden entwickeln, findet sich in der Biografie häufig ein Klima, in dem man nicht über Gefühle sprechen konnte, nicht ermuntert wurde, sie auszudrücken oder mit Aggressionen gesund umzugehen. Junge Männer in der Adoleszenz etwa neigen oft zu Herz-Angst-Störungen. Sie haben weniger gelernt, sich mit den Lebensängsten, die in dieser Phase angesagt sind – wo ist mein Platz in der Gruppe, wie mächtig bin ich und wie abhängig –, bewusst auseinanderzusetzen und drücken diese dann in Herzstolpern, Herzrasen und Sorgen um dieses Organ aus.

Kann man diese Gefühlsblindheit verlernen?

Ja, genau das üben wir in der Therapie. Wenn man beginnt, zum Beispiel innerhalb von Beziehungen mehr wahrzunehmen und auszudrücken, was man fühlt und möchte, können die Symptome in ihrer Hartnäckigkeit überflüssig werden. Der Körper kommt wieder in Einklang mit der Psyche.

Die eine hat Magenprobleme, die nächste Herzbeschwerden – woran liegt es, wie sich psychosomatische Beschwerden äußern?

Häufig spielen organische Erkrankungen in der Vergangenheit eine Rolle. Das Körpergedächtnis merkt sich, wo schon mal eine Verletzung war, und drückt dann seelische Belastungen über die gleiche Stelle aus. Oder es gibt bestimmte Vorerkrankungen in der Familie: Wenn der Vater in jungen Jahren am Herzinfarkt verstorben ist, entwickelt die Tochter vielleicht später im Leben, wenn bestimmte Belastungen anstehen, Herzprobleme oder Ängste, die sich auf das Herz beziehen. Die Frage, was verbinde ich eigentlich mit dem Organ, das Probleme macht, kann darum ein Einstieg sein, um psychosomatische Beschwerden mal mit einer anderen Brille zu betrachten.

Welche "Mittel" gehören noch in die psychosomatische Hausapotheke?

Die Verbindung von Psyche und Körper können wir uns auch zunutze machen, um uns zu beruhigen. In der Anspannung atmet man oberflächlicher, schneller und mehr in den Brustbereich. Die gezielte Bauchatmung – zum Beispiel im Liegen mit einem Buch auf dem Bauch, das sich beim Atmen hebt und senkt – beruhigt nachweislich. Ganz wichtig und lindernd ist es auch, trotz der Beschwerden Dinge zu tun, die Freude machen, das zu stärken, was gut und noch möglich ist.

Warum ist der Satz "Das ist psychisch oder psychosomatisch" eigentlich so negativ belegt?

Er wird oft als eine Schuldzuweisung erlebt, als hätte man sein Leben nicht im Griff und würde etwas falsch machen. Übrigens fällt dieser Satz auch vielen Mediziner*innen nicht leicht, manche vermeiden ihn sogar.

Warum?

Zum einen verärgert man damit eben oft ein bisschen, zum anderen öffnet sich ein ganz neues Feld, wenn man auch nach psychischen Einflussfaktoren schaut. Dafür haben viele Ärztinnen und Ärzte weder Zeit noch Qualifikation. Auch Berührungsängste spielen eine Rolle.

Viele Betroffene stehen mit der Diagnose "Das ist psychisch" also allein da ...

Ja, denn eigentlich würde es dann ja erst richtig losgehen. Leider hört die Medizin meist immer noch auf, wenn es kein Medikament, keine Intervention oder keine Operation gibt. Da muss sich unser Gesundheitssystem noch weiterentwickeln.

Kommt das medizinische Schmuddel-Image der Psychosomatik auch daher, dass immer erst der Körper im Fokus ist? Die Psyche bleibt dann nur übrig, wenn alle Diagnostik durch ist.

Es ist für Patientinnen und Patienten natürlich viel angenehmer, wenn beides gleichwertig nebeneinandersteht. Bei einer psychosomatischen Diagnostik werden, so weit möglich, Magenspiegelungen und Ultraschall gemacht und gleichzeitig in Einzel- und Gruppengesprächen geschaut, wie Betroffene ihre Welt erleben, ob es vielleicht Probleme in der psychischen Verarbeitung gibt. Da man aus Untersuchungen weiß, dass langfristig Behandlungsdauer und -kosten sinken, gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass die sogenannte Simultandiagnostik der beiden Ebenen, "Körper" und "Psyche", sich irgendwann durchsetzen wird.

Beginnt nicht da schon das Problem: Wir sprechen immer von zwei Ebenen und dann maximal von Wechselwirkung ...

Diese Hierarchie ist historisch gewachsen: Durch den wissenschaftlichen Fortschritt beginnend vor ca. 150 Jahren hat sich die Medizin stark auf die Biologie gestürzt und den scheinbaren Rest, die Psyche, den Philosophen überlassen. Heute wissen wir: Jede Emotion, jeder Gedanke ist auch Elektrophysiologie und Biochemie im Körper, sodass man eine Trennung eigentlich gar nicht aufrechterhalten kann.

Können Sie es verstehen, wenn sich Menschen alternativen Heilmethoden zuwenden, weil sie sich in der Schulmedizin nicht richtig ernst genommen fühlen?

Erst mal schon. Wichtig ist mir, dass vorher wirklich eine gute Körperdiagnostik stattgefunden hat und dass man auch immer eine Ärztin oder einen Arzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie aufsuchen kann. Ich sehe nicht selten, dass Menschen für alternative Verfahren viel Geld ausgeben und am Ende doch nichts erreichen.

"Ich finde nichts", sagt eine Heilpraktikerin zumindest wohl nie ...

Klar, da wird immer etwas gefunden – eine unerkannte Vergiftung, Energieblockaden oder was auch immer –, und das entlastet die Patientin oder den Patienten erst mal und gibt Sicherheit. Aber wenn wirklich innere Belastungen, Traumatisierungen oder Beziehungsfaktoren hinter den Beschwerden stecken, wird das auf lange Sicht nicht zu einem zufriedeneren und gesünderen Leben führen. Viele alternativmedizinische Verfahren sind passiv. Das Grundelement von psychosomatischen Psychotherapien ist dagegen, dass die Betroffenen selbst aktiv werden. Die psychosomatische Ärztin bzw. der Arzt ist sozusagen nur der Wanderführer, gehen müssen sie ihren Weg selbst. So kommt man aus der Abhängigkeit der Erkrankung in die Selbstverantwortung. Viele erleben das als sehr befreiend, und es hilft auch aus dem Gefängnis der Symptome.

Wie groß ist die Gefahr, dass etwas Körperliches übersehen wird?

Groß. Es gibt zum Beispiel ungefähr 6000 seltene Erkrankungen, die nicht leicht zu diagnostizieren sind. Deswegen gehören psychosomatische Beschwerden aus meiner Sicht auch in die Hände von Ärztinnen und Ärzten. Es gibt Magengeschwüre, die müssen zum Beispiel mit Antibiotika behandelt werden, und trotzdem kann es sein, dass Stress zusätzlich, vielleicht so zu 20 Prozent, eine Rolle spielt. Wir dürfen nie zu schnell auf ein Entweder-oder kommen. Das eine schließt das andere nicht aus.

Dr. Alexander Kugelstadt, 39, ist Arzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und arbeitet am Institut für psychogene Erkrankungen in Berlin. Seit 2015 betreibt er zusammen mit einem Kollegen den Edutainment-Podcast "PsychCast".

Am 5. Oktober erscheint Alexander Kugelstadts Buch: "‚Dann ist das wohl psychosomatisch!‘ Wenn Körper und Seele SOS funken und die Ärzte einfach nichts finden" (320 S., 16 Euro, Mosaik).

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BRIGITTE 19/2020

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