Rauchverbot: Frauen rauchen anders

Seit 1. Januar 2008 ist Rauchen im Restaurant fast überall in Deutschland verboten. Warum dieses Rauchverbot vor allem Frauen nützt und was rauchende Frauen noch von rauchenden Männern unterscheidet, erklärt BRIGITTE-Mitarbeiterin Antje Kunstmann.

Rauchen schadet Frauen mehr als Männern

Für den weiblichen Körper sind drei Zigaretten so schädlich wie sechs Zigaretten für einen Mann. Noch sterben mehr Männer als Frauen an typischen Raucherkrankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Lungenkrebs, einfach weil nach wie vor mehr Männer als Frauen rauchen und Raucher stärker rauchen als Raucherinnen.

Allerdings steigt weltweit der Anteil an Frauen, die rauchen. Die WHO rechnet bis 2025 mit einer Verdreifachung. Und in Deutschland, wo wie in anderen europäischen Ländern die Raucherquoten sinken, fällt der Rückgang bei Frauen in allen Altersgruppen deutlich geringer aus als bei Männern.

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Es ist also damit zu rechnen, dass tabakbedingte Erkrankungen und Todesfälle bei Frauen steigen werden, während die Zahlen bei den Männern bereits heute rückläufig sind. "Wenn Frauen rauchen wie Männer ... werden sie sterben wie Männer", sagt der englische Epidemiologe Sir Richard Peto.

Wegen der größeren gesundheitlichen Schäden, die Rauchen für den weiblichen Körper hat, werden Frauen wohl sogar häufiger und jünger sterben, wenn sie rauchen wie Männer. Blasenkrebs etwa steht bei Frauen in enger Beziehung zur eigenen Rauchbiografie. Raucherinnen sind außerdem häufiger unfruchtbar als Nichtraucherinnen und sie kommen früher in die Wechseljahre.

Frauen leiden mehr unter dem Qualm anderer

Dem Passivrauchen sind mehr Männer als Frauen ausgesetzt: Zwischen 20 und 29 Jahren, wenn die Belastung am größten ist, trifft der Qualm anderer 86 Prozent der Männer und 69 Prozent der Frauen, die selbst nicht rauchen.

Trotzdem entfallen nach Informationen des Deutschen Krebsforschungszentrums 70 Prozent der Todesfälle durch Passivrauchen auf Frauen. Der Rauch, den ein Nichtraucher aus seiner Umgebung einatmet, enthält mehr krebserregende Stoffe als der Rauch, den der Raucher selbst inhaliert. Am stärksten ist die Belastung durch Passivrauch übrigens in der Freizeit, also in Cafés, Restaurant oder Diskotheken.

Frauen fangen aus anderen Gründen mit dem Rauchen an

Das Umfeld bestimmt das Rauchverhalten von Mädchen stärker als von Jungen und Rauchen hat für Mädchen eine stärkere soziale Funktion. Es erhöht das Gefühl der Gruppenzugehörigkeit. Rauchende Freunde und Freundinnen beeinflussen Mädchen viel stärker als Jungen, selbst zur Zigarette zu greifen.

Auch Eltern haben in Sachen Tabak einen größeren Einfluss auf ihre Töchter als auf ihre Söhne. Wenn die Mutter während der ersten fünf Lebensjahre ihrer Tochter raucht, erhöht sich das Risiko, dass diese später selbst raucht, um 5 bis 8 Prozent, so eine Studie des Rheinisch Westfälischen Instituts für Wirtschaftforschung.

Frauen rauchen aus anderen Gründen

Stress ist der wichtigste Grund bei Frauen, zur Zigarette zu greifen. Rauchen soll Entspannung bringen und helfen, mit Belastungen und negativen Gefühlen fertig zu werden. Allerdings kann das Rauchen selbst zum Stressfaktor werden: Je gestresster ich bin, desto mehr rauche ich - und desto gestresster werde ich, gerade weil ich das Gefühl habe, mehr rauchen zu müssen.

Eine britische Studie ergab außerdem, dass ein geringes Gefühl der Selbstwirksamkeit den Tabakkonsum bei Frauen erhöht. Dies trifft vor allem auf Frauen mit geringer Bildung zu. Sie rauchen deutlich häufiger als besser ausgebildete Frauen und insgesamt rauchen Arbeitslose häufiger als Erwerbstätige. Die Industrie hat dies längst begriffen: In benachteiligten Stadtteilen findet sich deutlich mehr Tabakwerbung.

Auch unter Alleinerziehenden ist die Belastung groß und ebenso die Gefahr, ins soziale Abseits zu geraten: 62 Prozent der Alleinerziehenden, und davon sind 84 Prozent Frauen, rauchen. In der Gesamtbevölkerung liegt die weibliche Raucherquote dagegen nur bei gut 26 Prozent.

Frauen rauchen anders

Rauchen ist mehr als Nikotin-Konsum: Auch die Psyche ist abhängig. Doch hierbei gibt es deutliche Geschlechtsunterschiede. Kenneth Perkins von der University of Pittsburgh ließ Frauen und Männer beim Rauchen Schwimmbrillen und Nasenclips tragen. Der Geruch der Zigarette, ihr Anblick, den ausgeatmeten Qualm aufsteigen zu sehen - diese so genannten sensoriellen Aspekte des Rauchens fielen also weg.

Frauen rauchten daraufhin weniger als Männer, so dass Perkins folgerte: Weibliches Rauchverhalten wird weniger von Nikotin als von den begleitenden Sinnesempfindungen beeinflusst. Bei Männern dagegen hat Nikotin eine stärkere Bedeutung. Tatsächlich hilft eine Nikotinersatztherapie Frauen, die vom Tabak loskommen wollen, weniger als Männern.

Raucherinnen haben mehr Angst um ihr Gewicht

Der Wunsch, mit dem Rauchen das eigene Gewicht zu kontrollieren, spielt für 40 Prozent der Raucherinnen eine Rolle, aber nur für bis zu 25 Prozent der Raucher. Gerade bei jungen Mädchen - und diese rauchen immer häufiger und auch mehr als gleichaltrige Jungen - ist die Angst vor Übergewicht ein wesentlicher Grund, überhaupt mit dem Rauchen anzufangen. Und bei Frauen jeden Alters eine der wichtigsten Hürden, damit aufzuhören. Sobald das eigene Gewicht steigt, wird die Entwöhnung oft abgebrochen.

Nikotin erhöht den Grundumsatz, das heißt der Körper verbrennt mehr Kalorien. Außerdem bremst Nikotin der Appetit. Deswegen haben Menschen, die mit dem Rauchen aufhören, öfter Hunger. Allerdings nehmen deswegen nicht alle zu: Nur bei 60 Prozent der entwöhnten Raucher steigt das Gewicht um 2,5 bis vier Kilogramm und nur bei einem Zehntel um mehr als zehn Kilogramm.

Frauen fällt das Aufhören schwerer

Im Alter zwischen 30 und 44 Jahren schaffen es laut Bundesgesundheitssurvey 2003 44 Prozent der Raucher, von der Zigarette loszukommen, aber nur 41 Prozent der Raucherinnen. In den unteren sozialen Schichten gelingt sogar nur 17 Prozent der Frauen der Ausstieg.

Frauen leiden unter stärkeren Entzugserscheinungen als Männer, sie werden häufiger rückfällig und haben nach der Entwöhnung ein höheres Risiko für Depressionen. Da Nikotin den weiblichen Zyklus beeinflusst, haben Frauen besonders schlechte Chancen, von der Zigarette loszukommen, wenn sie ihre Tage haben.

Gut ein Viertel aller Raucherinnen qualmt auch in der Schwangerschaft weiter. Dadurch steigt das Risiko von Fehl- und Frühgeburten, von Wachstumsstörungen des Ungeborenen und des Plötzlichen Kindstodes. Dabei geben Raucherinnen an, die Tabakentwöhnung während der Schwangerschaft w ihnen nur halb so schwer, wenn auch ihr rauchender Partner mitziehen würde.

Light-Zigaretten sprechen gezielt Frauen an

Laut Sibylle Fleitmann, Unabhängige Beraterin im Bereich Tabakkontrolle, sind Light-Zigaretten der "größte Konsumbetrug aller Zeiten": Da Frauen im allgemeinen gesundheitsbewusster sind als Männer, werde ein angeblich weniger giftiges Produkt entworfen, das außerdem durch Namen und Farben, die oft Diätprodukten gleichen, eindeutig Frauen anspreche. Tatsächlich rauchten 1995 fast die Hälfte der Raucherinnen in Europa Light-Zigaretten, darunter vor allem ältere Frauen, die sich der Gesundheitsproblematik des Rauchens bewusst sind.

Allerdings sind Light-Zigaretten keineswegs weniger schädlich als normale. Sie enthalten auch nicht weniger Schadstoffe: Allein durch Löcher im Filter sinken die Messwerte von Teer und Nikotin. Wer light raucht, greift meist sogar öfter zur Zigarette und inhaliert den Rauch tiefer, um trotzdem die gewohnte Nikotinmenge aufzunehmen. Wahrscheinlich wird dadurch eine bestimmte Form von Lungenkrebs gefördert, die besonders schwer zu behandeln ist.

Das Rauchverbot nutzt vor allem Frauen

Ab dem 1. Januar darf in den meisten Bundesländern in Bars, Kneipen und Restaurants nicht mehr geraucht werden - abgesehen von einigen Ausnahmen für komplett abgetrennte Raucherräume oder Volksfeste. Das schützt vor allem Frauen. Denn von den 1,2 Millionen Menschen, die im Gastgewerbe arbeiten, sind 700.000 Frauen, davon 70 Prozent unter 40 Jahre. Sie haben nun die Chance auf einen rauchfreien Arbeitsplatz.

Das Beispiel einer 22-jährigen Kellnerin, die ihr zweites Kind erwartet, verdeutlicht das bisherige Dilemma. Zwei Versuche unternahm sie, mit dem Rauchen aufzuhören, besuchte sogar einen Nichtraucherkurs - und blieb trotzdem erfolglos. "Solange ich in einer verrauchten Umgebung arbeiten muss, sind die Versuche einfach zwecklos", sagt sie resigniert.

In anderen Ländern sank die Rate an Herz-Kreislauferkrankungen nach Einführung eines umfassenden Rauchverbots übrigens bereits deutlich.

Text: Antje Kunstmann Foto: plainpicture

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