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Raumklima verbessern Diese Maßnahmen helfen

Raumklima verbessern: Frau sitzt zwischen Pflanzen
© Bogdan Sonjachnyj / Shutterstock
Man mag es nicht glauben, aber in unseren Wohnräumen ist die Luftqualität manchmal schlechter als draußen. Woran das liegt und was helfen kann, erklärt Umweltmediziner Manfred Pilgramm. 

BRIGITTE: Wenn die Luft an einer stark befahrenen Straße besser ist als in Innenräumen: Was läuft da falsch?

Dr. Manfred Pilgramm: Das liegt vor allem am Zigarettenrauch, eines der Hauptprobleme, wie Luftanalysen zeigen. Ich bezeichne Rauchen in der Wohnung daher gern als Körperverletzung, gerade wenn Kinder mit im Haus leben. Als Raucher atmet man 300 verschiedene Schadstoffe ein – unter anderem Formaldehyd – und auch wieder aus. Weitere Faktoren, die die Atemluft belasten, sind Schimmelsporen, die durch Feuchtigkeit entstehen können. Auch Dämpfe von verwendeten Klebern oder Holzschutzmitteln schaffen häufig ein schädlicheres Milieu, als man es im Freien erleben würde.

Woran erkennt man denn, ob das Wohnumfeld krank macht?

Es gibt fünf typische Symptome, die auf eine Schadstoffbelastung in Innenräumen hinweisen können: Augenbrennen, Hautjucken, Rachenkratzen, Reizhusten und Kopfschmerz. Das sind natürlich alles diffuse Beschwerden, die auch bei einer Erkältung oder im Rahmen einer Allergie auftreten können. Verdächtig ist es, wenn die Symptome bei längerer Abwesenheit aus den Wohnräumen, etwa im Urlaub, deutlich nachlassen oder ganz verschwinden.

Was tue ich, wenn ich den Verdacht habe, mein Zuhause löst die Beschwerden aus?

Zuallererst einen Sachverständigen bitten, die Wohnung zu begutachten. Eine solche Erstbegehung kostet in der Regel zwischen 50 und 80 Euro und kann häufig den Verdacht entkräften. Wer ganz sichergehen will, muss Proben nehmen lassen, zum Beispiel ein Stück Tapete oder Bodenbelag, und diese im Labor analysieren lassen. Aber Vorsicht, eine Rundum-Untersuchung der Wohnung kann schnell Tausende Euro kosten, das sollte man sich gut überlegen.

Lassen sich Schadstoffe nicht auch im Körper nachweisen?

Wir raten zu folgender Reihenfolge: erst Umweltmonitoring, dann Human Monitoring, also die ärztliche Untersuchung. Denn sobald bedenkliche Materialien im Wohnumfeld gefunden wurden, kann man gezielter diagnostizieren. Bei Formaldehydbelastung beispielsweise lässt sich Ameisensäure als Abbauprodukt im Urin von Betroffenen nachweisen. Manchmal nimmt man auch Blut-, Haar- oder Speichelproben, es kommt darauf an, welcher Verdacht besteht.

Wie geht es dann weiter, wenn die Werte tatsächlich auffällig sind?

Wurden in der Wohnung und auch bei der ärztlichen Untersuchung Auffälligkeiten entdeckt, geht es darum, die Ursache zu beseitigen. Manchmal liegt es an einem einzelnen, mit Holzschutzmitteln behandelten Möbelstück oder einem wollenen Bettvorleger, aus dem toxisches Mottenschutzmittel austritt – das lässt sich natürlich leicht entfernen. Teilweise muss aber der ganze Bodenbelag raus, etwa wenn Kleber die Beschwerden auslösen. Und bei Asbest in der Decke ist sogar eine große Sanierung fällig.

Wer übernimmt die Kosten?

Bei Mietwohnungen im Idealfall der Eigentümer. Man sollte dafür aber Beweise vorlegen können. Da gibt es ganz klare Vorgaben, an die man sich halten muss. Zum Beispiel muss der betroffene Raum vor einer Messung acht Stunden lang verschlossen gewesen sein, sonst können sich Werte verfälschen. Liegen klare Messwerte vor, übernehmen die Krankenkassen in der Regel die Kosten der Diagnostik. Renovierungs- und Sanierungskosten sind Eigentümersache. Allerdings warne ich vor: Viele stellen sich quer, wenn es ans Bezahlen geht. Es kann für Mieter zu langen Rechtsstreitigkeiten kommen. In einigen Fällen ist tatsächlich ein Umzug die bessere und günstigere Lösung.

Was raten Sie, wenn weder Gutachter noch Arzt etwas finden, die Beschwerden aber dennoch da sind?

Dann sollte man eine psychologische Komponente in Betracht ziehen. Erfahrungsgemäß finden sich bei etwa 15 Prozent der Betroffenen mit den vorhin genannten fünf Leitsymptomen tatsächlich Ursachen im Wohnumfeld und der Baubiologie. Bei fast 85 Prozent scheint dagegen die Psyche eine wichtige Rolle zu spielen. Vermutlich können ungelöste Paar- oder Familienkonflikte ein entsprechendes Unwohlsein mit Symptomen auslösen, das dann manchmal zu Unrecht auf die Wohnumgebung geschoben wird.

Gibt es Warnzeichen auf Schadstoffe, wenn ich in eine neue Wohnung ziehe?

Wenn Kunststoffböden sich aufwölben und Folgen starker Sonneneinstrahlung zeigen. Das gilt auch für Dichtungen an Fenstern. Auf Feuchtigkeit kann abgeplatzter Putz hinweisen. Und ein strenger chemischer oder modriger, muffiger Geruch ist grundsätzlich ein Warnsignal.

Stichwort Fensterdichtungen: Leben wir heute, gut abgeschirmt von der Außenwelt, möglicherweise ungesünder als frühere Generationen?

Auf jeden Fall! Früher im Altbau war es frischer und hat mal durchgezogen. Heute findet durch die stark isolierten Wohnungen ja kaum noch ein Luftaustausch statt. Das ging los mit der Ölkrise in den 1970er-Jahren: Um Heizkosten zu sparen, wurden Wohnräume immer stärker abgedichtet. Die Leute wollten nur wenig lüften, damit sie keine Wärme vergeudeten. Dadurch entstand überhaupt erst das Forschungsfeld Wohnmedizin.

Und was bedeutet das für uns – weniger heizen, mehr lüften?

Genau. Großzügiges Stoßlüften mehrmals am Tag ist die einfachste und günstigste Methode für ein relativ gesundes Raumklima. Mein Tipp: Zweimal am Tag fünf bis acht Minuten querlüften, also Fenster auf, Türen auf und richtig Durchzug machen. Aber: Nicht am offenen Fenster schlafen oder kontinuierlich Fenster gekippt lassen. Das hat zum einen nicht den gleichen Effekt und kann zum anderen durch Zugluft eher wieder krank machen.

Wer gerade eine große Renovierung oder einen Hausbau plant: Gibt es Materialien, die unbedenklich sind?

Die Materialien sind eigentlich nicht das Problem, sondern wie sie behandelt wurden. Meist sind es Lacke, Kleber oder Beize, die Beschwerden auslösen. Da sollte man sich vorher schlau machen, welche Stoffe baubiologisch in Ordnung sind. An der Hochschule haben wir eine Checkliste mit 75 Fragen entwickelt, die eine gute erste Orientierung bietet (www.checkliste-gesundes-wohnen.de).

Zimmerpflanzen gelten als ideale Luftfilter. Können Gummibaum und Co. das Wohnklima verbessern?

Pflanzen sorgen sicher für gute Stimmung, eine messbare Verbesserung der Raumluft können zwei oder drei Pflänzchen jedoch nicht herstellen. Dazu müsste man in einem Dschungel leben – und dann wäre es wiederum zu feucht, was Schimmel zur Folge hätte. Übrigens: Wer schimmlige Flächen in der Wohnung entdeckt, muss die befallenen Materialien unbedingt großzügig entfernen. Wegputzen allein reicht nicht.

Prof. Dr. Manfred Pilgramm ist Umweltmediziner und Hals-Nasen-Ohren-Arzt. Er leitet den Bereich Wohnmedizin an der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe.

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BRIGITTE 19/2020

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