Reha nach Brustkrebs: Schritt für Schritt ins neue Leben

Erst kam der Brustkrebs, dann: OP, Chemo, Bestrahlung. Und als alles überstanden war, die Frage: Reha – muss das sein? Sylvia Heinlein hat sich überwunden.

Ich wollte nur wieder zurück ins Leben

"Gönn Dir das!", hatten meine Freundinnen mich beschworen. "Eine Reha ist genau das, was du jetzt brauchst." Ich bin sehr gut in "mir was gönnen", aber in diesem Fall hatte ich nicht gewollt. Ich hatte den Brustkrebs hinter mir, war erschöpft von Operation, Chemotherapie, Bestrahlung. Und nun wollte ich meine Ruhe, weiter nichts. Ein Jahr lang hatte ich mich um nichts anderes als um meine Krankheit kümmern müssen, es reichte mir. Ich wollte keine Behandlungszimmer mehr. Noch eine weitere Runde Auseinandersetzung mit dem Krebs? Freiwillig? Ich mochte nicht noch einen einzigen Tag länger im Wartezimmer des Lebens sitzen. Ich wollte endlich wieder loslegen, allein, wie auch immer.

Kalte Hände: Ursachen und was dagegen hilft

Insgesamt klang Rehabilitation (aus dem Lateinischen: Wiederherstellung) mir schon immer unschön, ich hatte Fotos gesehen von alten Menschen im Bewegungsbad und krankenhausartigen Fluren. Zudem: Kontrollen, Termine, Arztbesuche. Alles sehr unerfreulich. Aber irgendwann war ich zu schwach geworden, um dem besorgten, wohlmeinenden Insistieren meiner Ärzte und Freunde noch länger zu widersprechen. Allen war klar, dass eine Reha für mich vorgesehen war. Würde ich es später bereuen, mich verweigert zu haben? So hatte ich mich also gefügt.

Ankommen

Die Reha-Klinik Schloss Schönhagen liegt auf einer malerischen Ostseehalbinsel, die Orte tragen gemütliche Namen wie Dingelby und Nübbelfeld. Das gibt schon mal ein Wohlgefühl, ebenso wie die sanften Hügel und niedlichen Häfen entlang der Schlei, einem sich lauschig durch die Felder schlängelnden Fjord. Und dann steht da, kurz bevor die Straße an der See endet, ein kleines, charmantes Rittergut. Es gibt ein Schloss aus roten Klinkern, einen Park mit alten Bäumen, einen Teich mit Enten und Strandkörben. Alles sehr beruhigend. Die Empfangsdamen geben mir das Gefühl, ein lang ersehnter Gast zu sein. Mein Zimmer in einem modernen Anbau ist zweckmäßig und wohnlich zugleich. Nichts riecht nach Krankenhaus. Ist einem Abenteuer, egal welcher Art, das zu harmonisch beginnt, zu trauen?

Ein Plan

Mein erster Termin: Ich sitze vor einem sanftmütigen Arzt, wir besprechen meine Befunde und meine Wünsche. Zum ersten Mal seit der Diagnose vor einem Jahr scheint es unendlich viel Zeit für mich geben, es ist ein bedächtiges Gespräch. "Sie waren ja die ganze Zeit gezwungen, sich auf die Mediziner zu verlassen", sagt er schließlich. "Sie waren wie ein gehetztes Reh auf der Flucht, Sie hatten Angst. Jetzt müssen Sie sich ausruhen. Stellen Sie sich diesem Bedürfnis." Mein Anspruch, mir und den Ärzten zu beweisen, dass ich schnell wieder leistungsfähig sein kann, geht in die Knie vor so viel Gespür. Ich bin dankbar und möchte ein bisschen weinen.

Seine Kollegin stellt mir ein Programm für die kommenden drei Wochen zusammen. Neben jeder Menge sportlichem Training, Yoga und einer Achtsamkeitsgruppe empfiehlt sie auch einen Kreativkurs. "Ach", sage ich, "danke, den brauche ich nicht. Ich bin schon kreativ." Sie lächelt fürsorglich. "Gehen Sie da ruhig mal hin." Ich nicke folgsam. Später liege ich irgendwie erschüttert auf meinem Bett. Was genau ist mir da heute wiederfahren? Bin ich so mürbe, so bedürftig geworden, dass professionelle Zuwendung mich aus den Socken hauen kann?

Schloss Schönhagen ist auf Krebserkrankungen spezialisiert. Beim Begrüßungsvortrag im lichten Wintergarten liegt das Durchschnittsalter der Neuankömmlinge irgendwo zwischen 50 und 70, zum Großteil sind es Brustkrebspatientinnen. Chefarzt Dr. Martin Rotsch nordet alle zugewandt und gut gelaunt ein. "Morgens Fango, abends Tango", das alte Kurwesen, gebe es nicht mehr. Reha sei keine reine Erholung. Es gehe vielmehr darum, selbst etwas für die Genesung zu tun.

"Die Masseurstellen wurden uns schon vor Jahren gestrichen", erzählt Onkologe Rotsch, "stattdessen hieß es: Hier habt ihr Sporttherapeuten." Und dann sagt er strahlend und überzeugt etwas sehr Einfaches, das ich in den kommenden Wochen hier noch oft hören werde: "Wir werden gemeinsam mit Ihnen etwas gegen die Folgen Ihrer Krankheit tun. Wir helfen Ihnen."

Das Handtuch

Von nun an werde ich behütet durch die Tage geführt. In einem Schließfach finde ich jeden Morgen meinen Terminplan. Schwimmübungen, Sportstunden, Gesprächs- und Gymnastikgruppen, Einzeltherapien, Seminare und Vorträge, bis zu acht Termine täglich. Ab jetzt trage ich immer bei mir: meinen Plan und ein Handtuch. Das Handtuch ist Pflicht, es dient als Unterlage für Stühle, Liegen und Matten in den Behandlungsräumen und Trainingshallen.

Wer ein Handtuch mit sich trägt, signalisiert, dass er in wichtiger gesundheitlicher Mission unterwegs ist. Hier trödelt jemand nicht müßig umher, sondern ist auf dem Weg. Ich trödle grundsätzlich gern, aber hier keinesfalls, niemals, denn das begreife ich schnell: Diese Reha-Klinik ist ein perfekt geöltes, hocheffizientes Maschinchen. Es funktioniert auf die Minute genau, um täglich 260 Menschen durch deren individuelle Terminpläne zu schleusen.

Sport?! Ich?

In der Sporthalle wird ein Trainingsprogramm für mich erarbeitet, mit all dem, was ich mein Leben lang gemieden habe: Übungen an Kraftgeräten und Gymnastik. Das Ziel: Stärke, Beweglichkeit, Ausdauer, neues Vertrauen in meinen Körper fassen. Im Wirbelsäulenkurs verstehe ich, was verklebte Muskelstränge sind und dass ein Gymnastikball helfen kann. Ich übe leichtfüßiges Spazieren, nicke bei mildem Yoga ein und tue etwas, von dem ich gewettet hätte, dass ich mich keinesfalls darauf einlasse: Ich schenke mir in der Achtsamkeitsgruppe ein "inneres Lächeln".

Bei einem Vortrag über Ernährung notiere ich ergeben, was alles nicht gesund ist, und frage schließlich verzagt: "Gibt es irgendeine Droge, die nicht verboten ist und trotzdem Spaß macht?" Die Ernährungsberaterin freut sich. Jawohl, da gebe es etwas: Sex und Erotik. Müdes Seufzen im Publikum. "Nächstes Jahr", murmelt es hinter mir.

Manchmal darf ich auch gar nichts tun, nur liegen, auf einem famosen Wasserbett mit Massagedüsen, sachtem Lichtspiel und flauschiger Musik. Und schließlich bin ich dort, wo ich niemals hinwollte: im Bewegungsbad. Das Wasser ist warm, ich wandere mit Schwimmnudel und anderen älteren Menschen im Kreis. Es ist sehr wohltuend, ich denke nichts.

Die warme Decke der Solidarität

Die Tage vergehen eigentümlich zeitlos in ihrem Rhythmus aus festen Terminen. Mein Zuhause mit all seinen Verpflichtungen ist fern, ich habe keine weitere Verantwortung, als mein Handtuch bereitzuhalten und mich einem Plan zu überlassen, der mich stärken will. "Insel der Seligen", denke ich irgendwann und finde es sogleich absurd. Alle hier haben eine Krebsdiagnose. Aber tatsächlich gelingt dem Klinikpersonal etwas Verblüffendes: Es ist so zugewandt und liebenswürdig, dass die Stimmung sich auf die Patienten überträgt. Über allem liegt eine warme Decke der Solidarität. Jeder ahnt zumindest, was die anderen hinter sich haben.

Es gibt unter uns Patienten ein unausgesprochenes Abkommen, sich Komplimente zu machen, Rücksicht zu nehmen, dem anderen gutzutun. Gäste und Klinikteam grüßen sich auf dem Flur, jeder jeden und jedes Mal wieder. Ich begreife, wie sehr ich mich danach gesehnt habe – nach purer Freundlichkeit, nach etwas Einfachem, Verlässlichen in meiner Zeit der Furchtsamkeit. Im Schlosscafé gibt es Kaffee, guten Kuchen, Bier, Sekt und Wein. "Wir verbieten den Alkohol nicht", sagt Chefarzt Rotsch, "wir haben ihn nur unter Kontrolle." Das funktioniert, weil eben auch die Dame im Café die Patienten nicht einfach als Kunden wahrnimmt. Sie sorgt sich und leitet es weiter, wenn jemand allzu häufig Alkohol möchte.

"Wir passen aufeinander auf", sagt Rotsch, "auf unsere Patienten und im Team." Er scheut sich nicht vor Worten, die man von Schulmedizinern sonst nicht hört. "Eigentlich", meint er, "ist unser Auftrag ein spiritueller: dem Menschen Mut zu geben weiterzumachen."

Ohne schlechtes Gewissen einfach mal wieder für sich alleine sein

Für freie Stunden gibt es im Schloss allerlei unaufgeregte Freizeitangebote: filzen, töpfern, absurde Nettigkeiten handarbeiten. Ich trage mich dreimal in eine Teilnehmerliste ein und wieder aus. Die nahe Steilküste ist zu verlockend. Rechts die See, die ständig ihre Farben wechselt, links weite Felder, über mir Wolkentupfen. In einem der idyllischen Häfen finde ich alles, was das Herz eines Kurgastes begehrt: ein paar Kutter, Möwengeschrei und ein perfektes Fischbrötchen.

Manchmal begegnen mir Mitpatientinnen, oft paarweise. Auch zu den Mahlzeiten treffen sich feste Grüppchen. Aber es gibt keine Tischordnung, also finde ich immer einen einzelnen Platz für mich. Ich ruhe aus von der Geselligkeit, die ich mir sonst immer abfordere, und bin erleichtert, als ich beobachte, dass ich damit nicht die Einzige bin. Hin und wieder plaudere ich dennoch ein wenig, die Gespräche kommen jedes Mal zügig zum Wesentlichen. Niemand spricht ausführlich über seine Diagnose, sie wird schnell abgehakt, wie eine unerfreuliche, entfernte Tante. Aber von Zuversicht und Furcht erzählt man sich hier. Von der Rückkehr in den Job, dem Auskommen mit dem Partner, der Familie und Freunden, der Hoffnung insgesamt.

Ein Hafen

Einmal tusche ich einen weiten Himmel mit Wölkchen über Strand und Heckenrosen. Die Kunsttherapiegruppe ist klein, jeder arbeitet schweigend an der Aufgabe, sich selbst als Landschaft zu sehen. Wir kennen einander nicht, aber nach einer Stunde erzählen wir uns über unsere Bilder, über die stürmische See, vernebelte Felder, Blitze am Himmel, über die Ruhe, nach der wir uns sehnen.

Zu Hause hatte ich den Kontakt zu anderen Krebspatienten bewusst gemieden. Ich traf sie in Wartezimmern oder bei der Chemotherapie, aber ich wollte nicht auch noch mit ihren Gefühlen konfrontiert werden. Hier kann ich sie überraschenderweise annehmen und mich auch selbst öffnen. Das kleine, stimmungsvolle Atelier ist ein guter, geschützter Raum, das spürt anscheinend jede und jeder von uns.

Wohltuend ist das alles, denke ich nach ein paar Tagen matt und fühle mich dabei so entkräftet wie zu Hause. Sofort beginne ich zu zweifeln. Sollte es mir mittlerweile nicht schon viel besser gehen? Mache ich etwas falsch? Ist diese ganze Reha-Sache nett, aber letztendlich sinnlos? Nur langsam begreife ich, dass es hier nicht um schnelle Erfolge geht, sondern um Geduld und Klarheit. "Wir brauchen Ihr Ziel", erklärt Klinikpsychologin Annkatrin Rogge. "Ihr Ziel ist Ihr Hafen." 

Zügig gesund werden wollen, lerne ich, ist kein hilfreicher Vorsatz. Bescheidener und besser: wieder ein paar Stunden am Stück arbeiten oder eine Stunde walken. Und dabei immer schön realistisch bleiben. "Sie werden Ihr Ziel nicht innerhalb der drei Wochen hier erreichen", sagt Rogge. "Aber vielleicht versuchen Sie es bis zu Ihrem Geburtstag?"

Ja, denke ich. Bis zu meinem Geburtstag habe ich noch ein paar Monate. Das ist gut. Gut ist auch, dass ich keine Angst mehr habe vor Bewegungsbädern mit älteren Menschen. Am allerbesten aber: Es geht nicht mehr zurück. Nur voran. Bis in den Hafen.

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BRIGITTE WOMAN 09/2019

Wer hier schreibt:

Sylvia Heinlein
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