Reizdarmsyndrom: 5 Mythen im Check

Über den Reizdarm wird seit einigen Jahren viel berichtet. Ein paar Mythen haben sich dennoch gehalten. Wir erklären, was wirklich stimmt!

Der Reizdarm kann vieles sein: Bauchweh, Blähungen, man isst drei Bissen und fühlt sich übervoll. Oder man bekommt plötzlich Durchfall, hat Verstopfung, womöglich beides im Wechsel. Es ist, als säße mitten im Bauch ein zickiges Sensibelchen, das einem oft nicht wohlgesinnt ist. Die gute Nachricht: Je mehr man über das Reizdarmsyndrom weiß, umso besser kann man damit umgehen. Hier räumen wir mit ein paar Mythen auf.

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1. Reizdarm? Alles psychisch.

Solchen Überzeugungen begegnen Reizdarmpatient*innen noch immer. Schließlich gibt es keinen Test und keine Untersuchung, die beweist, dass man an einem Reizdarm leidet. Wenn Magen- und Darmspiegelung, Labortests, Ultraschall und so weiter unauffällig sind, ist die Diagnose quasi das, was übrig bleibt. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Psyche der Auslöser ist.

"Auch wenn wir mit unserer Diagnostik keine organische Störung nachweisen können, handelt es sich beim Reizdarmsyndrom um ein organisches Krankheitsbild und nicht um etwas Psychosomatisches", so Professor Ahmed Madisch, Chefarzt und Gastroenterologe am Klinikum Region Hannover. Studien zeigen, dass es im Vergleich mit Gesunden Unterschiede in der Darmflora gibt.

Reizdarmbetroffene haben in der Darmwand ein verändertes Nervensystem und reagieren daher empfindlicher darauf, was im Darm passiert. "Wir wissen außerdem, dass bei einem Teil der Patienten in der Darmschleimhaut eine gesteigerte Immunantwort besteht, das heißt: Es sind mehr Abwehrzellen da, diese schütten mehr Botenstoffe aus, die das Nervensystem aktivieren und Beschwerden auslösen", sagt Dr. Viola Andresen, Gastroenterologin am Israelitischen Krankenhaus in Hamburg. Was genau den Reizdarm hervorruft, weiß man bis heute nicht genau – und vermutlich handelt es sich sogar um verschiedene Störungen, die allerdings noch nicht genau voneinander abgegrenzt werden können.

2. Ein Reizdarm kommt aus heiterem Himmel.

Das kann natürlich im Einzelfall so sein oder manchen so erscheinen. Betrachtet man jedoch die Gesamtheit der Betroffenen, erkennt man, dass das Reizdarmsyndrom unter bestimmten Bedingungen häufiger vorkommt. "Bakterielle Darminfektionen gehören zu den wichtigsten Risikofaktoren", sagt Andresen. Ursache können Erreger sein, die man von einer Fernreise mitgebracht hat, oder einfach Campylobacter-Bakterien, die sich z. B. oft auf rohem Geflügelfleisch finden.

Stress erhöht die Gefahr, dass nach einer Infektion ein Reizdarmsyndrom entsteht. Und wer in Kindheit oder Jugend traumatisiert wurde, etwa durch Missbrauch oder Ähnliches, entwickelt später eher funktionelle Verdauungsbeschwerden (also die, für die man keine organische Ursache finden kann) – etwa das Reizdarmsyndrom. "Schon bei Gesunden hängen Psyche und Magen-Darm-Trakt zusammen", so Andresen. "Oft gibt es Trigger-Faktoren im Leben von Patienten, die Reizdarmbeschwerden vorübergehend verschlimmern, etwa eine Scheidung oder der Jobverlust. Wird das Leben wieder ruhiger, beruhigt sich auch der Darm."

Wie diese Dinge genau zusammenhängen, beginnt man allmählich zu verstehen. In der Behandlung des Reizdarmsyndroms wird das Zusammenspiel von Körper und Seele jedoch bereits gezielt genutzt: So empfehlen die Leitlinien neben Medikamenten auch psychotherapeutische Verfahren wie Hypnose, Entspannungsübungen oder Verhaltenstherapie.

3. Reizdarm ist Frauensache.

Das stimmt nur mit Einschränkung. Zwei Drittel der Patient*innen sind Frauen, aber das gilt vor allem für den Obstipations-, also für den Verstopfungsreizdarm. Der Durchfall-Typ ist dagegen bei beiden Geschlechtern gleich häufig. "Sicher hat es auch hormonelle Gründe, dass Darmträgheit vor allem ein weibliches Problem ist", erklärt Andresen. "Beckenbodenprobleme nach Schwangerschaften und Geburten kommen dann als zusätzliches Risiko dazu."

4. Ein Reizdarm geht nie weg.

Nein, oft treten die Beschwerden nur in bestimmten Lebensphasen auf, im mittleren Lebensalter ist das Reizdarmsyndrom am häufigsten. Und es gibt durchaus Fälle, in denen die Symptome komplett verschwinden. Darauf zu hoffen ist vollkommen berechtigt. Wann das passieren könnte, ist aber nicht vorhersagbar – heilen kann man den Reizdarm bis heute nicht. Viola Andresen: "Es ist eben eine chronische Erkrankung. Die meisten Patienten haben immer mal wieder damit zu schaffen. So wie es Menschen gibt, die regelmäßig Kopfschmerzen haben."

5. Der Reizdarm wird besser, wenn man ihn ignoriert.

Einfach darüber hinweggehen ist keine gute Idee. Denn Studien zeigen, dass die Lebensqualität von Reizdarmpatienten sehr niedrig ist, vergleichbar der nach einem Schlaganfall und niedriger als bei anderen Darmleiden wie Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn, obwohl die schwerere Symptome verursachen können. Es spricht einiges dafür, zügig mit der Behandlung zu starten, wenn die Diagnose "Reizdarm" da ist.

Dabei geht es in erster Linie darum, die lästigsten Symptome in den Griff zu bekommen. Und je nachdem, was im Vordergrund steht, gibt es dazu viele Möglichkeiten, etwa pflanzliche Mittel, Probiotika, Ballaststoffe, Abführmittel, Arzneien gegen Durchfall, krampflösende Mittel und Antidepressiva. Allerdings: Ob die jeweiligen Arzneien Besserung bringen, lässt sich nicht garantieren. Das gilt auch für Änderungen von Essgewohnheiten – hin zu mehreren, nicht zu üppigen Mahlzeiten – sowie für Ernährungsumstellungen wie die aufwendige FODMAP-Diät (die Buchstaben stehen für vergärbare Kohlenhydrate und Zuckeralkohole), die man nicht dauerhaft und am besten mit einer Ernährungsberaterin machen sollte.

Wichtig ist: Nach vier bis acht Wochen sollte man jeweils prüfen, was das Medikament beziehungsweise die Maßnahme gebracht hat – und gegebenenfalls etwas Neues ausprobieren. Wenn man das konsequent macht, sind die Chancen gut, dass man Linderung erfährt. Damit ist auch klar, was fast alle Reizdarmpatienten reichlich brauchen: Geduld.

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BRIGITTE WOMAN 9/2019

Wer hier schreibt:

Antje Kunstmann Diana Helfrich
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