Antibiotika einnehmen: Wann ist das sinnvoll?

Einnehmen und gut: Antibiotika helfen, wenn nichts mehr geht. Warum die Medikamente aber immer seltener wirken und was man dagegen tun kann.

Dieses Phänomen breitet sich rasant in Deutschland aus und Ärzte sind besorgt!
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Dreiundzwanzigtausend. Mit dieser Zahl schlug die US-Seuchenbehörde vor wenigen Wochen Alarm. Denn so viele Leute sterben in den Vereinigten Staaten jedes Jahr, weil sie sich mit resistenten Bakterien infiziert haben - mit Krankheitserregern also, gegen die kein Antibiotikum mehr wirkt. In Deutschland sind die Zahlen ähnlich erschreckend: Allein mit gegen bestimmte Antibiotika immunen Staphylokokkus-Aureus-Keimen, den so genannten MRSA-Erregern, stecken sich bei uns jährlich mehr als 100.000 Menschen an, mehr als 10.000 sterben daran. Daneben gibt es weitere, zum Teil noch unempfindlichere Keime: Der ESBL-Erreger etwa, der vor zwei Jahren auf der Frühchen-Station einer Bremer Klinik mehrere Todesfälle verursachte.

Und die Gefahr wächst: Allein in den letzten fünf Jahren hat der Anteil resistenter Bakterien in deutschen Kliniken je nach Keimart um 50 bis 200 Prozent zugenommen, wie aus einer im September veröffentlichten Liste des Bundesgesundheitsministeriums hervorgeht. Einer Studie des Tumorzentrums Aachen zufolge tragen in Deutschland bereits 6,4 Millionen Menschen solche Keime in sich - die meisten zum Glück, ohne daran ernsthaft zu erkranken. Aber gerade für Menschen mit einem schwachen Immunsystem, für chronisch kranke, ältere oder sehr junge Patienten können sie zur tödlichen Gefahr werden.

Dass Bakterien quasi lernen, mit den medizinischen Waffen, die wir gegen sie einsetzen, umzugehen, ist an sich nicht zu vermeiden. Die Krankheitserreger vermehren sich so rasch, dass immer wieder neue Merkmale entstehen, dazu gehört auch eine besondere Widerstandsfähigkeit. Neu ist jedoch, dass Resistenzen so schnell und massiv zunehmen, weil der Einsatz von Antibiotika immer maßloser geworden ist.

Problem 1: Massentierhaltung

Wo Tiere auf engstem Raum vegetieren, werden Medikamente eingesetzt, um Epidemien zu verhindern - und zwar nicht nur, wenn tatsächlich erste Krankheitsfälle auftreten, sondern oft auch vorbeugend. Genau dies begünstigt aber die Selektion gerade der resistenten Keime. Ein Masthähnchen zum Beispiel bekommt während seines 39-tägigen Lebens durchschnittlich an zehn Tagen Antibiotika. Das Problem hat sich in den vergangenen Jahren verschärft. 2011 wurden von den Pharmafirmen doppelt so viele Antibiotika an Tierärzte geliefert wie 2005 - nämlich 1,7 Millionen Kilogramm. Eine Menge, mit der Deutschland in Europa eine traurige Spitzenposition einnimmt. Damit werden in der Tierhaltung 40-mal mehr Antibiotika eingesetzt als in der Humanmedizin insgesamt.

Kein Wunder also, dass immer wieder resistente Keime im Fleisch nachgewiesen werden. Jede zweite Hähnchenfleisch-Probe, die etwa der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) im letzten Jahr testen ließ, war mit ihnen belastet. Und auch andere Fleischsorten sind oftmals betroffen. Für uns Verbraucher liegt die Gefahr allerdings nicht darin, sich beim Essen zu infizieren - jedenfalls nicht, wenn man das Fleisch ordentlich durchgart. Gefährlicher ist es, wenn die Keime über Messer, Schneidebrett oder Hände weiterverbreitet werden. Deshalb sollte man beim Umgang mit Fleisch unbedingt ein paar einfache Regeln beachten (siehe Kasten auf Seite 3). Trotzdem ist mit Küchenhygiene allein dem Problem nicht beizukommen: Die resistenten Keime breiten sich auch über die Atemluft und das Trinkwasser aus.

Gegensteuern können wir durch den Kauf von Fleisch, Eiern und Milchprodukten aus Öko-Haltung. Denn beim Bio-Bauern werden Antibiotika seltener, z. B. nur im akuten Krankheitsfall, eingesetzt. Dass auch in der Massentierhaltung Verbesserungen möglich sind, machen Dänemark und die Niederlande vor: Dort wurde durch Hygienemaßnahmen in den Ställen der Einsatz von Antibiotika drastisch reduziert. Leider ist man davon bei uns noch weit entfernt: Eine Änderung des Arzneimittelgesetzes, der im Juli der Bundesrat zustimmte, sieht lediglich vor, dass Betriebe den Einsatz der Medikamente künftig melden müssen.

Problem 2: leichtfertige Ärzte

Auch in Arztpraxen wird schnell und gern zu Antibiotika gegriffen. Und es sind keineswegs die Patienten, die auf die Verschreibung drängen: Einer Umfrage des Robert-Koch-Instituts zufolge erwartet nur jeder zehnte Patient bei einer Erkältung ein Rezept für ein Antibiotikum. Und fast 80 Prozent dieser ohnehin kleinen Gruppe gaben an, dass sie es akzeptieren, wenn der Arzt keines verschreiben möchte.

Dennoch werden nach wie vor - übrigens eher vom Hausarzt als vom HNO-Mediziner - Antibiotika gegen Schnupfen, Husten, Halsweh und Bronchitis verordnet. Und damit gegen Krankheiten, an denen zu 70 Prozent nicht Bakterien, sondern Viren schuld sind - und da helfen keine Antibiotika. Wenn man wirklich eines braucht (etwa bei hohem Fieber, einer Lungenentzündung und anderen schweren Infekten), sollte man vor allem eine Regel einhalten: das Medikament so lange nehmen wie verordnet. Wer zu früh aufhört, trägt ungewollt dazu bei, dass ausgerechnet die besonders unempfindlichen Bakterien sich bestens vermehren können.

Häufig werden übrigens auch bei leichteren Infekten wie Blasenentzündungen moderne Breitbandantibiotika verschrieben. Dabei gibt es dafür auch Altbewährtes: Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft erinnert zum Beispiel an das 30 Jahre alte Antibiotikum Fosfomycin, das nach Ablauf des Patentschutzes mangels Werbung fast in Vergessenheit geraten war. Im Vergleich zu neueren Mitteln verursacht es weniger Resistenzen; außerdem wirkt es gegen die häufigsten Erreger von Blaseninfekten schon mit einer einzigen Dosis. Übrigens: Ob man überhaupt Bakterien in der Blase hat, kann man auch selbst mit einem Urintest aus der Apotheke feststellen (ca. 6 Euro).

Problem 3: Krankenhäuser

Die meisten resistenten Keime gibt es aber nach wie vor in Kliniken. In Deutschland ist bei einigen Bakterienarten beinahe jeder fünfte schon ein solcher Problemkeim. Manche Experten fordern deshalb, jeden Patienten bereits vor der Aufnahme in die Klinik auf die gefährlichen Keime zu untersuchen. Denn durch die Isolation Infizierter und penible Hygiene lässt sich die Verbreitung der Erreger zumindest eindämmen.

Nach den traurigen Ereignissen auf der Bremer Frühchen-Station (dort wurden fahrlässige Sauberkeitsmängel festgestellt) schreiben die Bundesländer mittlerweile in so genannten Hygiene-Verordnungen vor, was genau Krankenhäuser zu beachten haben, um Infektionen zu vermeiden. Zusätzlich müssen auch speziell ausgebildete Hygienefachkräfte eingestellt werden - wenn auch erst bis Ende 2016.

Wie groß der Effekt solcher Maßnahmen zusammen mit Beschränkungen beim Antiobiotika-Einsatz ist, zeigt wiederum der Blick über die Landesgrenzen. In Frankreich, Portugal, Spanien, Italien oder Großbritannien etwa sind 25 bis 50 Prozent der Krankenhauskeime resistent - also noch mehr als in Deutschland -, in niederländischen und skandinavischen Kliniken dagegen gibt es dank restriktivem Antibiotika-Einsatz und strenger Hygiene nur rund ein bis fünf Prozent resistente Erreger.

Und was ist die Lösung?

Wichtig, um im Kampf gegen die gefährlichen Krankheitserreger wieder die Oberhand zurückzugewinnen, wären letztendlich natürlich auch wirkungsvollere Waffen, also neue Medikamente. Die Entwicklung von Antibiotika ist allerdings langwierig, teuer und lohnt sich für die Pharma-Industrie kaum. Deswegen wird immer öfter gefordert, die Politik solle die Arzneimittelhersteller diesbezüglich stärker in die Pflicht nehmen. Darauf vertrauen, dass solche Maßnahmen schnell beschlossen und durchgesetzt werden, wäre jedoch naiv.

Umso wichtiger bleibt darum, mit den Waffen hauszuhalten, die wir heute zur Verfügung haben. Wenn also der Hausarzt bei der nächsten Nasennebenhöhlen-Entzündung den Rezeptblock zückt, winken Sie besser ab: Inzwischen beweisen mehrere internationale Studien, dass Antibiotika hier - obwohl in bis zu 90 Prozent der Fälle verordnet - überflüssig sind. Nasenspray und Schmerzmittel bekämpfen die Beschwerden genauso gut.

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