Rheuma

Als die schmerzhafte Krankheit bei Kathrin Deichert ausbrach, war sie 27 Jahre alt. Jetzt, acht Jahre danach, schöpft sie wieder Hoffnung: Neue Medikamente bekämpfen Rheuma effektiv.

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Eines Morgens wachte ich mit einem geschwollenen Mittelfinger auf. Ein paar Tage darauf war der nächste Finger dick... Innerhalb von wenigen Wochen konnte ich kein Fingergelenk mehr bewegen. Beide Handgelenke waren rot, heiß und taten weh - es war August 1993. Ich hatte gleich den Verdacht, dass es Rheuma ist. Schließlich hat meine Mutter die Krankheit. Der Rheumatologe, zu dem ich im Januar 94 endlich ging, bestätigte meine Vermutung. Rheumatoide Arthritis. Dann lief das Standardprogramm an. Ich bekam klassische Mittel gegen die chronische Entzündung, die die Gelenkzerstörung aufhalten sollten, wie Methotrexat oder Goldspritzen. Später kamen starke Schmerzmittel und Cortison hinzu. Trotzdem tat das rechte Handgelenk weiter weh. Deshalb wurde im Sommer 94 die Gelenkhaut entfernt. Ein Jahr später war das rechte Knie dran, kurz darauf mussten beide Knie mit radioaktivem Material, das auch Gelenkhautreste zerstört, behandelt werden. Drei Eingriffe in zwei Jahren. Langsam begriff ich, dass die Krankheit mich mein Leben lang begleiten würde. Rheumaschmerzen fühlen sich an, als würde jemand mit dem Messer in das kranke Gelenk stechen. Inzwischen weiß ich auch, dass überwiegend Frauen Rheuma bekommen - 80 Prozent der Patienten sind weiblich. Vor zwei Jahren wurde mein Rheuma plötzlich lebensbedrohlich. Ich bekam massive Nackenbeschwerden, denn das Gelenk zwischen den beiden ersten Halswirbeln hatte sich entzündet. Wenn dieses Gelenk zusammenbricht, kann es auf das Atemzentrum drücken. Das Beste wäre, die Wirbelsäule versteifen zu lassen, sagte mein Arzt. Wieder eine Operation. Und vor dieser hatte ich richtig Angst, so dicht am Rückenmark. Ich entschied mich für die weniger sichere Therapie und begann, mit Kranken- und Warmwassergymnastik Muskeln aufzubauen, die das Gelenk stabilisieren. Die Schmerzen besserten sich, aber der Befund und die Angst, der Wirbel könnte brechen, sind heute noch da. Eine weitere OP war dann doch unvermeidbar. Jetzt im Sommer wurde ich an den Zehen des rechten Fußes operiert. Das Rheuma hatte sie so verformt, dass sie völlig unabhängig von der Entzündung ständig schmerzten. Seit Oktober 2000 bekomme ich an der Berliner Charité die TNF-alpha-Blocker, ein neues Medikament, das die Gelenkzerstörung regelrecht stoppt. Die Wirkung ist überwältigend, ich kann plötzlich wieder tanzen und rennen. Und hopsen! Für mich fühlt sich das wie ein kleines Wunder an. Ich arbeite jetzt sogar wieder zehn Stunden pro Woche in meiner alten Praxis. Trotzdem, mein Rheuma bleibt mir jeden Tag bewusst. Denn weil das Medikament das Immunsystem schwächt, löst jetzt eine Angina die nächste ab. Aber ich nehme es weiter, weil es mir Bewegungsspielraum gibt.

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Welche neuen Methoden gibt es?

Wissenschaftler haben in den letzten Jahren immer mehr über Rheuma ("Rheumatoide Arthritis" oder "Chronische Polyarthritis") herausgefunden: Es entsteht, weil der Körper Immunzellen und Abwehrstoffe bildet, die die Gelenke angreifen. Die ständige Entzündung in den Gelenken regt das Gewebe an zu wuchern und zerstört auf Dauer Knorpel und Knochen. Seit klar ist, welche körpereigenen Substanzen die Entzündung in Gang halten, konnten Medikamente entwickelt werden, die gezielt in die überschießende Immunreaktion eingreifen. Ein echter Durchbruch sind zwei so genannte TNF-alpha-Blocker (Infliximab und Etanercept), die kürzlich auch in Deutschland zugelassen wurden. Sie binden TNF-alpha, einen Botenstoff, der zerstörerische Abwehrzellen in den Gelenken aktiviert. Mit diesen neuen Mitteln kann man erstmals effektiv die Gelenkzerstörung stoppen. Über Langzeit-Nebenwirkungen lässt sich allerdings noch nicht viel sagen. Kritiker befürchten vor allem, dass das Risiko für Krebs und schwere Infektionskrankheiten wegen der Unterdrückung der Immunabwehr erhöht sein könnte. Während die TNF- alpha-Blocker bisher - unter anderem aus Kostengründen - nur in besonders schweren Fällen eingesetzt werden, hat ein anderer neuer Wirkstoff, das Leflunomid, sehr schnell einen Platz in der Therapie gefunden. Die Substanz verhindert die Vermehrung der fehlgesteuerten Immunzellen.

Welche Mittel gibt es außerdem?

Die Zerstörung der Gelenke verhindern, Schmerzen lindern und die Entzündung hemmen: Das sind die Ziele der Therapie. Leider wird nach wie vor gerade in den ersten ein bis zwei Jahren, wenn die Krankheit besonders aktiv ist, nur mit entzündungshemmenden Schmerzmitteln behandelt. Die Gelenkzerstörung halten solche Medikamente aber nicht auf. Rheumaspezialisten verordnen deshalb möglichst früh gleichzeitig niedrige Dosen von Cortison und so genannte Basistherapeutika. Das sind Mittel, die zwar nicht akut Schmerzen lindern, aber die Gelenkzerstörung bremsen. Neue Studien zeigen, dass eine Kombinations-Therapie häufig viel wirkungsvoller ist als der Einsatz nur eines dieser Präparate. Sind einzelne große Gelenke wie die Knie- oder Ellenbogengelenke befallen, können zusätzlich Wirkstoffe wie Cortison oder radioaktive Substanzen, die die wuchernde Gelenkinnenhaut veröden, direkt ins Gelenk gespritzt werden. Als letzte Möglichkeit bleibt eine Operation, bei der die Gelenkinnenhaut entfernt wird, Fehlstellungen der Gelenke korrigiert oder auch Kunstgelenke eingesetzt werden. Das Problem bei jeder Behandlung: Alle Rheumamittel haben Nebenwirkungen, die nicht selten sogar zum Abbruch der Therapie zwingen. Die klassischen Schmerzmittel zum Beispiel greifen die Magenschleimhaut an. Immerhin gibt es seit kurzem so genannte COX-2-Hemmer, die seltener Magenbeschwerden verursachen.

Welche alternativen Methoden helfen?

Dringend gesucht sind verträglichere Alternativen zu den Standardmedikamenten. Zwar lassen sich die üblichen Rheumamittel nicht ersetzen. Aber einiges hilft, die Dosis und damit die Nebenwirkungen möglichst gering zu halten. Neuerdings können zum Beispiel die aggressiven Antikörper aus dem Blut entfernt werden. Wie bei der Blutwäsche läuft das Blut durch einen Apparat, der die Antikörper herausfiltert. Das Verfahren ist zur Zeit Patienten vorbehalten, bei denen keine andere Therapie anschlägt. Es wird in einigen Rheumazentren in Deutschland angeboten, genau wie Kältebehandlungen. Dabei verbringen Patienten etwa drei Minuten in einer Kältekammer bei minus 110 Grad - im Badeanzug. Nach der schockartigen Kälteeinwirkung auf den ganzen Körper sind sie einige Stunden schmerzfrei, bei vielen hält der Effekt mehrerer Kältebehandlungen sogar über Wochen an. Weniger aufwändig ist Akupunktur, auch sie hilft oft gut bei Gelenkschmerzen. Außerdem gibt es positive Erfahrungen mit einigen homöopathischen Komplexmitteln. Die Wirksamkeit altbewährter Heilpflanzen wie Brennnessel, Teufelskralle, Zitterpappel, Goldrute und Esche gegen rheumatische Beschwerden ist mittlerweile durch verschiedene Studien bewiesen. Andere Untersuchungen haben gezeigt, dass Fischölkapseln ebenfalls helfen können, die Medikamentendosis zu reduzieren. Wenig Da- ten gibt es bisher zu Weihrauchsalben und -ölen, die auch im Reformhaus zu haben sind. Von Weihrauchpräparaten zum Schlucken, die in Deutschland nicht zugelassen sind, aber über das Internet angeboten werden, rät die Deutsche Rheuma-Liga ab: Die Wirkung ist noch nicht ausreichend belegt, und es gibt keine Langzeitstudien über Nebenwirkungen.

Was kann man selber tun?

Wer Rheuma vorbeugen will, sollte ausreichend Kalzium, Zink und Antioxidantien wie Vitamin E und Selen zu sich nehmen; von genau diesen Stoffen findet sich nämlich im Blut von Rheumakranken oft auffallend wenig. Gut sind deshalb reichlich Milchprodukte, die vor allem Kalzium liefern. In Weizenkeimöl und Haselnüssen steckt viel Vitamin E, reich an Selen sind Schalentiere, Fisch und Hülsenfrüchte. Weizenkleie und -vollkornflocken bringen außerdem Zink mit. Rheumatiker sollten mit dem Arzt besprechen, ob zusätzlich Vitamin- und Mineralstofftabletten sinnvoll sein könnten. Die übliche Dosierung pro Tag: 400 bis 600 Milligramm Vitamin E, 100 bis 300 Mikrogramm Selen oder 25 Milligramm Zink. Für Patienten in jedem Fall gut: mindes- tens zweimal pro Woche fetten Seefisch wie Makrele, Lachs oder Hering essen. Denn er enthält viele Omega-3-Fettsäuren, die entzündungshemmend wirken. Soja-, Raps- und Walnussöl sind ebenfalls reich an diesen schützenden Substanzen. Möglichst selten sollten dagegen Fleisch und Wurst auf den Tisch kommen. Eventuelles Übergewicht belastet die Gelenke zusätzlich. Wichtig ist jedoch, nur allmählich abzunehmen; weil der Körper durch die chronische Entzündung ohnehin geschwächt ist, wäre radikales Fasten grundverkehrt. Ganz schlecht ist auch Rauchen: Es verdoppelt das Risiko, Rheuma zu bekommen, und verschlimmert bei Rheumatikern den Krankheitsverlauf. Positiv wirkt sich dagegen Bewegung auf die Krankheit aus. Und zwar nicht nur Krankengymnastik, die ohnehin zur Rheumatherapie gehört. Sanfte Sportarten wie Schwimmen oder Walking sorgen dafür, dass die Gelenke beweglich bleiben - Voraussetzung ist natürlich, dass die Schmerzen zuvor effektiv bekämpft wurden.

Wie erkennt man Rheuma?

Oft fühlt sich Rheuma am Anfang wie eine langwierige Grippe an. Erst später schwellen die Gelenke an und sind nach dem Aufstehen steif und unbeweglich. Wenn der Hausarzt den so genannten Rheumafaktor im Blut bestimmt, hilft das auch nicht unbedingt weiter. Er ist nur bei 80 Prozent der Rheumakranken, gelegentlich aber auch bei Gesunden nachweisbar. Bestehen die Gelenkbeschwerden länger als sechs Wochen, ist es höchste Zeit, zum Spezialisten zu gehen (Adressen über die Deutsche Rheuma-Liga, siehe Kasten auf Seite 208). Denn je früher die Krankheit behandelt wird, desto eher lassen sich bleibende Gelenkschäden verhindern.

Wer noch mehr wissen will...

  • ...wendet sich an die Deutsche Rheuma-Liga, Maximillianstr. 14, 53111 Bonn, Tel. 0228/76606-0, Fax 0228/76606-20. Sie nennt Adressen von Rheumatologen und verschickt sehr gute Patientenbroschüren. Im Internet ist sie unter www.rheuma-liga.de zu finden.
  • Umfassende Informationen gibt es darüber hinaus unter www.rheuma-online.de oder www.rheumanet.org. Auf dieser Seite sind auch die Adressen von 25 Rheumazentren genannt.
Dr. Sabine Thor-Wiedemann
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