Warum es völlig in Ordnung ist, auch mal ein Schlafmittel zu nehmen

Manchmal klappt's einfach nicht mit dem Einschlafen, auch wenn wir noch so müde sind. Aber ein Schlafmittel nehmen? Macht das nicht abhängig? Ein Gespräch mit Schlafmediziner Prof. Göran Hajak.

Es ist eine Qual, sich nachts stundenlang herumzuwälzen. Aber etwas zum Schlafen einnehmen? Es gibt geschätzte 1,5 Millionen Schlafmittelabhängige in Deutschland, da möchte man gar nicht damit anfangen. Warum es aber auch nicht immer richtig ist, Medikamente rigoros auszuschließen, erklärt Schlafmediziner Prof. Göran Hajak.

BRIGITTE Woman: Schlafmittel haben einen schlechten Ruf. Trotzdem sagen Sie, es werden zu wenig verordnet. Warum?

Prof. Göran Hajak: Weil man nicht behaupten kann, dass schlechter Schlaf übertherapiert wird. Ganz im Gegenteil. Etwa jeder fünfte Deutsche leidet auch mal über längere Episoden unter schlechtem Schlaf. Aber nur ein Bruchteil dieser Menschen nimmt Medikamente dagegen. Dabei ist das erst mal nichts Schlechtes. Das Bild, dass Ärzte unbekümmert Schlafmittel verschreiben, stimmt einfach nicht. Viele sind überaus zurückhaltend, und auch in der Bevölkerung gibt es ein tiefes Misstrauen gegenüber Schlafmitteln.

Und das ist problematisch?

Ja, denn wer über längere Zeit - und da reden wir über viele Wochen oder länger - schlecht schläft, der hat dann kein einfaches Beschwerdebild, sondern häufig eine Krankheit, eine Insomnie. Und die kann sehr leicht chronifizieren, also zum Dauerzustand werden. Das ist nicht nur psychisch sehr belastend, eine Insomnie erhöht auch das Risiko, eine ganze Reihe anderer Krankheiten zu bekommen. Wer schlaflos ist, erschöpft sich sehr schnell und entwickelt leicht eine Depression, das Immunsystem fährt runter. Von einigen Krebsarten - zum Beispiel Brustkrebs - weiß man, dass sie unter dauerhaft Schlafgestörten häufiger sind. Wenn es gelingt, mit einem Medikament der Chronifizierung vorzubeugen, ist das eine gute Sache.

Selbst wenn man immer liest, dass Schlafmittel missbraucht würden?

Das werden sie auch, aber auch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Es ist so: Die heute üblichen sogenannten Z-Substanzen wie Zolpidem oder Zopiclon sind eine Weiterentwicklung der früher eingesetzten Benzodiazepine, sie sind sehr viel spezifischer, nur Schlaf verbessernd, haben also weniger Nebenwirkungen und ein deutlich geringeres Abhängigkeits- und Missbrauchspotenzial. Das sage ich nicht allein aus meiner Erfahrung heraus, sondern da gibt es gute Metaanalysen klinischer Studien. Menschen, die gern Drogen nehmen, greifen nicht zu Z-Substanzen.

Aber alle haben Angst vor Schlafmitteln.

Ja, die psychische Komponente der Abhängigkeit ist vielen zu Recht unbehaglich. Die Diskussion um die Nebenwirkungen ist in meinen Augen aber vor allem ein Zeichen dafür, wie wenig ernst Schlafprobleme insgesamt genommen werden. Wenn Sie beispielsweise einen hohen Blutdruck haben, und Sie nehmen Medikamente, diskutiert keiner mit Ihnen über unerwünschte Arzneimittelwirkungen, und die sind teilweise sehr gefährlich. Offenbar akzeptiert jeder Mensch, dass er bei erhöhtem Blutdruck ein Medikament nehmen muss. Dass Schlafstörungen zu Depressionen führen, dass man am Tag Unfälle baut ohne Ende, wenn man nicht geschlafen hat, überlegen wenige.

Nach einer schlechten Nacht fällt es auch schwer, den Werktag durchzustehen.

Gestörter Schlaf führt sehr, sehr oft - häufiger als nahezu alle anderen Erkrankungen, das ist belegt - dazu, dass Menschen nicht mehr arbeiten, weil sie nach einer schlechten Nacht nicht in den Dienst gehen. Das heißt, der individuelle und soziale Schaden ist gewaltig. Er führt zwar nicht direkt zum Tode, wie das Herzerkrankungen unter Umständen tun, aber zu längeren Arbeitsausfällen. Das gilt ähnlich für die Depression, die auch nicht ausreichend ernst genommen wird im Vergleich zu vielen körperlichen Erkrankungen.

Wer profitiert von einem Schlafmittel?

Patienten in Krisensituationen, wie etwa im Trauerfall oder unter punktuell großem beruflichem Druck. Vor allem aber Menschen, die mehr als dreimal pro Woche über mindestens vier Wochen hinweg so schwer an Ein- und oder Durchschlafstörungen leiden, dass es ihnen auch tagsüber nicht gut geht und sie weniger leistungsfähig sind. Das ist dann der richtige Zeitpunkt, um zum Arzt zu gehen. Die meisten Hausärzte führen eine ausführliche Beratung durch bei gestörtem Schlaf und verschreiben Schlafmittel, wenn sie es für notwendig erachten.

Ist es Ihrer Meinung nach leichtfertig, dass man im Krankenhaus fast automatisch ein Schlafmittel bekommt?

Nein, wenn man vorübergehend Schlafmittel unter ärztlicher Kontrolle gibt, schadet man nicht, sondern bewirkt vor allem etwas Positives, indem man Stress reduziert. Und die meisten Erkrankungen, deretwegen man im Krankenhaus ist, haben eine große Stresskomponente. Insbesondere gilt das vor Operationen, denn mehr Stress bringt mehr Komplikationen. Aber allein der fremdgesteuerte Tagesablauf in der Klinik ist für viele sehr belastend.

Wie kann man eine Abhängigkeit vermeiden?

Wer ein Schlafmittel nur bei Bedarf nimmt oder nur in maximal vier Nächten pro Woche, dessen Bindungsstellen an den Nervenzellen gewöhnen sich nicht an das Medikament. Die Abhängigkeit entsteht überwiegend dadurch, dass sich das Gehirn biologisch drauf einstellt und dann regelrecht nach seiner Dosis schreit, sobald man ohne Tablette schlafen will. Wenn man die Gewöhnung der Nervenzellen vermeidet, ist auch sonst die Gewöhnungswahrscheinlichkeit relativ gering.

Seit einigen Jahren kommen Antidepressiva gegen Schlafstörungen zum Einsatz - auch bei psychisch gesunden Menschen?

Ja, dieses Konzept hat nichts mit Depressionstherapie zu tun. Es werden hier auch nicht nur Antidepressiva, sondern generell Psychopharmaka mit beruhigender und schlaffördernder Wirkkomponente verordnet. Der Vorteil dieser Präparate liegt darin: Man kann sie - häufig sogar in Tropfenform - sehr niedrig dosieren, man kann oft mit ein, zwei, drei, vier, fünf Tropfen solcher Medikation besser schlafen. Dass sie nicht abhängig machen und viele gegen Stimmungsveränderungen wirken, sind weitere Vorteile. Auch, dass das Absetzen leichter geht, wenn man sie über Monate und Jahre genommen hat. Der Nachteil ist: Sie haben sehr viel speziellere Nebenwirkungen, können einen trockenen Mund machen, den Augeninnendruck erhöhen oder Herz-Rhythmus-Störungen hervorrufen - alles Dinge, die nicht ohne Risiko sind.

Warum helfen pflanzliche und andere sanfte Mittel bei Schlafstörungen so gut, obwohl sie in placebokontrollierten Studien oft enttäuschen?

Weil es bei Schlafmitteln einen starken Placeboeffekt gibt, genau wie etwa bei Mitteln gegen Angst, Depressionen und selbst bei schwersten, nachvollziehbaren Schmerzen wie etwa nach einem chirurgischen Eingriff. Also bei allen Beschwerden, die man nicht rein biologisch messen kann, sondern deren Bewertung auch in der Wahrnehmung des Menschen liegt. Hier sprechen mehr als die Hälfte der Betroffenen auf eine Placebobehandlung so gut an, dass es ihnen mindestens um die Hälfte besser geht; wir nennen das Placebo-Response.

Es ist darum absolut sinnvoll, es bei Schlafstörungen erst mal mit einem sanften Mittel zu versuchen. Etwa mit Präparaten aus Baldrian, Passionsblume, Melisse und anderen, die bei vielen Menschen zu einer gewissen Entspannung führen können. Das ist eine Möglichkeit, sich abends ein bisschen runterzufahren, ohne gleich in die Chemie-Schublade zu greifen.

Welche Entspannungsverfahren sind sinnvoll?

Die meisten Schlafgestörten können mit geistig ausgerichteten Entspannungsverfahren weniger anfangen als mit körperlichen. Ihnen bringen progressive Muskelrelaxation, Atem- oder Yogaübungen mehr als eine Gedankenreise. Aber als Einschlafhilfe werden auch sie überschätzt. Denn sie machen nicht schläfrig! Das kennt jeder, der gut Yoga kann: Man ist danach in einer hellen, wachen Klarheit. Das heißt: Die bringen eigentlich mitten in der Nacht fast gar nichts, mal abgesehen davon, dass man da gar nicht fit genug ist, um sie richtig auszuführen. Das sind Verfahren, die man eher am früheren Abend machen sollte, also wenn man schon merkt, ich bin angespannt.

Warum ist der frühe Abend so wichtig für die Nachtruhe?

Der frühabendliche Kortisolspiegel sagt die Schlafqualität voraus, das haben Studien gezeigt. Je mehr von dem Stresshormon um 17 Uhr in meinem Körper zirkuliert, desto häufiger wache ich nachts auf. Es ist darum unter Umständen sinnvoller, schon am späten Nachmittag oder frühen Abend etwas Beruhigendes zu tun oder eventuell zu nehmen als mitten in der Nacht. Oft reicht dann eine niedrigere Dosierung, manchmal bringt die sogar mehr als eine hohe Dosis nachts, mit der man sich in der Schlaf zwingen will.

Was sollte man tun, bevor man über Schlafmittel nachdenkt?

Ein Ratgeberbuch lesen, die meisten sind empfehlenswert. Dort erfährt man das Wichtigste rund um das Verhalten bei schlechtem Schlaf. Und Verhalten ist das A und O. Da gehört Schlafhygiene dazu - feste Zubettgehzeiten helfen -, aber auch die Stimuluskontrolle, also etwa die Regel, dass man nicht länger als 20 Minuten wach im Bett liegen soll. Denn dann entsteht immer mehr Unruhe. Man soll aufstehen, das Zimmer verlassen und erst wieder zurückkehren, wenn man meint, schlafen zu können.

Fällt das nicht wahnsinnig schwer, morgens um drei Uhr?

Ja, aber es hilft oft, die Nacht hier zu unterbrechen und etwas anderes, Schöneres zu tun, statt bis zum Morgen wach im Bett zu liegen. Eine weitere Möglichkeit ist, später am Abend ins Bett zu gehen. Gerade ältere Menschen mit Schlafproblemen legen sich oft weit vor 21 Uhr hin und wundern sich, wenn sie nachts um drei Uhr wach werden. Wenn man sechs Stunden geschlafen hat, ist die Schlafstörung aber keine richtige Schlafstörung, sondern eine Verhaltensstörung. Das zu erkennen ist oft sehr entlastend. Bei schlechten Nächten helfen Informationen zum Schlafen und zu den Verhaltensregeln, wie man besser schlafen kann. Einmal im Leben ein Buch hierzu zu lesen ist für jeden Menschen hilfreich.

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Wer hier schreibt:

Diana Helfrich
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