Vater renkt die Wirbelsäule seines Neugeborenen ein

Ein Chiropraktiker zeigt auf Youtube, wie er den Hals seines Babys einrenkt - und erntet dafür heftige Kritik.

Dieses Video ist für viele Eltern schwer mit anzusehen: Der Chiropraktiker Ian Rossborough zeigt auf Youtube, wie er seine nur wenige Tage alte Tochter Isla behandelt. Er erklärt, dass sie eine Bindehautentzündung hat, und er jetzt ihre Wirbelsäule auf "gereizte" Nerven untersuchen wolle.

Schnell entdeckt er einen gereizten Nerv in der Halswirbelsäule und justiert das Problem mit einem markanten Ruck ihres Schädels. Schmerzen hat das Kind scheinbar nicht, auch wenn der Vorgang etwas bedrohlich aussieht.

Später erklärt Rossborough, dass er exakt die Nerven "befreit" hat, die für Bindehautentzündungen zuständig sind - wie auch für "so etwa 100 andere Symptome".

Für Schulmediziner unverantwortlich

Ian Rossborough ist sich sicher, seiner Tochter damit einen Riesengefallen getan zu haben. Schulmediziner werden bei solchen Bildern allerdings leichenblass: Dinge wie "gereizte Nerven" und "zu justierende Wirbel" bedeuten für sie konkrete Krankheitsbilder, die etwa auf Röntgenbildern auftauchen - wie etwa zwischen Wirbeln eingeklemmte Nervenstränge. Für Chiropraktiker hingegen ist ein "gereizter" Nerv weniger klar definiert oder nachweisbar - weswegen viele Mediziner ausgesprochen skeptisch gegenüber Chiropraktikern sind.

Insbesondere die häufige chiropraktische Diagnose, dass eine Baby-Wirbelsäule "bei der Geburt verschoben" wurde, sorgt bei den meisten Ärzten für heftiges Kopfschütteln.

Kinderarzt Dr. Paul Bauert schaute sich das Video für das Elternportal Mamamia an und war entsetzt über den Eingriff. "Das Knochengewebe in so kleinen Kindern ist noch nicht erhärtet, es ist weiche Knorpelmasse. Bei sowas riskiert man Schäden an der Knorpelmasse, die später beim Wachstum des Skelettes für große Probleme sorgen können", so die Einschätzung des Mediziners.

Alles nur Einbildung?

Unstrittig ist: Viele Patienten schwören auf die Erfolge, die Chiropraktiker bei ihnen bewirkt haben. Für Schulmediziner lediglich ein Placebo-Effekt - für die Chiropraktiker ein Beweis dafür, dass die herkömmliche Medizin doch noch in vielen Punkten blind ist, und sich neuen Heilmethoden nicht öffnen möchte.

Dennoch ist bei so kleinen Kindern auf jeden Fall Vorsicht geboten - insbesondere bei Beschwerden wie einer Bindehautentzündung ist der Gang zum Kinderarzt auf jeden Fall die bessere Wahl, als eine Verrenkung der Halswirbelsäule.

heh
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