Schwer verdaulich

Weit verbreitet, aber nicht leicht zu diagnostizieren: Was die Forschung über das sogenannte Reizdarm-Syndrom weiß - und was Betroffenen wirklich hilft.

Was genau ist ein Reizdarm-Syndrom?

Es ist die häufigste der sogenannten funktionellen Darmstörungen, das heißt, dass keine körperlichen Ursachen für die Beschwerden gefunden werden können. "Schätzungsweise 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung sind betroffen", so Professor Ahmet Madisch, Chefarzt und Gastroenterologe am KRH Klinikum Hannover. Wie genau sich der Reizdarm bemerkbar macht, ist individuell sehr verschieden. Zentral sind Schmerzen, Blähungen, Völlegefühl und Stuhlunregelmäßigkeiten, also Durchfall, Verstopfung oder beides im Wechsel. Die Probleme bestehen zudem nicht nur kurzzeitig, sondern konstant bzw. wiederkehrend über mindestens drei Monate.

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Wie erfolgt die Diagnose?

Das Syndrom kann nicht direkt nachgewiesen werden. "Die Symptome sind sehr undifferenziert. Im Grunde können sie von allen möglichen Krankheiten hervorgerufen werden", so Dr. Viola Andresen, Gastroenterologin am Israelitischen Krankenhaus in Hamburg. Ein Reizdarm wird erst diagnostiziert, wenn keine anderen Ursachen für die Beschwerden gefunden werden, wie etwa Intoleranzen, entzündliche Darmerkrankungen oder Tumore. "Dies alles auszuschließen, ist letztendlich nur durch intensivere Untersuchungen, wie etwa eine Darmspiegelung möglich", erklärt Expertin Andresen.

Und was läuft da falsch im Darm?

Tatsächlich weiß man es bis heute nicht genau - und vermutlich handelt es sich sogar um verschiedene Störungen, die allerdings noch nicht genau voneinander abgegrenzt werden können. Anders als früher ist aber eines mittlerweile klar: "Auch wenn wir mit unserer Diagnostik keine organische Störung nachweisen können, handelt es sich beim Reizdarm-Syndrom um ein organisches Krankheitsbild und nicht um etwas Psychosomatisches", so Professor Madisch. Studien zeigen, dass es in der Darmflora Unterschiede gibt im Vergleich mit Gesunden, und: Reizdarm-Betroffene haben in der Darmwand ein verändertes Nervensystem und reagieren daher empfindlicher darauf, was im Darm passiert. "Wir wissen außerdem, dass bei einem Teil der Patienten in der Darmschleimhaut eine gesteigerte Immunantwort besteht, das heißt: Es sind mehr Abwehrzellen da, diese schütten mehr Botenstoffe aus, die das Nervensystem aktivieren und Beschwerden auslösen", sagt Gastroenterologin Andresen.

Welche Risikofaktoren gibt es?

"Bakterielle Darminfektionen gehören zu den wichtigsten Faktoren", sagt Andresen. Ursache können Erreger sein, die man sich auf einer Fernreise zugezogen hat oder "heimische" Campylobacter-Bakterien, die sich z. B. oft auf rohem Geflügelfleisch finden. Und: Zwei Drittel der Patienten sind Frauen, das gilt vor allem für den Obstipations-, also Verstopfungs-Reizdarm; der Durchfall-Typ ist dagegen bei beiden Geschlechtern gleich häufig. "Sicher hat es auch hormonelle Gründe, dass Darmträgheit vor allem ein weibliches Problem ist. Beckenbodenprobleme nach Schwangerschaften und Geburten kommen dann als zusätzliches Risiko dazu", erklärt Andresen. Doch vermutlich gibt es weitere Einflüsse: "Frauen sprechen eher mit ihren Ärzten über Unterleibsprobleme. Das sind sie ja zum Teil schon jahrelang von den Besuchen beim Gynäkologen gewohnt."

Welchen Einfluss hat die Psyche?

"Schon bei Gesunden hängen Psyche und Magen-Darm-Trakt zusammen", so Andresen. "Und oft gibt es Trigger-Faktoren im Leben von Patienten, die Reizdarmbeschwerden vorübergehend verschlimmern, etwa eine Scheidung oder der Verlust des Jobs. Wird das Leben wieder ruhiger, beruhigt sich auch der Darm." Stress erhöht auch die Gefahr, dass nach einer Infektion ein Reizdarm-Syndrom entsteht, und wer in Kindheit oder Jugend etwa durch Missbrauch traumatisiert wurde, entwickelt später eher funktionelle Verdauungsbeschwerden. Wie diese Dinge genau zusammenhängen, beginnt man allmählich zu verstehen. In der Behandlung des Reizdarm-Syndroms wird das Zusammenspiel von Körper und Seele jedoch bereits gezielt genutzt: So empfehlen die Leitlinien neben Medikamenten auch psychotherapeutische Verfahren wie Bauchhypnose, Entspannungsübungen oder Verhaltenstherapie.

Wie wird behandelt?

"Die Therapie richtet sich nach den vorrangigen Symptomen. Ich frage den Patienten daher immer, welche Beschwerden er zuerst loswerden möchte", so Madisch. Die jeweils beste Option ist also abhängig davon, ob Verstopfung, Durchfall, Blähungen oder Schmerzen den größten Leidensdruck verursachen. Zu den medikamentösen Möglichkeiten zählen pflanzliche Mittel, Probiotika, Ballaststoffe, Abführmittel, Arzneien gegen Durchfall (etwa mit Loperamid wie in Immodium), krampflösende Mittel (z. B. Buscopan) und Antidepressiva. Dazu kommen psychotherapeutische und entspannende Verfahren sowie eine Umstellung der Ernährung, etwa hin zu regelmäßigen, nicht zu üppigen Mahlzeiten. Einigen Betroffenen helfen auch spezielle Ernährungsweisen wie die low-FODMAP-Diät, bei der auf Kohlenhydrate wie Laktose und Fruktose und Zuckeralkohole wie im Süßstoff verzichtet wird. "Reizdarm-Patienten brauchen auf jeden Fall Geduld, denn oft muss man einiges durchprobieren, bis eine Linderung spürbar ist", sagt Andresen. Und: Heilbar ist die Erkrankung bis heute nicht. Zwar verschwinden die Symptome in seltenen Fällen komplett, aber vorhersehbar ist dies nicht. Professor Stephan Miehlke, Gastroenterologe am Facharztzentrum Hamburg-Eppendorf, weiß, dass es Betroffenen oft schwerfällt, dies zu akzeptieren: "Der Wunsch, einen einzelnen Übeltäter zu finden, den man dann gezielt ausschalten kann, ist sehr hoch." Einige suchen immer neue Ärzte oder Heilpraktiker auf, lassen sich wieder und wieder durchchecken, zum Teil auch mit nicht anerkannten Methoden, wie etwa IgG-Tests, die im Zusammenhang mit möglichen Nahrungsmittelunverträglichkeiten aber kaum Aussagekraft haben. "Davon raten wir Patienten ab", so Andresen und fügt hinzu: "Es ist eben eine chronische Erkrankung. Die meisten Patienten haben immer mal wieder damit zu schaffen. So wie es Menschen gibt, die regelmäßig Kopfschmerzen haben."

Erste Hilfe für den Darm

Auch wenn man keinen Reizdarm hat, kann die Verdauung mal Probleme machen. Dann hilft ...

Massage: Legen Sie sich dafür etwa 15 Minuten flach hin. Streichen Sie erst vom Magen bis zum Nabel - mit der rechten Hand abwärts, mit der linken aufwärts - und dann kreisend erst mit der rechten entgegen, dann mit der linken Hand im Uhrzeigersinn über den gesamten Bauch. Dabei ruhig atmen.

Pflanzliches: Tee tut aufgrund seiner Wärme schon gut und hilft gezielt bei bestimmten Beschwerden, z. B. Kümmel gegen Blähungen. Phytopharmaka aus der Apotheke (z. B. Iberogast oder Carmenthin) enthalten die pflanzlichen Wirkstoffe allerdings in viel höherer Konzentration und wirken meist effektiver.

Homöopathisches: Neben Einzelsubstanzen, wie z. B. Nux Vomica bei Magenbeschwerden, gibt es unter anderem das Kombinationsmittel Bellilin, das bereits bei Babys, aber natürlich auch bei Erwachsenen gegen Blähsucht eingesetzt werden kann.

Bewegung: Legen Sie sich auf den Rücken, heben Sie den Kopf und die angewinkelten Beine und fassen Sie mit den Armen um Ihre Fersen. Dann schaukeln Sie hin und her. Ebenfalls gut: Stützen Sie sich mit Händen und Knien auf dem Boden auf, nun für eine Minute im Wechsel einen Katzenbuckel machen bzw. den Rücken durchhängen lassen.

Zum Arzt: Unbedingt, wenn Beschwerden länger andauern oder Begleitsymptome wie Gewichtsverlust, Schluckbeschwerden, Blut im Stuhl usw. dazukommen.

Reizdarm

Es ist ein Thema, über das niemand gern spricht. Dabei kann die Aufklärung von Patientinnen und Patienten mit dem so genannten Reizdarmsyndrom sehr sinnvoll sein.

Denn die Krankheit, die auch "Irritable bowel syndrome" (IBS) genannt wird, bleibt oft jahrelang unerkannt. Immerhin etwa 10 bis 12 Prozent aller Erwachsenen sollen in Deutschland betroffen sein - Frauen 2 bis 3 Mal häufiger als Männer. Eine Heilung für IBS gibt es zwar noch nicht, aber Möglichkeiten der Behandlung.

Symptome

Nicht jeder, der mal Probleme mit dem Darm hat, leidet gleich an IBS. Doch wenn Verdauungsstörungen wie Durchfall, Verstopfung oder Übelkeit und Blähungen regelmäßig auftreten oder über mehrere Wochen dauern, sollten die Ursachen abgeklärt werden. Die meisten IBS-Patienten geben an, dass es ihnen an mindestens ein bis drei Tagen pro Monat nicht gut geht. Aber es gibt auch Extremfälle, die dazu führen, dass sich die Betroffenen kaum noch aus dem Haus wagen.

Medizinisch betrachtet handelt es sich bei IBS um eine funktionelle Darmstörung, die je nach Symptom unterschieden wird: Chronischer Durchfall - auch IBS-D genannt; Verstopfung (IBS-C) oder die Mischform (IBS-A), bei der sich die Beschwerden abwechseln. Begleitet werden diese Formen meist von Völlegefühl oder Brechreiz. Sogar Darmblutungen können auftreten. Auch Kopf-, Glieder- und Rückenschmerzen, Atemhemmungen, Müdigkeit, Herzrasen oder Schweiß-ausbrüche fallen in die Kategorie möglicher IBS-Symptome. Hinzu kommen psychische Symptome wie beispielsweise innere Unruhe, Nervosität, Ängstlichkeit, Schlafstörungen oder Konzentrationsschwierigkeiten.

Die Bandbreite der eventuellen Beschwerden lässt schon vermuten, dass die Diagnose nicht einfach ist: Es gibt kein eindeutiges Krankheitsbild.

Schwieriges Urteil

Viele Betroffene berichten von einer verzweifelten Odyssee von Arztpraxis zu Artpraxis. Die meisten Mediziner wissen nämlich wenig über IBS. Hilfesuchende müssen oft aufwändige Untersuchungen wie Magen- und Darmspiegelungen hinnehmen. Doch das Ergebnis lautet dann oft: "Alles völlig normal, nichts zu finden". Schwere Krankheiten wie Darmkrebs oder Magengeschwüre sind dann zwar ausgeschlossen. Was die Beschwerden hervorruft, bleibt aber rätselhaft.

Tatsächlich ist IBS noch nicht so lange als Krankheit anerkannt und wird von Kritikern auch als erfundenes Zivilisations-Zipperlein bezeichnet. Diejenigen, die schon länger erfolglos in Behandlung sind, sollten daher unbedingt einen Reizdarm-Spezialisten aufsuchen.

Ungeklärte Ursache:

Wodurch das Reizdarmsyndrom entsteht, ist noch unklar. Bisher wissen die Forscher nur, dass eine Veränderung der sogenannten Darmmotilität (Muskelkontraktion) vorliegt. Wahrscheinlich hängt viel vom Zusammenspiel zwischen Psyche und Bauch ab. Denn inzwischen weiß man, dass es so etwas wie eine Art "Bauchhirn" gibt, das für das Wohlbefinden des Magen-Darm-Traktes verantwortlich ist.

IBS kann also durch Stress und Aufregung entstehen. Neuerdings wird die psychische und soziale Verfassung des Patienten aber nicht mehr als ausschließlicher Auslöser vermutet. Stattdessen gehen die Wissenschaftler auch von biochemischen Reaktionen im Darm als Ursache aus. IBS kann also möglicherweise auch durch die Unverträglichkeit bestimmter Nahrungsmittel wie beispielsweise durch zu fettiges oder zu scharfes Essen oder durch Medikamente wie Antibiotika ausgelöst werden.

Therapie

Die Behandlung von IBS setzt auf drei Säulen: Die psychische Verfassung, die Ernährungsgewohnheiten und zusätzlich eventuell auf Medikamente. Entscheidend ist, dass die Patientinnen und Patienten selbst herausfinden, was ihnen hilft: Das können Entspannungsübungen und homöopathi-sche Tropfen gegen Übelkeit sein, Diäten oder Medikamente.

Auf der Suche nach der ganz persönlichen Stragetie gegen den Reizdarm kann der Erfahrungsaustausch mit anderen IBS-Betroffenen sehr wichtig sein. Eine Plattform dafür bietet die Deutsche Reizdarmselbsthilfe. Auf der In-ternetseite www.reizdarmselbsthilfe.de werden zudem Rezepte und Ernährungstipps angeboten sowie eine Liste von medizinischen Experten und Kurkliniken, die sich mit IBS auskennen; außerdem gibt es Informationsbroschüren. Viele der Tipps sind sicher hilfreich, allerdings sollte man wissen: das Info-Angebot wird von der Pharmaindustrie finanziert.

Kontakt: Deutsche Reizdarmselbsthilfe e.V., Mörikeweg 2, 31303 Burgdorf, Tel. 05136/896106.

Text: Katja Mitic Bild: Pixelquelle.de März 2005
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