Winterdepression: Darum trifft sie Frauen besonders häufig!

Eine Erkältung drückt auf die Stimmung; sie kann sogar eine Somatopsychologie, also eine Winterdepression auslösen. Professor Erich Kasten erzählt im Interview über den Einfluss unseres Immunsystems auf Gehirn und Psyche. Im Video seht ihr, warum gerade Frauen besonders gefährdet sind!

Winterdepression. Frauen sollen viel anfälliger sein als Männer
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BRIGITTE: Im Herbst erleben wir es oft genug: Die Tage werden kürzer, wir tanken weniger Licht, unsere Stimmung sinkt. Das ist Somatopsychologie, oder?

Professor Erich Kasten: Ja, und diese so genannte Winterdepression ist inzwischen gut untersucht; sie zeigt, wie abhängig die Psyche von körperlichen Veränderungen ist. Aber insgesamt stehen wir in der Somatopsychologie noch am Anfang. Es gibt auch nicht viele wissenschaftliche Veröffentlichungen dazu.

Was hat ein Infekt im Körper mit der Stimmung zu tun?

Es ist ganz simpel und grundsätzlich: Das schlichte Anspringen des Immunsystems hat Auswirkungen auf die Psyche. Daher kommen auch die schlechte Laune und die Antriebslosigkeit bei einer ganz banalen Erkältung.

Aber dass eine Erkältung Kraft kostet, liegt doch auf der Hand?

Ja, aber das Interessante ist, dass wir oft schon Tage, bevor Schnupfen und Husten einsetzen, die psychischen Beeinträchtigungen spüren, ohne zu wissen, warum. Sobald Krankheitskeime den Körper besiedeln, verständigen sich die Zellen des Immunsystems über die Ausschüttung von sogenannten Immunopeptiden: Es gibt etwas zu tun, bekämpft den Eindringling! Diese entzündungsvermittelnden Botenstoffe sind den Neuropeptiden im limbischen System des Gehirns, das für die Verarbeitung von Emotionen zuständig ist, sehr ähnlich. Sie docken an die entsprechenden Empfangsstellen an und vermitteln dort das typische Krankheitsgefühl: Wir sind erschöpft, im Kopf matschig – und wollen von anderen Menschen nichts mehr wissen.

Aber das hat ja auch sein Gutes...

Klar, wenn wir uns hinlegen, haben wir eine wesentlich bessere Chance, schnell gesund zu werden, schließlich schwächt das Stresshormon Cortisol die körpereigene Abwehr. Und wir stecken niemanden an, auch das ist sehr sinnvoll. Lästig wird es erst, wenn wir uns körperlich eigentlich schon wieder ganz gut fühlen, aber trotzdem nicht in Schwung kommen –und das nicht verstehen. Und richtig problematisch ist es, sobald die Entzündung zum Dauerzustand wird. Nehmen Sie eine leichte, aber chronische Kieferhöhlen-, Blasen- oder Nierenentzündung: Die kann sehr wenig körperliche Symptome machen, aber die psychischen Auswirkungen halten an.

Man fühlt sich andauernd schlapp?

Ja, und man hat keine Ahnung, warum. Wenn dieser Zustand länger als ein paar Wochen anhält, wird er leicht für eine Depression gehalten. Sobald die Entzündung dann aber mit den richtigen Medikamenten behandelt wird, haben die Patienten innerhalb von Tagen ihr altes Leben zurück.

Sollte also jeder, der sich für eine Psychotherapie anmeldet, vorher erst mal zum Blutbild?

Jeder sicherlich nicht. Aber wenn nicht ganz klar ist, worum es geht, wenn eher ein Gefühl von "Irgendwas stimmt mit mir nicht" im Vordergrund steht, dann wäre ein Test mit Sicherheit sinnvoll. Es ist halt einfach so, dass Ärzte, wenn sie nicht weiterwissen, oft sagen: Ist wahrscheinlich psychosomatisch, gehen Sie mal zum Psychologen. Therapiert werden dann etwa Depressionen, Angststörungen, Burnout, Stimmungsschwankungen. Aber das hilft natürlich nicht, wenn eigentlich eine Stirnhöhlenentzündung oder eine Nahrungsmittelintoleranz hinter den Beschwerden steckt.

Man muss also nur darauf kommen...

Genau das ist das Problem. Manchmal ist es erschütternd, man sieht der Patientin die Schilddrüsen-Überfunktion förmlich an: hervortretende Augen und ein Kropf, also ein leicht verdickter Hals; das sind die typischen Merkmale. Und trotzdem kommt keiner drauf - therapiert wird die emotionale Instabilität, also etwa die Angst, die aber erst durch das Zuviel an Hormonen entsteht. Oder Eisenmangel: Der kann einem das Leben richtig verhageln, indem er alle Energie nimmt, und ist bei Frauen, die stark menstruieren, und bei Vegetarierinnen relativ verbreitet. Wir Psychologen sind aber nicht darauf geschult, die zahlreichen Faktoren, die auf die Psyche wirken, systematisch zu prüfen.

Zahlreiche?

Man weiß auch noch gar nicht so lange, dass es eben auch "normale" Organerkrankungen sind, etwa an der Leber, der Lunge, den Nebennieren, am Darm oder an Herz und Kreislauf, die eine ganze Reihe psychischer Störungen verursachen können. Außerdem wirken Störungen des Gehirns oder des Stoffwechsels sowie die Gene auf die Psyche, um nur einige zu nennen. Auch die Ernährung kann die mentale Verfassung beeinträchtigen, wie beim Eisenmangel.

Also: Tablette rein, und alles ist gut? Ist es immer so einfach?

Nein, natürlich nicht. Noch mal zurück zur Schilddrüsen-Überfunktion: Dabei kommt es zu Nervosität, Ängsten, Stimmungsschwankungen; die Patienten sind völlig unberechenbar, in einem Augenblick nett und ausgeglichen, im nächsten aggressiv und erregt. Man muss dann oft auch therapieren, weil die Patienten massive Schwierigkeiten mit ihrer Umwelt bekommen haben. Da pfropft sich eines auf das andere auf, und manchmal ist es schwierig zu sagen, was zuerst da war.

Umgekehrt gehen Depressionen ja auch oft mit körperlichen Beschwerden einher...

Ja, Depressive sind unter anderem anfälliger für Infekte, das ist dann eher psychosomatisch. Wer psychisch schlecht drauf ist, hat auch häufig z. B. Magen-Darm-Beschwerden oder Rückenschmerzen. So kommt eins zum anderen. Sie müssen immer beide Sichtweisen im Kopf haben, die psychosomatische wie auch die somatopsychologische.

Warum sind wir so schnell dabei, zu sagen: "Das ist alles psychisch!", aber über Somatopsychologie wird fast nie gesprochen?

Ich weiß es nicht. Aber langsam tut sich was: Kürzlich hatten mich Studenten gebeten, einen Vortrag auf einem Psychologie-Studierenden-Kongress zu halten. Weil sie sagen: Das lernen wir an der Universität überhaupt nicht.

Was kann man tun, um nicht in diese Körper-Seele-Falle zu tappen?

Sie sollten, wenn Sie psychische Veränderungen an sich feststellen, immer überlegen, ob sich auch körperlich etwas verändert hat. Oder gerade im Winter, ob Sie vielleicht vor Kurzem einen Infekt durchgemacht haben. Aus einem glücklichen Leben heraus wird man kaum depressiv, dahinter verbirgt sich oft eine körperliche Erkrankung.

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Interview: Diana Helfrich Ein Artikel aus BRIGITTE 20/2014
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