Sprachstörungen bei Erwachsenen: Das große Ääähhhh

Stottern, Lispeln, Wortfindungsstörungen: Was bei Kindern vielleicht noch niedlich wirkt, wird für Erwachsene oft zur Belastung. Die häufigsten Sprach- und Sprechfehler – und wie man sie in den Griff bekommt. 

Klar kann man auch mit Sprachproblemen was werden. König von England zum Beispiel wie George VI., dessen Stottern "The King’s Speech" aufgreift. Aber der oscarprämierte Spielfilm zeigte auch, wie stark die Betroffenen dadurch belastet sein können. Viele fühlen sich verunsichert, meiden sogar soziale Kontakte.

"Inwiefern eine sprachliche Auffälligkeit behandlungsbedürftig ist, darüber entscheidet zu einem großen Teil der individuelle Leidensdruck", sagt Sonja Utikal, staatlich anerkannte Logopädin beim Deutschen Bundesverband für Logopädie. Dabei wird unterschieden zwischen einem Sprachfehler, der sich auf den Aufbau von Sprache, etwa auf die falsche Verwendung von Worten oder fehlendes Vokabular, bezieht, und einem Sprechfehler, wenn zum Beispiel die Bildung von Lauten nicht korrekt oder der Sprachrhythmus gestört ist. Beides kann auch zusammen auftreten. Gesetzliche Kassen übernehmen allgemein die Therapiekosten immer dann, wenn Ärztin oder Arzt eine Verordnung zur logopädischen Behandlung (Sprach-, Sprech- oder Stimmtherapie) ausstellen. Adressen von örtlichen Logopäd*innen findet man auf der Seite des Bundesverbandes für Logopädie (www.dbl-ev.de). 

Stottern

Störung des Redeflusses

Was passiert dabei?
Bei der bekanntesten Störung, die etwa ein Prozent der Erwachsenen betrifft, kommt es zu einer unfreiwilligen Blockierung. "Wörter, Silben oder Laute werden wiederholt oder verlängert oder der Betroffene bringt sie nach einer Blockade nur mit Mühe heraus", so Sonja Utikal. Typisch ist, dass das Stottern situationsabhängig oder personenbezogen gehäuft auftritt. Oft wird die Blockade von einer sogenannten Sekundärsymptomatik begleitet, etwa eine Anstrengungsreaktion wie Grimassieren oder mit dem Fuß aufstampfen. "Scham, Selbstabwertung, Frustration und das Vermeiden bestimmter Situationen, Wörter oder Laute sind in vielen Fällen die Folge", sagt die Logopädin.

Woher kommt das?
Zwillingsstudien weisen auf eine genetische Disposition hin. "Stottern wird hauptsächlich vererbt. Und auch wenn man die genauen Ursachen nicht kennt, weiß man heute, woher es nicht kommt: der Erziehungsstil oder der sprachliche Umgang spielen keine Rolle", so die Expertin. Auch die Intelligenz nimmt keinen Einfluss. Anspannung und Angst jedoch können die Störung aufrechterhalten und verstärken.

Was hilft?
Therapieangebote lassen sich grob zwei Gruppen zuordnen: das sogenannte Fluency Shaping, bei dem die Sprechweise unter anderem durch einen weichen Stimmeinsatz am Wortanfang oder insgesamt langsameres Sprechen verändert wird. Und die Stottermodifikation, auch "Nicht-Vermeidungs-Ansatz" genannt, bei der der oder die Betroffene lernt, sich aus Stottersymptomen zu befreien, und neben der Anwendung von Sprechtechniken auch seine Angst vor dem Stottern abzubauen. Selbst nach jahrzehntelanger "Stotterkarriere" besteht so die Möglichkeit, den Redefluss noch deutlich zu verbessern.

Füllwörter

Einstreuen von Bedeutungslosem

Was passiert dabei?
Jeder kennt Menschen, die ihre Sätze gewohnheitsmäßig mit Füllwörtern wie "ähm, also, eben, halt" würzen. "Dabei handelt es sich um sprachliche Partikel, die keine eigene Bedeutung haben", sagt die Logopädin. Auch ständig wiederholte Floskeln können das Gegenüber irritieren, zum Beispiel in jedem Satz das Verwenden von "ehrlich gesagt", "mehr oder weniger" oder "letztendlich".

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Woher kommt das?
Das Einstreuen scheinbar sinnloser Wörter hat durchaus einen Zweck. Sonja Utikal: "Das verschafft der Rednerin oder dem Redner Zeit für die Sprachplanung. Während eine klare Denk- und Sprechpause immer die Gefahr birgt, unterbrochen zu werden, erhält ein Äh oder Ähm den sogenannten ,Rede-Turn‘ im Gespräch." Auf einen zusätzlichen Nutzen weist eine Studie der University of Edinburgh hin. Zuhörer*innen konnten sich bei einem Vortrag nachweislich besser an Worte erinnern, wenn sie auf ein "Äh" folgten.

Was hilft?
"Bei der Verwendung von Füllwörtern oder Floskeln außerhalb einer bestehenden Stottersymptomatik handelt es sich nicht um etwas grundsätzlich Pathologisches", sagt die Expertin. Daher wird auch keine Ärztin eine logopädische Behandlung verordnen. Trotzdem kann die Angewohnheit nerven. Wer sie ablegen möchte, ist mit einem Rhetorik-Training gut beraten. Dabei lernt man unter anderem, die Aufmerksamkeit zu schulen und die eigene Sprache genauer zu betrachten.

Lispeln

Falsche Bildung von Lauten

Was passiert dabei?
Was landläufig als Lispeln bekannt ist, umfasst eigentlich weit mehr als eine falsche Aussprache der S-Laute. "Jeder Laut kann fehlerhaft gebildet werden", sagt Sonja Utikal. "Das bezeichnen wir allgemein als Artikulationsstörung." Die inkorrekte Aussprache der Laute "S" und "Z", der sogenannte Sigmatismus, entsteht durch eine falsche Zungenstellung. Diese führt manchmal dazu, dass der Laut dumpf klingt, manchmal entweicht beim Sprechen aber auch zu viel Luft seitlich durch die Zähne oder durch die Nase.

Woher kommt das?
Organische Gründe wie eine verschobene Kieferstellung oder eine Hals-Nasen-Ohren-Erkrankung kommen infrage. Oder es liegt eine zu geringe Muskelspannung im Mund- und Zungenbereich vor. Manchmal wurden Laute auch im Kindesalter nicht richtig erworben. Falsche Artikulationsmuster bleiben unbehandelt oft bis ins Erwachsenenalter bestehen.

Was hilft?
"Artikulationsstörungen sind nicht zwingend behandlungsbedürftig", so die Logopädin. "Aber wenn Betroffene sich daran stören, sollte man erst mal organisch bedingte Auslöser abklären lassen." Die Korrektur einer Zahnfehlstellung durch eine Spange kann sich beispielsweise auch im Erwachsenenalter noch auf die Aussprache auswirken. Ist die Mundmotorik nicht richtig ausgebildet, helfen regelmäßige spezifische Übungen im Rahmen einer logopädischen Behandlung zur Zungen-, Lippen- und Wangenkräftigung.

Lücken im Vokabular

Die Wortfindungsstörung

Was passiert dabei?
Manchmal fallen uns die gängigsten Wendungen plötzlich nicht mehr ein. "Die Bezeichnung ,Wortfindungsstörung‘ wird zwar auch umgangssprachlich häufig verwendet, etwa als Entschuldigung für vergessene Namen oder Fachbegriffe", so Logopädin Sonja Utikal. Aber keine Panik, falls dir einfach hin und wieder die Worte fehlen. Trotzdem rät die Expertin: "Ist jemand dauerhaft von ,Vokabel-Aussetzern‘ oder von Problemen des Zugriffs auf bekannte Wörter betroffen, sollte das auf jeden Fall abgeklärt werden."

Woher kommt das?
Die Erfahrung zeigt, dass unsere gesamte körperliche und geistige Verfassung einen großen Einfluss darauf hat, wie flüssig wir sprechen", so die Logopädin. Vielleicht war der Tag stressig, vielleicht muss der Körper gerade eine Hormonschwankung verkraften oder eine Migräne kündigt sich an – dann erledigt sich das Suchen nach

"Was wollte ich sagen ...?"

Worten meist innerhalb kurzer Zeit von selbst, wenn wir uns wieder besser fühlen. Im schlimmsten Fall können aber auch neurologische oder hirnorganische Erkrankungen verantwortlich sein, ein Schlaganfall etwa. Bei der Diagnostik überprüft man organische Ursachen und stellt anhand von Sprachtests Art und Schweregrad der Problematik fest.

Was hilft?
Je nach Art und Ausprägung kommen jeweils unterschiedliche Therapieansätze zur Anwendung. Nach neurologischen Erkrankungen zum Beispiel kann es notwendig sein, den Wortschatz teilweise neu aufzubauen oder den Zugriff auf noch gespeicherte Worte zu erleichtern. Außerdem wird in der Therapie geübt, mit Umschreibungen zu arbeiten. "Ziel ist hierbei, die Kommunikationsfähigkeit im Alltag zu verbessern. Das erfordert immer auch, die Lebensumstände der Patient*innen zu berücksichtigen", sagt die Expertin.

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BRIGITTE 02/2020

Wer hier schreibt:

Tanja Eckes
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