Warum Lärm krank machen kann

Das Grundrauschen von Straßen, Schienen und Flugzeugen ist zwar erträglich, macht aber auf Dauer krank. Deshalb gilt vom Verkehr verursachter Lärm als Umweltgift Nummer eins.

Das größte Problem am Lärm: Er ist zu leise. Wobei Lärm natürlich nicht Lärm wäre, wenn er nicht laut wäre. Doch so extrem, dass wir uns die Ohren zuhalten und schnell das Weite suchen, ist er eher selten. Unmittelbar neben einem startenden Flugzeug zum Beispiel dröhnt es so sehr, dass es weh tut, aber direkt auf dem Rollfeld stehen eben die wenigsten (und denen, die es tun, schreibt der Arbeitsschutz Kopfhörer vor).

Der meiste Lärm, der uns von Straßen, Schienen oder aus der Luft erreicht, ist im Vergleich dazu viel leiser. Deshalb können wir ihn ertragen, hinnehmen als Grundrauschen unserer Zeit, vielleicht sogar überhören irgendwann. Schaden wird er uns aber leider trotzdem.

Denn wir hören nicht nur mit den Ohren, sondern mit dem ganzen Körper, und das 24 Stunden am Tag. Das Gehör nimmt nämlich erst oberhalb von 85 Dezibel Schaden (das entspricht in etwa einem herkömmlichen Föhn direkt am Ohr), und zwar umso mehr, je länger man diesem Geräuschpegel ausgesetzt ist. Dagegen reichen schon etwa 55 Dezibel - die Lautstärke eines normalen Gesprächs -, um unseren Körper in Alarmbereitschaft zu versetzen: Stresshormone wie Cortisol werden ausgeschüttet, Blutdruck und Puls steigen.

Lärm ist Stress, vor allem nachts - denn dann sind wir empfindlicher

Und nachts sind wir sogar noch empfindlicher: Dann reagieren wir schon ab etwa 40 Dezibel. Nicht indem wir sofort senkrecht im Bett sitzen, aber die Stressreaktion macht den Schlaf weniger erholsam, weil die Zahl der so genannten "Arousals", der unbewussten nächtlichen Wachphasen, zunimmt. Entsprechend gerädert fühlt man sich am nächsten Morgen.

Im vergangenen Sommer konnten Forscher der Universität Mainz erstmals beweisen, was Krach noch in unserem Körper anrichtet, wenn wir schlafen. Neben den Betten der Versuchspersonen simulierten Lautsprecher unterschiedlich viele Nachtflüge. Der Adrenalinspiegel stieg daraufhin, und die Gefäßfunktion sank - vermutlich, weil vermehrt freie Radikale gebildet wurden.

Die Studie legt außerdem den Schluss nahe, dass man sich an nächtlichen Lärm nicht gewöhnt, sondern die schädliche Wirkung auf die Gefäße sogar immer mehr zunimmt. Wachsam zu sein, besonders nachts, war für unsere Vorfahren überlebenswichtig. Heute jedoch macht uns diese Schutzreaktion krank, weil Lärm zur Dauerbelastung geworden ist.

Je lauter Flugzeuge über Klassenzimmern dröhnen, desto schlechter lernen Kinder lesen

Laut einer dänischen Studie lässt jeder Anstieg des Straßenlärms um 10 Dezibel die Gefahr für einen Schlaganfall um 14 Prozent steigen. Rund um den Flughafen Köln-Bonn, für den kein Nachtflugverbot besteht, werden bis zu 200 Prozent mehr Blutdrucksenker, HerzKreislauf-Medikamente und Schlafmittel verschrieben als in ruhigeren Wohngegenden.

Unter Lärmbelastung steigt zudem das Risiko für Diabetes und psychische Erkrankungen wie Depressionen, Psychosen, Schizophrenie, sogar für Demenz. Dramatisch ist auch die Wirkung auf Kinder: Je lauter Flugzeuge über ihren Klassenzimmern dröhnen, desto schlechter lernen sie lesen - so eine europäische Studie mit 2000 Kindern aus vier Ländern. Gedächtnis und Motivation von Schülerinnen und Schülern können ebenfalls beeinträchtigt sein.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt Lärmgrenzen von tagsüber 55 Dezibel und nachts 40 Dezibel und damit weniger als die deutschen Richtlinien für Straßenverkehr in Wohngebieten, die bei 59 bzw. 49 Dezibel liegen. Nach Angaben des Umweltbundesamtes leben 30 Prozent von uns in einer Umgebung, in der selbst diese Werte dauerhaft überschritten werden. Laut einer offiziellen Umfrage fühlt sich mittlerweile mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung durch den Lärm von Straßen-, Schienenoder Luftverkehr gestört.

Sinnvolle Regeln wie Tempo-Limits sind bei uns äußerst unpopulär

Natürlich gibt es Gegenmittel: Flughäfen müssen Anwohnern Schallschutzmaßnahmen finanzieren, die EU-Umgebungsrichtlinie schreibt den Kommunen vor, Lärm zu kartieren und Aktionspläne aufzustellen, um gegenzusteuern. Doch sinnvolle Regeln wie etwa Tempo-Limits sind bei uns äußerst unpopulär. Wir alle sind eben gern viel und schnell unterwegs.

Auch Fahrzeuge mit Elektromotor würden den Verkehr beruhigen, sind vielen aber zu teuer und zu unflexibel. Das Ziel der Bundesregierung, dass bis zum Jahr 2020 eine Million E-Fahrzeuge auf unseren Straßen unterwegs sind, wird deswegen wohl nicht erreicht werden. Und Anwohnerinnen und Anwohner, die gegen neue Landebahnen protestieren, gelten schnell als Spielverderber, weil sie Arbeitsplätze und Wirtschaftswachtsum gefährden. Eine Studie der wirtschaftsliberalen Stiftung Marktwirtschaft zum Beispiel unterstellt den Demonstranten, die sich jede Woche im Terminal des Frankfurter Flughafens versammeln, eine "Kultur der Misstrauensgesellschaft".

Und selbst wenn alle verfügbaren Schutzmaßnahmen ausgeschöpft würden, bleibt diese Frage: Wie soll es wirklich dauerhaft ruhiger werden, wenn gleichzeitig der Verkehr auf Straße, Schiene und in der Luft immer mehr zunimmt? Durchs Mittelrheintal zum Beispiel rollen schon jetzt täglich bis zu 3000 Züge, darunter viele der sehr lauten Gütertransporte. Diese könnten durch andere Bremsen und Räder zwar deutlich leiser werden - wobei Lärmgrenzwerte nur bei neu angelegten Schienenwegen verbindlich einzuhalten sind -, gleichzeitig soll der Bahnverkehr auf dieser Strecke bis 2025 jedoch noch einmal um zwei Drittel zunehmen.

Wahrscheinlich stimmt es also, wenn René Weinandy vom Umweltbundesamt uns ein "fehlendes Lärmbewusstsein" attestiert. Experten gilt Lärm zwar mittlerweile längst als Umweltgift Nummer eins. In unseren Köpfen ist das jedoch noch nicht angekommen. Wer sich ein neues Auto kauft oder ins Flugzeug steigt, denkt bisher vielleicht an Luftverschmutzung und Kohlendioxid-Ausstoß, kaum aber an die eigene Lärmbilanz. Vermutlich wird sich das in Zukunft ändern. Spätestens dann, wenn es um uns so laut geworden ist, dass uns wie auf dem Rollfeld buchstäblich die Ohren klingeln.

Endlich Ruhe! Das hilft gegen den Krach:

Text: Antje Kunstmann BRIGITTE 14/2014

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