Wie kann ich bei einer Lebenskrise Hilfe leisten?

Jedes Jahr sterben in Deutschland 10.000 Menschen durch Suizid. Wie kann ich bei einer Lebenskrise Hilfe leisten? Ein Gespräch über Perspektiven und magische Worte.

Stella, Sie beraten junge Menschen mit Suizidgedanken per E-Mail. Welche Fragen erreichen Sie?

In der ersten Mail steht meist so etwas wie: "Hilfe, ich weiß nicht weiter, ich mag mein Leben nicht mehr." Dann frage ich nach: "Was genau macht dein Leben so unerträglich? Was ist passiert? Wie fühlst du dich?" Und wenn es um Suizidgedanken geht: "Hast du schon eine Vorstellung, wann und wie du das machen möchtest?" Wir haben da keine Hemmungen. Wir versuchen, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen und zu zeigen, dass man mit uns offen reden kann. Wir verurteilen nicht, machen auch kein schlechtes Gewissen. "Denk doch mal an deine armen Eltern!" würden wir nie sagen.

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... lebt in Berlin, arbeitet als Web-Entwicklerin und engagiert sich in ihrer Freizeit ehrenamtlich bei dem Projekt [U25], einer anonymen Online-Beratungsstelle der Caritas für junge Menschen in Krisen und Suizidgefahr. Die ebenfalls jungen BeraterInnen werden von hauptamtlichen MitarbeiterInnen ausgebildet und unterstützt. Alle zwei Wochen treffen sie sich zur Supervision und besprechen die Probleme ihrer Klienten.

Was für Probleme haben Ihre Klienten?

Viele leiden an Depressionen, die können schon durch die kleinsten Dinge ausgelöst werden - gerade in der Pubertät. Oft geht es um Probleme mit den Eltern oder Freunden. Häufig leider auch um sexuellen Missbrauch, Gewalt in der Familie oder Mobbing. Jeder, der zu uns kommt, gibt sich selbst die Schuld an der Situation. Wir versuchen, sie vom Gegenteil zu überzeugen.

Wie sieht solch ein Beratungsgespräch aus?

Oft ist es wie eine Brieffreundschaft, die über mehrere Monate geht - mit extremen Stimmungsschwankungen. Für Teenager ist ein Streit mit dem Freund / der Freundin eine Riesensache. Wenn ich kann, gebe ich Ratschläge und versuche, ihnen etwas "Altersweisheit" zu vermitteln. Es geht viel darum, Perspektiven aufzuzeigen und Hoffnung zu machen. Wenn man so jung ist, kann man sich nicht vorstellen, wie das ist, wenn man wirklich alles selbst entscheiden darf - mit wem man befreundet sein will, wo man lebt, was man tut. Viele Klienten sind sehr nett und aufgeschlossen, andere dagegen dramatisch. Es kann passieren, dass sie mit Suizid drohen, wenn man etwa ankündigt, in Urlaub zu fahren.

Was machen Sie dann?

Ich biete zum Beispiel an, vorher den Kontakt zu vertiefen und mehr zu schreiben. Aber dann kann ich auch nicht mehr machen, als den Fall an unsere Leiterin zu übergeben. Sie kann die Situation meist gut einschätzen. Oder an eine direkte Anlaufstelle oder die Telefonseelsorge zu verweisen.

Wie halten Sie diesen Druck aus?

Wir sehen uns nicht als Retter, sondern versuchen, zu stabilisieren, ihnen den Druck zu nehmen und sie weiterzuvermitteln - an die Familie, Freunde, Therapie, Anlaufstelle. Unsere Möglichkeiten sind leider beschränkt. Wir gehen immer vom Besten aus, denn wenn sich jemand an uns wendet, muss noch ein wenig Hoffnung und Lebensmut da sein. Am Anfang war das trotzdem schwierig. Ich habe mir den Kopf zerbrochen, wenn der Kontakt zu einem Klienten abbrach. Ich dachte, ich könne die Probleme lösen, könne die magischen Worte finden, die genug Mut machen, aus einer schlechten Situation herauszukommen. Inzwischen sehe ich unsere Arbeit realistisch. Im besten Fall sind wir eine Stütze. Doch seinen Weg muss jeder alleine finden und gehen.

Angenommen, meine Freundin äußert mir gegenüber Suizidgedanken. Wie sollte ich mich verhalten?

Das Wichtigste ist, Verständnis zu zeigen, nachzufragen und sich auf keinen Fall abzuwenden. Und diese Gedanken ernst zu nehmen - die meisten Suizide werden angekündigt. Selbst, wenn sie sich nicht wirklich umbringen möchte, hat sie eine Motivation, das zu erzählen. Sie leidet trotzdem. Wenn man bei jemandem Suizidgedanken vermutet, kann man die Person auch direkt darauf ansprechen. Viele haben Angst, es heraufzubeschwören, wenn man es ausspricht. Aber das stimmt nicht. Selbst eine Mutter kann ihr Kind fragen: "Möchtest du sterben?" Damit löst man meist etwas aus, was gut ist. Es nimmt den Druck. Das ist vergleichbar mit anderen unlösbaren Problemen - etwa dem Tod der Oma. Man redet mit Freunden darüber. Sie können zwar nicht helfen, aber im Laufe des Gesprächs wird es trotzdem leichter. Man sollte einen Menschen mit Suizidgedanken auch immer ermutigen, professionelle Hilfe zu suchen. Und sie darin bestärken, sich selbst wichtig zu nehmen.

Als Teenager hatten Sie auch Suizidgedanken. Was hat Ihnen damals geholfen?

Bei mir ist nie etwas Traumatisches passiert, ich habe einfach eine melancholische Veranlagung. In der Pubertät fiel es mir schwer, meinen Platz in der Welt zu finden. Meine Eltern haben irgendwann mitbekommen, dass ich mich selbst verletze. Mit 14 Jahren habe ich eine Therapie begonnen. Davon erzähle ich auch meinen Klienten. Mir hat es geholfen, mit jemand Fremdem zu sprechen - auch wenn das anfangs natürlich sehr unangenehm war. Meine Therapeutin hat mir versichert, dass es ok ist, wenn ich traurig oder wütend bin. Sie hat mir das Gefühl gegeben, dass ich das hinkriege. Ich weiß nicht, was ohne die Therapie aus mir geworden wäre.

Der Verein "Freunde fürs Leben" bietet umfassende Informationen zum Thema Suizid und Depression.

Nicole Wehr

Wer hier schreibt:

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