Testosteron - das unterschätzte Hormon

Gedopte Radler, muskelbepackte Boxer: Was das Macho-Hormon aus Männern macht, wissen wir. Doch was passiert eigentlich, wenn Frauen zu viel Testosteron haben?

Testosteron hat vor allem eins: ordentlich Proll-Potenzial. Aus Sportlern werden aggressive Hochleistungsmaschinen und aus Normalo-Männern Muskelpakete. Was viel weniger bekannt ist: Das vermeintliche Männer-Hormon spielt auch im Frauenkörper eine wichtige Rolle, hat Einfluss auf Gesundheit und Wohlbefinden, auf Lust und Energie. Die Pharma-Industrie hat Testosteron daher kürzlich als das "weibliche Hormon" für sich entdeckt und jetzt erstmals als Medikament für Frauen auf den Markt gebracht - in Form eines Pflasters.

Produziert wird Testosteron bei Frauen in den Eierstöcken und in der Nebennierenrinde, es entsteht aber auch im Fett und Muskelgewebe. Insgesamt zirkuliert im Blut von Frauen etwa ein Zehntel der bei Männern üblichen Menge. Die Wirkung ist vielfältig: In der Pubertät lässt es Achsel- und Schamhaare wachsen, es fördert die Lust auf und am Sex, stärkt Muskeln und Knochen, unterstützt den Cholesterin- Abbau, sorgt für Antrieb und Energie. Und nicht zuletzt ist ausgerechnet das wichtigste männliche Sexualhormon der direkte Vorläufer des wichtigsten weiblichen Sexualhormons: Ein einziges Enzym verwandelt Testosteron in Östradiol.

Ungewollt kinderlos? Es kann am Testosteron liegen

Das Gleichgewicht der Sexualhormone wird im Gehirn gesteuert und ist Teil eines komplexen Systems von Wechselwirkungen: Testosteron beeinflusst nicht nur Körper und Psyche, seine Konzentration im Blut ist auch abhängig von körperlichen und seelischen Zuständen. So stieg etwa bei Spielerinnen der portugiesischen Damenfußball- Liga der Testosteron-Spiegel vor einem Endspiel deutlich an. Nach dem Match blieb der Wert noch eine Weile erhöht - allerdings nur bei den Frauen, die das Spiel gewonnen hatten.

Schwankungen im Testosteron-Haushalt sind also ganz normal. Ernsthafte Störungen aber können deutlich spürbare Auswirkungen haben, und die sind sehr unangenehm. Eine der folgenreichsten geht mit einem zu hohen Testosteron-Spiegel einher: das Polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS). Obwohl fünf bis zehn Prozent der gebärfähigen Frauen davon betroffen sind und es die häufigste Ursache für ungewollte Kinderlosigkeit darstellt, ist es eher unbekannt - auch, weil die Diagnose nicht einfach ist.

Denn fast keine Frau hat alle Symptome auf einmal. Neben einem erhöhten Testosteron- Spiegel können die dafür typischen äußeren Zeichen wie starke Körperbehaarung und Akne auftreten, die Regelblutung kann selten sein oder ganz fehlen, und im Ultraschall der Eierstöcke zeigen sich meist - aber nicht immer - zystenartige Bläschen. Sie entstehen, weil die Eizellen durch die Hormonstörung nicht voll ausreifen. Diese so genannten polyzystischen Ovarien allein sind allerdings nicht automatisch ein gesundheitliches Problem - sie kommen bei einem Drittel aller Frauen vor, ohne dass etwa das Testosteron erhöht ist.

Die Auslöser des PCOS sind bislang noch weitgehend unklar. Vererbung spielt eine wichtige Rolle, und zu viele Pfunde können bei entsprechender Veranlagung die Ausbildung der Störung begünstigen. Gleichzeitig ist Übergewicht aber auch eine Folge des Syndroms, denn das hormonelle Ungleichgewicht führt leicht zu einem gestörten Fett- und Zuckerstoffwechsel, der außerdem das Diabetes-Risiko erhöht.

So komplex das Krankheitsbild, so schwierig die Behandlung: "Das PCOS ist nicht vollständig heilbar", sagt Susanne Hahn, Internistin mit endokrinologischer Spezialpraxis in Wuppertal. "Man kann die jeweiligen Symptome behandeln, aber wenn man die Therapie absetzt, ist die Störung wieder da." Wichtig ist auf jeden Fall, eventuelles Übergewicht abzubauen. Medikamentös hilft besonders gut das sonst gegen Diabetes eingesetzte Mittel Metformin. Wirksam sind außerdem Hormonpräparate wie die Pille oder - wenn ein Kinderwunsch besteht - Anti-Östrogene.

Keine Lust auf Sex: Kann ein Hormon helfen?

Doch auch ein Mangel an Testosteron kann bei Frauen zu Problemen führen: etwa zu sexueller Unlust, Antriebslosigkeit oder depressiver Stimmung. Da der natürliche Abfall des Hormons allerdings schon ab Anfang 20 beginnt und individuell ganz verschieden verläuft, dauert es oft lange, bis eine ernsthafte Störung erkannt wird.

Frauen, die durch den Verlust beider Eierstöcke Libidoprobleme haben, können seit Anfang des Jahres mit dem Testosteron- Pflaster behandelt werden. Und der Libidoverlust, über den viele Frauen in den Wechseljahren klagen? Könnte ein Pflaster auch da helfen? Die Hamburger Gynäkologin Anne Schwenkhagen hält die Studienlage für nicht eindeutig. So konnten australische Forscher 2005 in einer großen Untersuchung bei 1400 Frauen zwischen 18 und 75 Jahren keinerlei Zusammenhang zwischen niedrigen Testosteron-Werten und Libidoproblemen nachweisen.

Dennoch streben Pharma-Unternehmen weitere Einsatzmöglichkeiten für Testosteron bei Frauen in den Wechseljahren an. "Aber wenn man einfach keine Lust mehr auf seinen Partner hat, dann hilft auch kein Hormon", so Schwenkhagen.

Infos und Beratung zum PCOS: www.pco-syndrom.de PCOS-Selbsthilfe Deutschland

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