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Mental Health Du musst nicht am Boden sein, um das "Recht" auf eine Therapie zu haben

Eine Therapie kann eine enorme Hilfe für dich sein
Eine Therapie kann eine enorme Hilfe für dich sein.
© artbesouro / Adobe Stock
Therapien beginnen Menschen leider viel zu oft erst, wenn es gar nicht mehr geht. Dabei muss das nicht sein.

Im Nachhinein gesehen, war ich vor meiner ersten Therapie ein ziemliches Wrack. Sicherlich, oberflächlich betrachtet funktionierte ich noch, was meine gesellschaftlichen Aufgaben anging: Ich studierte und ging regelmäßig zur Arbeit nebenbei. Auch meine sozialen Kontakte litten nicht unter meinen psychischen "Herausforderungen". Unpraktisch war nur, dass der Weg zu den jeweiligen Orten stets eine enorme Belastung für mich darstellte. Denn zu jener Zeit litt ich unter immenser Angst, sobald ich in der S-Bahn saß, die sich durch Herzrasen und dem Gefühl, jeden Moment in Ohnmacht zu fallen, stetig öfter und intensiver bemerkbar machte.

Allerdings blieb mir nichts anderes übrig, als das Verkehrsmittel, das sich über die Monate mehr und mehr zu einem echten Problem für mich entwickelt hatte, zu nutzen. Ich konnte schwerlich zu Fuß zu den Orten gehen, besaß weder Auto noch Fahrrad. Und obwohl ich im Nachhinein denke: "Herrje, was hast du da für einen Stress über dich ergehen lassen?", hat es sehr lange gebraucht, bis ich mir Hilfe suchte. Und damit bin ich offenbar nicht allein.

Angst kommt schleichend

Die Angst ist ein schleichender Prozess, der immer mehr von deinem Leben einnehmen kann
Die Angst ist ein schleichender Prozess, der immer mehr von deinem Leben einnehmen kann
© VectorRocket / Adobe Stock

Der Mensch ist nun leider ein Gewohnheitstier – im Guten wie im Schlechten. Und meine Angstmomente in der Bahn kamen nicht von einem auf den anderen Tag, sondern schleichend. Jeden Tag ein kleines bisschen stärker, ein kleines bisschen weniger erträglich. Und so gewöhnte ich mich daran – ich dachte damals, dass ich keine großen Alternativen hatte. Schließlich "funktionierte" ich abgesehen davon. 

Rein logisch war mir klar, dass es eine irrationale Angst ist. Geholfen hat mir das nicht.

Sicherlich, in dem Moment in der Bahn überkam mich an besonders schlimmen Tagen leichte Todesangst, aber gestorben war ich ja bisher nicht. Mir war rein logisch klar, dass es sich um eine irrationale Angst handelte, dass es keinen physischen Grund für meine Panik gab, keine Erkrankung, die zu dem Herzrasen führte. Aber mit Logik konnte ich den Ängsten nur bedingt begegnen, denn immer lauter wurde die innere Stimme, die zu Beginn noch flüsterte und irgendwann schrie: "Und was, wenn ich mich irre? Was, wenn ich gleich sterbe?!"

Warum warten manche von uns so lange, bis es gar nicht mehr geht?

Warum lassen sich so viele Menschen von ihren psychischen Problem fast zerstören?
Warum lassen sich so viele Menschen von ihren psychischen Problem fast zerstören, bevor sie sich in Therapie begeben?
© James Thew / Adobe Stock

Spoiler: Ich bin nicht gestorben. Aber mir fiel es immer schwerer, das auch selbst zu glauben. Und trotzdem sah ich keine Notwendigkeit darin, mich in therapeutische Behandlung zu geben. Monatelang. Monate, in denen sich meine Angstattacken immer wieder meldeten, irgendwann nicht mehr nur beschränkt auf die Bahnfahrten, sondern sich im Auto, unter der Dusche, beim Einschlafen, bei der Arbeit, im Vorlesungssaal meldeten. 

Und erst, als ich wirklich am Boden war, nicht mehr aufhören konnte zu weinen, eine Freundin förmlich am Telefon anflehen musste, dass sie bitte vorbeikomme, weil ich alleine gerade einfach nicht klarkomme, als alles zusammenkam und über mich einstürzte – das war der Moment, in dem mir klar wurde, dass es so nicht weitergehen darf, nicht weitergehen kann. Für manche Menschen reicht nicht einmal dieser Moment. Warum eigentlich?

Therapie ist Self-Care

Wir leben in einer Zeit, in der sich der Mensch stetig zu verbessern hat: den eigenen Körper durch Training und "Superfood" und den eigenen Geist durch Weiterbildung, Meditation und "Resilienz". Warum tun sich manche Menschen dann aber noch so schwer damit, sich professionelle Hilfe zu suchen, wenn es ihnen psychisch nicht gut geht? Meine erste Therapeutin fasste es so zusammen: "Wer ein gebrochenes Bein hat, dem sieht man sein Leiden an. Eine Depression sieht niemand von außen." Fehlt es also an Verständnis? Akzeptanz dafür, eben nicht zu "funktionieren", wie die Gesellschaft es von uns erwartet?

Fehlt es auch und vor allem an der eigenen Akzeptanz? Zumindest mir selbst fiel es damals schwer, diese Worte auszusprechen: "Mir geht es nicht gut. Mir geht es schon länger nicht gut. Und ich brauche Hilfe."

Menschen begeben sich in Therapie weil sie wieder glücklich sein wollen, weil sie wieder leben wollen – und nicht nur überleben.

Was Menschen betreiben, die sich in Therapie begeben, ist die reinste Form von Self-Care: Sie tun es nicht, weil sie sich den unrealistischen Erwartungen unserer Leistungsgesellschaft hingeben. Sie tun es nicht, um auf Instagram möglichst viele Follower:innen von ihrem "supergesunden" Lebensstil zu überzeugen oder um noch effizienter, noch produktiver, noch "besser" zu werden. Sie tun es, weil sie wieder glücklich sein wollen, weil sie wieder leben wollen – und nicht nur überleben, von Tag zu Tag, von einer Angstattacke zur nächsten.

Die Therapeutin lobte mich damals: Ich sei noch rechtzeitig gekommen, an meinen Angstzuständen könne man arbeiten. Das sei nicht gang und gäbe, oftmals würden die Menschen viel zu spät eine Therapie in Erwägung ziehen. Warum? Vielleicht sind die Gedanken mancher Menschen ähnlich meinen eigenen: "Solange es irgendwie geht, schaffe ich das schon allein."

Sicherlich schaffen das auch viele Menschen. Die nämlich, die ihre Emotionen erspüren, einordnen, verbalisieren und damit gesund umgehen können. Aber mit diesen Fähigkeiten wird niemand geboren, sie müssen erlernt werden. Und manchmal braucht man dafür die Hilfe, die Freund:innen und Familie nicht immer – oder nicht länger –  bieten können.

Warum ist die Therapie noch immer keine Selbstverständlichkeit?

Viele Betroffene fühlen sich allein mit ihren Problemen und Gedankekn – aber das sind sie nicht
Viele Betroffene fühlen sich allein mit ihren Problemen und Gedankekn – aber das sind sie nicht
© Jorm S / Adobe Stock

"Sich in Therapie zu begeben, ist eine routinemäßige und vorbeugende Form der Gesundheitsfürsorge, so wie der Gang zum Zahn- oder Hausarzt. Ein:e Therapeut:in ist wie ein Personal-Trainer für den Geist und die Beziehungen", sagt Joyce Marter, Psychotherapeutin, im Gespräch mit "Healthline". Warum dann ist es für so viele keine Routine?

Aber du wirkst so ... normal?

Warum zuckt niemand zusammen, wenn es heißt: "Ich gehe zur Zahnärztin, ich habe Probleme mit meinen Backenzähnen.", aber wenn jemand sagt: "Ich gehe zu meiner Therapeutin, ich habe Probleme mit meiner Psyche", dann werden die Augen groß und schlimmstenfalls hört man noch Aussagen wie: "Aber … du wirkst doch so normal?"

Psychische Leiden sind keine Schwäche und auch kein Schicksal, das man zu ertragen hat

Warum ist das Thema Therapie noch immer so schambehaftet für so viele Menschen? Es ist keine Schwäche, an Depressionen, Angststörungen oder Panikattacken zu leiden. Es ist genauso wenig ein Schicksal, eine Last, die man eben zu tragen hat. Ich kenne und kannte nicht wenige Menschen, für die ihr Leid schon Alltag war, die sich ein Leben ohne die Angst, ohne den Schmerz und die Trauer nicht mehr vorstellen konnten, weil sie sich so daran gewöhnt hatten, dass es ist, wie es ist. Aber: Es muss nicht so sein. 

Die Psyche ist wie eine gusseiserne Teekanne auf dem Herd

Eine Therapie kann dabei helfen, das Gedankenchaos zu entwirren
Eine Therapie kann dabei helfen, das Gedankenchaos zu entwirren.
© Mary Long / Adobe Stock

Theoretisch gibt es genug Menschen, die therapeutische Hilfe brauchen. Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V. schrieb bereits 2018, dass laut Studien jedes Jahr 27,8 Prozent der erwachsenen Menschen in Deutschland von einer psychischen Erkrankung betroffen sind. "Das entspricht mit 17,8 Millionen Menschen der Einwohnerzahl von Nordrhein-Westfalen", heißt es im Dossier. 2018 war die Welt noch eine andere, eine Pandemie, enorme Inflation und Krieg in Europa sollten noch kommen. Und schon damals hätte man das größte Bundesland unseres Landes mit Menschen füllen können, die Hilfe brauchen.

Zu oft musste ich Nahestehenden dabei zusehen, wie sie leiden, sich selbst verletzen, psychische Zusammenbrüche erleiden.

In meinem sozialen Umfeld bin ich als Verfechter der Therapie bekannt – sobald ein Mensch mir von einem psychischen Leiden erzählt, neige ich dazu, (vielleicht zu) schnell zu einer Therapie zu raten. Weil ich weiß, wie enorm hilfreich sie sein kann. Und wie erfolgversprechend, wenn man rechtzeitig damit beginnt, bevor der Leidensdruck zu groß und die psychischen wie physischen Konsequenzen irreparabel sind. Zu oft musste ich Nahestehenden dabei zusehen, wie sie leiden, sich selbst verletzen, psychische Zusammenbrüche erleiden.

Die Therapien halfen mir, besser auf meine Psyche achtzugeben

Meine erste Therapeutin, die gerne in Metaphern sprach, beschrieb die leidende Psyche so: "Sie können eine gusseiserne Teekanne auf dem Herd vergessen. Sie wird lange und geduldig vor sich hin pfeifen, aber irgendwann wird sie platzen." Meine schrie über die Monate immer lauter, flehte um Hilfe – und ich bin froh, dass ich sie noch rechtzeitig erhört habe. 

Inzwischen habe ich eine zweite Therapie angefangen. Die vielen parallelen Umbrüche in meinem Leben – die Corona-Pandemie, das Ende meines Master-Studiums und der Beginn des nächsten Lebensabschnitts samt neuer romantischer Beziehung – brachten mich zu ihr. Ich weiß nun viel besser, die Zeichen zu deuten. Und ich bin unheimlich dankbar dafür.

Verwendete Quellen: healthline.com, dgppn.de

Brigitte

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