Tibetische Medizin

Die fernöstliche Heilmethode boomt. Vor allem chronisch Kranke hoffen auf Heilung. Können Kräuterpillen und Charakteranalysen wirklich helfen? Ein Report von BRIGITTE-Mitarbeiterin Sigrid Brauer.

Im nordindischen Dharamsala, dem Sitz des Dalai Lama, werden hunderte von verschiedenen Kräutern kleingehackt, zusammengemischt, zu Brei verrührt und in rotierenden Trommeln zu Kugeln geformt. Neben 125 "normalen" Heilpillen werden auf diese Weise auch acht sogenannte Juwelenpillen hergestellt. Sie können außer Kräutern in langwierigen Verfahren entgiftete Stoffe wie Gold, Silber, Smaragde, Diamanten, Korallen, Saphire oder Kupfer enthalten. Die kostbaren Kügelchen sollen bei besonders hartnäckigen Krankheiten heilend wirken und bei gesunden Menschen das Immunsystem stärken.

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Padma 28 ist gut fürs Herz

Besonders populär ist zur Zeit Padma 28, eine Kräuterpille, die vor allem bei verengten Blutgefäßen, Angina pectoris und der Entzündung des Herzmuskels helfen soll. Padma 28 besteht aus 20 Pflanzenteilen sowie Kalziumsulfat und Kampfer, wird nach einer tibetischen Originalrezeptur in der Schweiz hergestellt und dort rezeptfrei in Drogerien oder Apotheken verkauft. Rund 70 Mark kostet eine Packung mit 200 Tabletten.

Rätselhafte Kombination aus 22 Stoffen

Bei uns sind die Pillen verschreibungspflichtig, doch deutsche Ärzte verordnen das Mittel nur ungern. Weil sie es in der Regel nicht kennen und weil es gegen die Gebote der Schulmedizin verstößt. "In Deutschland darf ein Medikament eigentlich nur aus fünf Inhaltsstoffen bestehen. Padma 28 enthält aber 22 Stoffe. Und wie diese in ihrer Kombination wirken, kann niemand sagen", so der Arzt Thomas Ross von der Patienteninformation für Naturheilkunde in Berlin. Allerdings hätten drei Studien ergeben, dass Padma 28 tatsächlich bei verengten Blutgefäßen helfen würde, räumt Ross ein. Trotzdem sollte man sich das Mittel nicht - wie es viele Deutsche tun - auf eigene Faust in der Schweiz oder übers Internet besorgen.

"Das sind keine Wunderpillen!"

Weil die tibetische Medizin als natürliche Methode gilt, glauben viele Patienten, sie könne keinen Schaden anrichten. Doch unbedachte Anwendung kann sehr wohl unerwünschte Nebenwirkungen haben. Vor leichtsinnigem Umgang mit tibetischer Medizin warnt darum Professor Jürgen Aschoff - obwohl er selbst Migränepatienten mit tibetischen Kräutermixturen behandelt: "Das sind keine Wunderpillen. Die meisten Berichte über die Erfolge dieser Präparate beruhen auf persönlichen Erfahrungen. Seriöse wissenschaftliche Untersuchungen gibt es kaum", sagt der Neurologe von der Universität Ulm, der eine eigene Website zum Thema Tibetische Medizin anbietet.

Tibet-Medizin berücksichtigt Körper, Seele und Geist

Patienten, die seit Jahren an einer chronischen Krankheit leiden und im Fachjargon der Schulmedizin als "austherapiert" gelten, ist das egal. Sie sind offen für alles, was hoffen lässt. Noch etwas kommt hinzu: "Die meisten Schulmediziner sehen nur den Körper des Kranken. Vielleicht noch die Seele, also die Gefühle, wenn es um die Behandlung psychosomatischer Krankheiten geht. Die tibetische Medizin berücksichtigt aber auch den Geist", sagt Walburg Maric-Oehler, eine Bad Homburger Ärztin, die in ihrer Praxis auch das traditionelle Heilverfahren anwendet.

Wer neidisch oder aggressiv ist, ist nicht gesund

Tatsächlich geht das tibetische Medizinsystem, das aus dem 12. Jahrhundert stammt und Elemente der indischen, chinesischen und persischen Medizin mischt, davon aus, dass bestimmte Geisteshaltungen Krankheiten verursachen: Ein Mensch, der von Neid und Aggression, von Hass und Geltungssucht erfüllt ist, der nicht Maß halten kann, missgünstig und gierig ist, kann nach fernöstlicher Auffassung nicht gesund sein.

Eine sehr persönliche Diagnose und eine schlichte Therapie - ist es das, was die tibetische Medizin so attraktiv macht? Deutsche Ärzte jedenfalls, die Elemente der fernöstlichen Heiltradition in ihre Behandlung einbeziehen, sind auf Monate im Voraus ausgebucht. Auch die Telefonleitungen der deutschen Tibet-Zentren, die sich mit der ganzheitlichen Methode befassen, drohten zusammenzubrechen. Der Anthropologe Frank Zablewski vom Institut für traditionelle tibetische Medizin in Freiburg: "Wir sind auf diesen Ansturm überhaupt nicht vorbereitet und müssen viele der Anrufer erst einmal vertrösten." Denn in Deutschland gibt es keine niedergelassenen tibetischen Ärzte. Und sogenannte Wanderärzte wie etwa Lobsang Wangyal, ein Leibarzt des Dalai Lama, oder Pasang Arya kommen nur in unregelmäßigen Abständen zu uns.

In Deutschland gibt es keine niedergelassenen tibetischen Mediziner, aber in unregelmäßigen Abständen kommen sogenannte Wanderärzte zu uns. Die Termine erfährt man in den Zentren für tibetische Medizin:

Auf den Patienten-Ansturm nicht vorbereitet

Eine sehr persönliche Diagnose und eine schlichte Therapie - ist es das, was die tibetische Medizin so attraktiv macht? Deutsche Ärzte jedenfalls, die Elemente der fernöstlichen Heiltradition in ihre Behandlung einbeziehen, sind auf Monate im Voraus ausgebucht. Auch die Telefonleitungen der deutschen Tibet-Zentren, die sich mit der ganzheitlichen Methode befassen, drohten zusammenzubrechen. Der Anthropologe Frank Zablewski vom Institut für traditionelle tibetische Medizin in Freiburg: "Wir sind auf diesen Ansturm überhaupt nicht vorbereitet und müssen viele der Anrufer erst einmal vertrösten." Denn in Deutschland gibt es keine niedergelassenen tibetischen Ärzte. Und sogenannte Wanderärzte wie etwa Lobsang Wangyal, ein Leibarzt des Dalai Lama, oder Pasang Arya kommen nur in unregelmäßigen Abständen zu uns.



In Deutschland gibt es keine niedergelassenen tibetischen Mediziner, aber in unregelmäßigen Abständen kommen sogenannte Wanderärzte zu uns. Die Termine erfährt man in den

Zentren für tibetische Medizin

Institut für Traditionelle Tibetische Medizin Wilfried Pfeffer Steyrerstr. 11 79117 Freiburg Tel./Fax: 0761/66848

Informationsstelle für Tibetische Medizin Malte Koos Postfach 73119 Zell unter Aichelberg Tel./Fax: 07164/14419

Gesellschaft zur Erhaltung tibetischer Kultur und Medizin (DANA e.V.) Inka Jochum Leopoldstr. 194 81804 München Tel./Fax: 089/3610-5000

Prof. Pasang Yonten Arya (tibetischer Arzt), nur zeitweise bei Dr. Walburg Maric-Oehler Luisenstr. 19 61348 Bad Homburg Tel.: 06172/21038 Fax: 06172/690441

Men-Tsee-Khang, Indien Gangchen Kyishong Dharamsala 176215, H.P./India Tel.: 0091/1892-22618 oder 23113 Fax: 0091/1892-24116

Tibetan Medical Institute, Indien 13, Jaipur Estate Nizamuddin East New Delhi 110013/India Tel.: 0091-11-469-8503 (Klinik) Tel.: 0091-11-463-5099 (Büro)

NSTG (Nederlandse Stichting voor de bevordering van de Tibetaanse Geeskunde) Hier praktiziert ständig ein tibetischer Arzt. Prinsengracht 200 NL-1016 HD Amsterdam Tel.: 0031-578-620030 Fax: 0031-20-6242810

Prof. Pasang Yonten Arya, Italien teilweise in Deutschland, s. Dr. Walburg Maric-Oehler Via Carneval No. 111 I-20158 Mailand Tel./Fax: 0039-2-3761863

Dr. Donckie Emchi, Schweiz Wartstr. 5 Ch-8400 Winterthur Tel./Fax: 0041-52-2431862

Literatur

Egbert Asshauer: Gesund bleiben mit der Heilkunst der Tibeter. TRIAS-Verlag, Stuttgart 1999. 17,95 Euro.

Tibetisches Heilwissen, Yeshi Donden. Herder Spektrum, Freiburg, Basel, Wien 1998, 9,90 Euro.

Franz Reichle: Das Wissen vom Heilen. Paul Haupt Verlag, Bern, Stuttgart, Wien 1997, Taschenbuchausgabe 9,90 Euro.

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