Wie mein Sohn mit Ballett das Tourette-Syndrom überwand

"Tick"-Autorin Admira Vaida berichtet im Gespräch mit BRIGITTE.de von ihrem Sohn, der im Alter von 5 Jahren an Tourette-Syndrom erkrankte. Und davon, wie er seine Krankheit überwand.

In ihrem Buch "Tick: Wie mein Sohn mit Ballett das Tourette-Syndrom überwand" schreibt Admira Vaida über den Werdegang ihres Sohnes, der im Alter von fünf Jahren am Tourette-Syndrom erkrankte. Schon in jungen Jahren fand Dominik einen Ausgleich in der Musik, im Alter von zehn Jahren meldete sie ihn zur Aufnahmeprüfung an der Ballettschule der Wiener Staatsoper an – ohne seine Krankheit zu erwähnen. Die richtige Entscheidung, denn heute lebt Dominik nahezu tickfrei. 2016 durfte er sogar den Wiener Opernball eröffnen. Im Gespräch mit BRIGITTE.de erzählt uns Admira Vaida von der Krankheit.

Admira Vaida beschreibt im Buch "Tick: Wie mein Sohn mit Ballett das Tourette-Syndrom überwand", wie ihr Sohn Dominik seine Krankheit in den Griff bekam.

BRIGITTE.de: Wann wurde Ihnen bewusst, dass Ihr Sohn Tourette hat?

ADMIRA VAIDA: Dominik war ungefähr fünf Jahre alt, als sich die ersten Ticks bemerkbar machten. Zuerst dachte ich, dass er nur spielte. Manchmal kam es mir vor, als würde er alles absichtlich machen. Was das genau war, wusste ich nicht sofort. Erst nach eigener Recherche im Internet ahnte ich, dass es Tourette sein könnte. Die Diagnose wurde allerdings erst bestätigt, als Dominik sieben Jahre alt war.

Welche Symptome zeigten sich bei Dominik?

Zuerst waren das kleine komische Grimassen, vorwiegend im Gesicht. Mit fünfeinhalb Jahren verstärkten sich die Grimassen. Dazu kam noch Mund aufmachen, Zunge rausstrecken, und Dominik gab komische Tiergeräusche von sich. Später kamen dann noch Zwänge, Kopfschleudern und Hände hochheben hinzu. Die Ticks wechselten sich ab.

Wie sind Sie mit den Ticks umgegangen?

Am Anfang ärgerte ich mich. Ich wusste nicht, was er hat. So etwas kannte ich nicht. Jedes mal, wenn ich Dominik ermahnte, hörte er sofort auf. So dachte ich, dass er mit seinen Grimassen und Geräuschen nur die Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollte. Bis ich gemerkt habe, dass das alles andere als Absicht war.

Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie die Diagnose erhalten haben?

Einerseits war ich erleichtert zu wissen, an welcher Krankheit mein Kind leidet, aber zugleich war ich auch am Boden zerstört. Tourette-Syndrom galt und gilt noch immer als unheilbar.

Wer hat Sie unterstützt und wer nicht?

Unterstützung bekam ich von Anfang an, zumindest in den Schulferien, von meiner Familie. Sie nahmen Dominik im Urlaub mit. So konnte ich ein wenig Kraft sammeln. Von vielen Ärzten und von der Volksschullehrerin wurden wir nicht unterstützt. Erst Dominiks behandelnde Kinderärztin und vor allem sein behandelnder Arzt am Wiener AKH Prof. Dr. Popow unterstützten uns. Dr. Popow zeigte volles Verständnis und gab uns sehr gute Ratschläge. Wir hatten zum Beispiel auch viel Glück, einen netten Klavierlehrer zu haben.

Und auch die Lehrer/Innen am Gymnasium reagierten vorbildlich, nachdem sie die Diagnose erfahren haben. Seine Freunde am Gymnasium und an der Ballettakademie wurden nicht aufgeklärt, aber sie stellten Dominik auch keine unangenehmen Fragen. Es reichte ihnen aus, zu wissen, dass seine Ticks nur vorübergehende "Entwicklungsstörungen" sind. Sie akzeptierten Dominik, wie er ist, und ignorierten ihn nicht. Das war ein großes Glück für ihn.

Welche Behandlungswege haben Sie eingeschlagen?

Zuerst haben wir es mit Medikamenten und Klavier als Musiktherapie versucht. Die medikamentöse Behandlung schlug an, die Ticks wurden um einiges erträglicher, aber Dominik hatte schlimme Nebenwirkungen. Ständige Kopfschmerzen und verstopfte Nase machten uns Sorgen. Klavier hingegen tat ihm gut. Solange er spielte, hatte er nur wenige Ticks. Ich beobachtete auch, dass Dominik gerne tanzte. Beim Tanz hatte er noch weniger Ticks. Statt Medikamente versuchten wir außer Musik auch einige alternative Methoden.

Wie sind Sie auf die Ballettschule der Wiener Staatsoper gekommen?

Rein zufällig! Auf dem Nachhauseweg mit der Straßenbahn fand ich in einer liegen gelassenen Zeitung die Annonce der Wiener Staatsoper. Die Ballettschule der Wiener Staatsoper suchte geeignete Nachwuchstalente. Da kam ich auf die rettende Idee. Dominik war außer sich von Freude. Einer seiner Wünsche war es, Profitänzer zu sein. Dominik blühte formlich auf und tat alles, um die Ticks zu beherrschen und vor den Lehrern und anderen Schülern zu verheimlichen. Er sagte seinen Ticks den Kampf an. Das Tanzen wirkte sich nach und nach positiv auf Dominiks Entwicklung aus.

Dominik bei seinem Auftritt beim Wiener Opernball im Jahr 2009.

Was haben Sie gedacht, als Sie erfahren haben, dass Dominik den Wiener Opernball 2016 eröffnen wird?

Mein Gefühl war unbeschreiblich. Ich freute mich für Dominik, hatte aber auch Angst, dass er enttäuscht wird. Er tanzte 2009 bei der Eröffnung mit und seitdem sehnte er sich nach einem neuen Einsatz. Als er 2015 die Chance bekam, aber kurz nach der Generalprobe mit hohem Fieber im Bett bleiben musste, brach für ihn eine Welt zusammen. Dass Dominik wieder eine Chance bekommen soll, glaubten wir nicht.

Dominik auf dem Wiener Opernball 2016 mit Partnerin Marina Pena im Originalkostüm.

2016 stand Dominiks Name wieder auf der Liste der ausgesuchten Kandidaten für das Jubiläum des Opernballs. Sein Entschluss, diesen Opernball als Erfolg gegen die Ticks zu nutzen, stand fest. Ich konnte ihm zuerst nicht wirklich glauben. Ich dachte, er bildet sich das nur ein. Gespannt, wollte ich auf jede Tanz-Bewegung von Dominik achten. Als ob ich etwas daran ändern könnte. Vor zu viel Aufregung übersah ich ihn meistens. Als alles vorbei war, war ich die glücklichste Mutter der ganzen Welt. Und Dominiks Glück war noch größer.

Lebt Dominik heute ohne Ticks?

Ja, er ist zu 99 Prozent tickfrei und das seit einem Jahr. Seit diesem "Wunder"-Ball! Kleine nicht nennenswerte Ticks sind extrem selten und das nur bei Aufregung. Sonst nichts. Zuerst hatte ich Angst, glaubte an eine vorübergehende tickfreie Phase, musterte ihn ganz genau. Die längste tickfreie Phase dauerte bis zu zwei Monate. An ein Wunder, obwohl ich mir dieses so sehr wünschte, konnte ich anfangs nicht glauben. Erst ein halbes Jahr danach glaubte auch ich, dass alles vorbei war. Jetzt ist ein Jahr vergangen und die Ticks sind nicht zurückgekehrt. Dominik hat scheinbar das Unmögliche möglich gemacht. Unser Glück ist unbeschreiblich.

Dominik und seine Mutter Admira Vaida, die ihre Erfahrungen in "Tick" verschriftlicht hat.

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