Laktoseintoleranz - die Milch macht's!

Ständig Bauchweh, Übelkeit, Durchfall - unangenehm! Vielleicht steckt ja eine Laktoseintoleranz dahinter: Wer darunter leidet, verträgt keine Milch.

Eben noch völlig unbekannt und plötzlich schon überall. Manche Karrieren verlaufen wie im Zeitraffer. So geht es auch dem Ding mit Namen Laktoseintoleranz. Die Kollegin hat es seit einem Jahr, der Mann einer Freundin nur unwesentlich länger, die Cousine seit ein paar Wochen. Doch was ist das eigentlich, was da so plötzlich zum Massenproblem geworden ist - und bin ich am Ende selbst betroffen?

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Laktoseintoleranz - was ist das überhaupt?

Keine Krankheit und keine Allergie. Mit dem Immunsystem hat Laktoseintoleranz oder Milchzucker-Unverträglichkeit nichts zu tun. Eigentlich ist es für erwachsene Menschen - wie für jedes andere Säugetier auch - sogar normal, keine Milch zu vertragen. Probleme macht ihnen dabei der Milchzucker, die Laktose. Um diesen in verdaubare Einzelteile zu zerlegen, braucht der Körper nämlich das Enzym Laktase. Gelangt der Milchzucker dagegen ungespalten bis in den Dickdarm, wird er von den dort anwesenden Bakterien vergoren. Dabei entstehen erstens Gase - Resultat: Blähungen - und zweitens Milchsäure - Resultat: Durchfall, denn die Säure zieht Wasser in den Darm.

Bei Babys funktioniert das Enzym Laktase in den allermeisten Fällen tadellos - für sie ist es ja auch lebensnotwendig, große Mengen (Mutter-)Milch zu verdauen. Mit etwa 16 Monaten lässt die Aktivität des Enzyms dann aber immer mehr nach - parallel zur veränderten Ernährung des älter werdenden Kindes. Fast jeder Asiat oder Afrikaner verträgt deshalb als Erwachsener keinen Milchzucker.

Global und biologisch gesehen Ausnahme ist dagegen, was in Mittel- und Nordeuropa als Regelfall gilt: Milch in jedem Alter problemlos zu sich nehmen zu können. Der Gendefekt, der eine lebenslange Enzym-Aktivität beschert, ist wohl erst ein paar tausend Jahre alt und stammt aus der Zeit, als für unsere Vieh züchtenden Vorfahren Milchprodukte zum Grundnahrungsmittel wurden.

Laktose-Intoleranz - nur eine weitere Modekrankheit?

Richtig ist: Bei immer mehr Menschen wird eine Milchzuckerunverträglichkeit festgestellt. Aber deswegen wird der Enzymmangel an sich nicht häufiger. Etwa 15 Prozent sind hierzulande betroffen. "Und diese Zahl wird sich auch in Zukunft nicht verändern", so Professor Christine Behr-Völtzer, Oekotrophologin an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg.

Allerdings bemerkt bei weitem nicht jeder Betroffene sein Verdauungsproblem: Viele Erwachsene nehmen eh kaum Laktosehaltiges zu sich. Eine Schüssel Milchreis oder Vanillepudding zu verdrücken, ist für viele allenfalls eine Kindheitserinnerung.

Oder hat sich doch etwas geändert in unserer Ernährung, dass neuerdings immer mehr ihren Enzymmangel leidvoll bemerken? Mögliche Kandidaten: Fertigprodukte, die wir immer häufiger essen und die oft Laktose enthalten, oder - überraschender: der Latte macchiato. Bis vor wenigen Jahren kannte man den hierzulande genauso wenig wie Coffee-Shops an jeder Ecke. Und Hauptbestandteil der Kaffeevariante ist nun mal Milch. "Das ist oft mehr, als viele im Alltag jemals zu sich nehmen würden", sagt die die Münchner Ernährungswissenschaftlerin Dr. Imke Reese. Und entsprechend heftig können die Beschwerden danach ausfallen.

Wie lässt sich feststellen, ob ich betroffen bin?

Bauchschmerzen, Durchfall und Übelkeit bis hin zu Kopfschmerzen und Migräne. Die Symptome einer Laktoseunverträglichkeit sind vielfältig. Und sie treten nicht jedes Mal auf, wenn Milch oder Milchprodukte verzehrt werden. "Für die Betroffenen ist es schwer, die Beschwerden in ein logisches Konzept zu bringen", weiß Imke Reese.

Denn nicht alles aus Milch enthält gleich viel Milchzucker. So macht vielleicht das Rahmgemüse zum Mittag Probleme, nicht aber das Käsebrot zum Abendessen. Zum anderen bestimmt nicht die Menge allein das Ausmaß der Beschwerden. Joghurt zum Beispiel enthält zwar Milchzucker, aber Joghurt- Bakterien helfen unserem Körper sozusagen bei dessen Verdauung.

Auch eine deftige Mahlzeit, die reich an Fett und Eiweißen ist, macht es dem Körper leichter, mit Milchzucker umzugehen. Denn diese liegt uns lange im Magen und wird erst nach und nach in den Dünndarm entlassen. Und portionsweise bewältigt der ansonsten schwächelnde Rest des Enzyms den Milchzucker oft gut.

Eindeutiger als an Symptomen lässt sich die Unverträglichkeit durch medizinische Testverfahren feststellen. Beim H2-Atemtest etwa trinkt man Laktose-Lösung, gemessen wird dann in bestimmten Abständen der Wasserstoffgehalt der ausgeatmeten Luft. Dieses Gas entsteht, wenn Laktose im Darm gärt, statt verdaut zu werden. Manchmal versagt die Milchzucker-Spaltung übrigens auch, weil andere Verdauungsprobleme vorliegen. So geht etwa die Darmerkrankung Zöliakie oft mit einer Milchzuckerunverträglichkeit einher, die sich allerdings bessert, wenn der Darm insgesamt gesundet.

Durch einen Gentest - zum Beispiel aus Zellmaterial eines Wangenabstrichs - lässt sich eindeutig feststellen, ob jemand nur zeitweise, als Folge einer anderen Erkrankung, oder generell, aufgrund seiner Erbanlagen keinen Milchzucker verträgt. Trotzdem empfiehlt Ernährungsexpertin Reese den Gentest nicht zur Diagnostik. Denn nicht für jeden, der die genetische Veranlagung in sich trägt, ist diese überhaupt relevant. Ob und in welchem Ausmaß das Enzym tatsächlich mit steigendem Alter seine Arbeit einstellt, hängt auch von Umweltfaktoren ab. Zum Beispiel davon, wie viel Milch man in jungen Jahren trinkt.

Was kann ich gegen Laktoseintoleranz tun?

Heilen lässt sich Laktoseintoleranz nicht. Wer darunter leidet, muss daher bestimmte Lebensmittel meiden, wenn er Bauchweh, Übelkeit und Durchfall verhindern will. Völlig auf Milchprodukte verzichten müssen aber die wenigsten Betroffenen - Butter oder Hartkäse etwa enthalten nur wenig Laktose.

Text: Antje Kunstmann

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