Vagusnerv: Weshalb er so wichtig ist

Er ist das neue It-Piece unter den Körperteilen: der Vagusnerv, der Hirn, Organe und Darm vernetzt und für Ruhe und Erholung sorgt. Wenn wir ihn ein bisschen pflegen, revanchiert er sich. Und wie!

Die meisten kennen ihn immer nur noch vage – auch wenn er gerade zum vermutlich angesagtesten Körperteil avanciert. Die Rede ist vom Vagusnerv, Zentralnerv des ­Parasympathikus, also des Teils im ­Nervensystem, das für Regeneration und innere Balance zuständig ist. Er verläuft vom Hirnstamm den Rachen hinunter, am Herzen vorbei und verzweigt sich dann im unteren Bauch.

Wie ein riesiges Kabel vernetzt er Hirn, Organe und Darm.

Wie ein riesiges Kabel vernetzt er Hirn, Organe und Darm. ­Seine Aufgaben sind unter anderem, den Herzschlag zu verlangsamen, Stresshormone runterzupegeln, den Verdauungsprozess zu stimulieren und die Geschlechtsorgane zu durchbluten. Und er ist der Gegenspieler des Sympathikus – das ist der Teil im vegetativen (also unbewusst gesteuerten) Nervensystem, der uns in Leistungs- oder schwierigen Situationen auf Trab hält.

Aus dem Gleichgewicht gebracht

Eigentlich ist unser Organismus so aufgebaut, dass die beiden Systeme sich die Waage halten – auf Anstrengung und Alarmbereitschaft müssen Ruhe und Entspannung folgen. Aber unser moderner Lifestyle hat das gesunde Up und Down der beiden Nervenbündel bei vielen komplett aus dem Lot gebracht. Wer dauergestresst, ruhelos und unfroh ist, lässt dem Vagus – oder eben Parasympathikus – überhaupt keine Zeit mehr, zum Einsatz zu kommen. Dabei ist ausgerechnet er einer, der seine Freiheit braucht, um optimal schwingen zu können.

Sein Name kommt vom Lateinischen "vagare", umherwandern, weil der magische Nerv wie ein Vagabund fast überall in unserem Körper umherwandert. Und wie die meisten Wanderer braucht er Gelassenheit, um loslegen und seine Kräfte entfalten zu können. Stanley Rosenberg, ein berühmter Körpertherapeut und Autor des Buchs "Der Selbstheilungsnerv", sagt, dass nur ein Körper, der sich in völliger Sicherheit wiegt und in einem tatsächlichen Zustand von Ruhe befindet, dem Vagusnerv den Raum gibt, um agieren zu können. Er weiß aus Erfahrung: Verspannungen oder Schmerzen etwa osteopathisch zu therapieren, wenn ein Klient ängstlich oder verkrampft unter seinen Händen liegt, ist aussichtslos.

Entspannung in 3 Minuten

Die "Aufweck"-Übung

Der Grund dafür ist, dass es eigentlich zwei Vagusstränge gibt: einen hinteren und einen vorderen. Wenn der Organismus unter Stress steht oder einer traumatischen Situation ausgesetzt ist, fällt der hintere Teil in eine Art Starre. Wenn wir diese nicht lösen (etwa durch Entspannungstechniken oder therapeutische Hilfe), kann der vordere Teil Ro­senberg zufolge überhaupt nicht in ­Aktion treten. In seinem Buch schwört der Therapeut auf eine verblüffend simple "Grundübung", die durch einfaches Wenden des Kopfs und einen bestimmten Fokus der ­Augen den Vagus wieder "aufweckt" (einmal nach links, einmal nach rechts gucken). Ein Entspannungsreflex, der dann einsetzt, so wie es auch den Fluchtreflex bei Stress gibt.

Aber warum kommt unser Ruhenerv eigentlich heute so kurz? Das Schlimmste, was wir ihm antun, ist, dass wir vergessen, richtig zu atmen. Es passiert dauernd. Wenn wir uns ärgern, auf eine unsympathische Kollegin treffen, uns Netflix-Serien reinziehen, die Dinge uns über den Kopf wachsen oder der Klimawandel uns Angst macht, atmen wir flach und nehmen wenig Sauerstoff zu uns. Die Folge dieser Atemlosigkeit: Es entsteht weniger vom wichtigsten Botenstoff des Vagus (Acetylcholin), die neuronale Signalübertragung kommt ins Stocken, der Vagus verkümmert.

Bewusstes Atmen als Erste-Hilfe

Die beiden Ärzte Ursula Eder und Franz J. Sperlich vergleichen in ihrem aktuellen Buch "Das Parasympathikus-Prinzip" unseren modernen Alltag ziemlich anschaulich mit einer Autofahrt mit permanent durchgedrücktem Gaspedal – ohne Rücksicht auf Verluste (die da wären: Dauereinsatz des Sympathikus, Flutung mit dem Stresshormon Noradrenalin).

Wir finden die Bremse nicht, während der Parasympathikus vergeblich ruft: Halt an, wir müssen auftanken oder schauen, ob etwas repariert werden muss! Um nun die rasende Fahrt abzubremsen, müssten wir – als Erste-Hilfe-Programm – erst mal nur tief ein- und ausatmen. Wirklich? Ja! Denn das ersehnte Acetylcholin ist wahnsinnig schnell im Einsatz, es braucht nur 0,15 Sekunden, um zu wirken.

Eder und Sperlich stellen fest: "Eine Ansteuerung des Parasympathikus kann mit nur einem einzigen Aus-Atemzug den Herzschlag innerhalb eines einzigen Intervalls zwischen zwei Herzschlägen schon messbar verlängern und damit Ressourcen aufbauen." Das klingt vielleicht banal, ist aber der Einstieg, um den vernachlässigten Nerv aus seiner Verspannung zu lösen. Schon einige mitteltiefe bis tiefe Atemzüge mehrmals am Tag bedeuten, dass wir dem Gehetztsein das Stopp-Schild hochhalten. Eder und Sperlich empfehlen, sich ein spezielles Armband oder einen Wecker zuzulegen, die uns daran erinnern, unsere Flachatmungsroutine zu durchbrechen. Oder unangenehme Situationen selbst als Alarmsignal zu nehmen, um just in dem Moment die Lungen zu weiten, die Rippen zu dehnen und Dampf abzulassen.

Wer sich dann tatsächlich Luft verschafft hat, geht in den Fortgeschrittenenkurs für den Supernerv: Wasser tut ihm gut (Bäder, Saunagänge, Wechsel­duschen), Singen (bringt ihn zum Vibrieren), Grübelpausen, Intervall­fasten, Schlafen, Meditation und natürlich Yoga (speziell im Kundalini-Yoga gibt es Übungen, die extra auf den Vagus abzielen).

Vagus-Stimulation - Einsatz in vielen Bereichen

Mittlerweile wird die Vagus-Stimulation auch bei der Behandlung von Depressionen, Migräne und Appetitlosigkeit eingesetzt. Ein winziges Gerät, unter die Haut verpflanzt, sendet dazu minimale Stromstöße durch den Körper – eine Behandlung, die bei einer Vielzahl von Patienten anschlägt. Das funktioniert womöglich auch deshalb, weil ein stimulierter Vagus nachweislich Entzündungen im Körper runterfährt. Und depressive Symptome, die durch eine Entzündung entstanden sind, lassen sofort nach.

Der britische Psychiatrie-Professor Edward Bullmore, der den Vagus für einen tollen Kämpfer gegen seelische Tiefs hält, weiß, wie die ­Stimulation auch ohne Apparat funktioniert: "Einfach, wenn wir uns elend fühlen, immer wieder die Ohr­muschel massieren. [Den äußeren oberen Part, den Tragus, aber auch den Bereich direkt über und neben dem Gehörgang; Anm. der Red.] Das hilft."

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BRIGITTE WOMAN 05/2020

Wer hier schreibt:

Katja Nele Bode
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