Die Pille für schöne Haut - ist es das Risiko wert?

Die Pille verspricht schöne Haut und kräftige Haare. Dabei kann gerade die aktuelle Pillen-Generation schwere Nebenwirkungen haben.

Kathrin Weigele wollte eigentlich nicht die Pille nehmen. "Ich ging zum Arzt, um mich über Verhütungsalternativen zu informieren", erzählt die 30-Jährige. "Doch mein Gynäkologe sagte, es gäbe neue, niedrig dosierte Präparate, mit denen er gute Erfahrungen gemacht habe. Auf andere Verhütungsmethoden ging er gar nicht ein." Sie ließ sich überreden, bekam eine kostenlose Probepackung der "Yasmin" und begann mit der Einnahme. "Ich dachte, ich würde ein besonders schonendes Präparat nehmen."

Wenige Wochen später merkte die damals 24-Jährige, dass etwas nicht stimmte. Sie hatte Schmerzen in Rücken und Brust, war ständig müde. "Ich bereitete mich damals auf mein Jura-Examen vor und saß viel am Schreibtisch. Alle dachten, der strapazierte Rücken und meine Psyche seien die Auslöser der Beschwerden." Monatelang kämpfte sie sich durch Krankengymnastik und Arztbesuche.

Als Kathrin Weigele nicht einmal mehr die Treppe zu ihrer Wohnung schaffte, suchte sie Gewissheit. "Ich bestand auf einer Computertomografie. Keine fünf Minuten später lag ich auf der Intensivstation." Die Diagnose: Lungenembolien, mehrere Blutgerinnsel verstopften die Gefäße. Die Ärzte gaben ihr eine Überlebenschance von fünf Prozent für die nächsten fünf Jahre.

Eine Folge der Pilleneinnahme? Kathrin Weigele sagt, dass Risikofaktoren wie Blutgerinnungsstörungen oder familiäre Vorbelastungen ausgeschlossen wurden. Sie ist nicht übergewichtig, raucht nicht. "Es bleibt nur die Pille als Auslöser."

Verlockend: keine Wassereinlagerungen, schönere Haut und Haare

Dabei sieht die bunte Packung mit Schminkspiegel so harmlos aus, kaum mehr wie ein Medikament. Und dann die verlockenden Nebeneffekte: keine Wassereinlagerungen, schönere Haut und Haare. Gerade junge Frauen und Teenager, die viel Wert auf ihr Äußeres legen, werden so angelockt.

Und es wirkt: In diversen Online-Foren wird darüber diskutiert, welche Antibabypille am besten gegen Pickel wirkt. Die Hersteller ziehen mit. "Die Pille mit Beauty-Effekt" und "Mit der Pille das Gewicht halten", titelt eine Internetseite von Jenapharm. Die Tochterfirma des Pharmakonzerns Bayer verspricht: "Moderne Pillen können viele Wünsche, die Mädchen und Frauen an ihr Verhütungsmittel haben, wahr werden lassen."

Viele dieser modernen Pillen enthalten das Gestagen Drospirenon. So auch die Verkaufsschlager "Yasmin", "Aida" oder "Yaz". Drospirenon wirkt antiandrogen, hemmt also männliche Hormone und kann zum Beispiel Akne effektiv bekämpfen. Zudem wird die Ausscheidung von Wasser leicht erhöht, das verhindert Einlagerungen.

Und die Pille ist und bleibt eines der sichersten Verhütungsmittel. Professor Kai J. Bühling, Leiter der Hormonsprechstunde am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, bestätigt die positiven Effekte. "Zwar erhöht die Pille das Thrombose-Risiko, Unterschiede zwischen Pillen mit verschiedenen Gestagenen sind aber sehr schwer nachzuweisen, da Thrombosen äußerst selten sind", so Bühling.

Studien aus den Niederlanden, Schweden, Großbritannien und den USA bestätigen, dass sich die Thrombose-Gefahr unter Drospirenon verdoppelt oder sogar verdreifacht. Der Gynäkologe Bühlung bleibt kritisch: "Natürlich kann man sagen, dass es eine Verdopplung ist, wenn statt drei von 10.000 nun sechs von 10.000 Frauen eine Thrombose bekommen. Aber es bleibt ein sehr geringes Risiko."

Bayer selbst ist weiterhin überzeugt, dass der Nutzen der Drospirenon-haltigen Pillen höher als deren Risiko ist, und übernimmt in Deutschland keinerlei Verantwortung. In den USA hingegen hat der Konzern bereits 400 Millionen Euro Entschädigung in Vergleichen mit Klägerinnen gezahlt. Ein Schuldeingeständnis? Auch das Arzneimittel-Telegramm und die Barmer Ersatzkasse warnten bereits vor der Einnahme der Drospirenon-haltigen Pillen.

Die Pille ist kein Bonbon für die Schönheit

Bei der Selbsthilfegruppe Drospirenon-Geschädigter, die Kathrin Weigele mit drei anderen Betroffenen ins Leben gerufen hat, meldeten sich hunderte Frauen. Auf der Website www.risiko-pille.de finden sich allein 60 Erfahrungsberichte über Embolien, Schlaganfälle und sogar Todesfälle. "Wir vermuten, dass die Dunkelziffer extrem hoch ist", so Kathrin Weigele.

Die Marketing-Maßnahmen, die bunten Verpackungen, die Versprechungen, all das empfindet die Jura-Studentin als "irreführend und heimtückisch". Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft hat inzwischen ein Fazit gezogen: Frauen unter 30 und deren Ärztinnen und Ärzte sind dazu angehalten, lieber ein Levonorgestrel-haltiges Präparat zu nehmen.

Und natürlich muss der Gynäkologe Frauen in jedem Alter über das Risiko und mögliche Warnsymptome, wie Schmerzen und Schwellungen in den Beinen, aufklären. Frauen, die rauchen, unter Bluthochdruck leiden, bestimmte Vorerkrankungen (wie etwa Infarkte) haben oder andere Krankheiten, die das Thrombose-Risiko erhöhen - dazu zählen Gerinnungsstörungen oder starkes Übergewicht -, sollten insgesamt andere Verhütungsmethoden als die Antibabypille nutzen.

Kathrin Weigele hat die Prognose der Ärzte zum Glück übertroffen - ein "kleines medizinisches Wunder" nennt sie sich selbst. Gesund ist sie nicht: Seit sechs Jahren lebt sie mit Embolien in der Lunge, geht zur Reha, nimmt Medikamente. Sie hofft, dass andere Frauen ihre Geschichte als Warnung sehen. "Ich wünsche mir, dass junge Mädchen nicht so naiv sind und die Pille wie ein Bonbon für die Schönheit schlucken."

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Text: Anna Brüning
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