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Vitalstoff-Infusion Wie gut sind sie?

Vitalstoff-Infusion: Obst und Vitamine
© Yulia YasPe / Shutterstock
Nahrungsergänzungsmittel schlucken war gestern: Heute gibt es Vitamin C bei Erkältungen oder Eisen gegen Abgeschlagenheit intravenös. Wie wirksam sind solche Vitalstoff-Infusionen?
Kirsten Hoffmeister

Das vorweg: Eigentlich braucht sie kaum jemand. Unsere Vitaminversorgung ist nämlich generell gut über das Essen geregelt, sagt zumindest die Deutsche Gesellschaft für Ernährung. Trotzdem nehmen viele Menschen zusätzlich Vitalstoffe ein, um Mangelerscheinungen und Krankheiten vorzubeugen oder zu bekämpfen. Und neben Pulvern, Tabletten und Tropfen werden nun auch hoch dosierte Infusionen und Injek­tionen immer beliebter. Die wichtigsten Fragen:

Welchen Unterschied macht es, ein Vitamin zu schlucken oder es intravenös zu bekommen?

Erstens: Intravenöse Gaben wirken schneller, weil die zugeführte Substanz direkt ins Blut gelangt. Zweitens: Über eine Spritze oder einen Tropf können höhere Dosen eines Wirkstoffs verabreicht werden als über Tabletten und Tropfen. Drittens: Die sogenannte Bioverfügbarkeit ist höher. Wenn du Tabletten oder Tropfen nimmst, müssen diese erst über die Schleimhäute des Magen-Darm-­Traktes wandern, bis sie im Blut ankommen und dann in die Zellen gelangen. Das dauert in der Regel zwischen zehn Minuten und mehreren Stunden. Zudem geht auch ein Teil des Wirkstoffs im Darm und in der Leber verloren, etwa weil wie beim Vitamin C die Transportplätze durch die Darmwand in den Blutkreislauf begrenzt sind. Die verabreichte Menge kann dann gar nicht vollständig im Blut ankommen. Darum erreicht man mit Infusionen ­wesentlich hö­here Blutspiegel, also Wirkstoffkon­zentrationen.

Welche Vitalstoffe eignen sich für Infusionen und wem werden sie empfohlen?

Es gibt noch nicht viele Studien über Vitalstoffe, die hoch dosiert und intravenös verabreicht werden. Vergleichsweise gut erforscht sind hoch dosierte Gaben des Spurenelements Eisen. Besonders Frauen, die sich vegetarisch ernähren oder sehr starke Monatsblutungen haben, leiden häufig unter Eisenmangel. Naturheilkundlich arbeitende Ärztinnen und Ärzte wie Prof. Peter Gündling, Facharzt für Allgemeinmedizin und Naturheilkunde aus Bad Camberg, schwören zudem auf hoch dosierte Vitamin-C-Gaben, vor allem bei Erkältungskrankheiten. Gute Ergebnisse hat man auch mit Vitamin- B¹²-Injektionen erzielt. Sie helfen Patient*innen, die unter den Folgen eines Vitamin-B¹²-Mangels leiden und z. B. mit depressiven Verstimmungen zu kämpfen haben. Besonders Veganerinnen, Menschen mit Gastritis oder solche, die eine schwere Magen-Operation hatten, sind betroffen. Studien zeigen aber, dass Spritzen in den Muskel keine höheren ­Blutspiegel bringen als Tabletten.

Kann man mit hoch dosiertem Vitamin C wirklich Infekte bekämpfen?

Hier herrscht zwischen Schulmedizin und Naturheilkunde Uneinigkeit. Peter Gündling hat sehr gute Erfahrungen gemacht. "Als Stoßtherapie kann Vitamin C aufkommende Erkältungen schon im Keim ersticken oder zumindest dafür sorgen, dass die Krankheit wesentlich schwächer und kürzer verläuft. Schon durch eine einzige Infusion mit 7500 Milligramm Vitamin C erreicht man eine ausgeprägte Stimulation der weißen Blutkörperchen, der Immunglobuline sowie des Interferons – alle drei verantwortlich für die Stärkung der Abwehrkräfte." Anhaltende Infekte ließen sich durch ein- bis dreimal mindestens vier Gramm Vitamin C intravenös in den Griff bekommen. Auch bei Infektionen wie etwa der Gürtelrose (Herpes zoster) sieht Gündling einen Nutzen, ebenso bei der Behandlung von Krebs. "Hohe Vitamin-C-Gaben lindern die Nebenwirkungen von Chemotherapien und Bestrahlungen wie Abgeschlagenheit und Depressionen. Und sie be­schleunigen den Wundheilungsprozess."

Professor Peter Nielsen vom Institut für Biochemie und Molekulare Zellbiologie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf ist skeptischer: "Obwohl die Hochdosis-Vitamin-C-Therapie bei Krebspatientinnen und -patienten als relativ sicher gilt, gibt es bisher keine aus­reichend fundierten Studien mit ­P­lacebo-Kontrollen, sodass die Wirksamkeit noch nicht völlig bewiesen ist."

Erste Hinweise gibt es, dass die Infusionen bei Menschen mit schwerem Corona-Verlauf die Sterblichkeit senken könnten; eventuell hilft Vitamin C, den sogenannten Zytokinsturm, eine lebensbedrohliche Entgleisung des Immunsystems, zu verhindern. Momentan laufen dazu mehrere Studien.

Eisentabletten sorgen oft für Übelkeit. Warum ist die Infusion trotzdem nicht uneingeschränkt empfohlen?

Weil sie zu allergischen Reaktionen führen kann, die im Einzelfall auch schwer sein können. Professor Nielsen, der die Arbeitsgruppe "Eisenstoffwechsel" leitet, rät deshalb zum vorsichtigen Umgang damit. "Eine intravenöse Eisentherapie sollte nur bei Patient*innen vorgenommen werden, die einen massiven Eisenmangel haben. Dies sind meist Menschen, die unter einer chronischen Erkrankung leiden, etwa Morbus Crohn oder Herzinsuffizienz. Auch für die­jenigen, die auf orale Eisenpräparate mit Verstopfung, Übelkeit oder Magendrücken reagieren, können Infusionen sinnvoll sein." Wichtig ist dann, sie unter ärztlicher Aufsicht ausführen zu lassen, um bei Unverträglichkeitssignalen schnell reagieren zu können. Auch die Wahl des Eisenpräparates spielt eine wichtige Rolle. "Moderne Wirkstoffe wie Eisen-Sucrose oder Eisen-Carboxymaltose sind in der Regel recht gut verträglich und können als Infusion verabreicht werden", so Experte Nielsen.

Alternativ zu einer Infusion kann Eisen auch gespritzt werden. Dann sind die Mengen zwar geringer, aber die Verträglichkeit ist meistens gut. Peter Gündling empfiehlt Patientinnen und Patienten bei Eisenmangel zwei Eisen-Spritzen à 100 bis 200 Milligramm pro Woche über vier bis sechs Wochen. Wichtig danach: Lass deine Blutwerte kontrollieren.

Welche Injektionen gibt es sonst noch?

In der Naturheilkunde werden hohe Kalzium- und Magnesiumdosen gespritzt und homöopathische Eigenblutbehandlungen ausgeführt, vor allem um Allergien und Neurodermitis zu bekämpfen. Im Gegensatz zu Eisen und Vitamin C werden diese unter die Haut bzw. in einen Muskel injiziert und können dort ein Depot bilden. Auf diese Weise sollen sie die körper­eigenen Selbstheilungskräfte stimulieren.

Und dann gibt es noch die sogenannten Energie-Booster oder Vi­tamin-Cocktails, die immer mehr Arztpraxen und Heilpraktiker*innen anbieten, intravenös verabreichte Vitalstoff-Mixturen, auch vermengt mit Proteinen und Aminosäuren. Sie sollen beim Entgiften, Abnehmen und Entspannen helfen, die Libido oder Potenz verbessern. Ob dies wirklich stimmt, ist jedoch nicht bewiesen. Oft füllen diese Spritzen vor allem den Geldbeutel von Ärztin oder Arzt. Ohne ausführliche Untersuchung inklusive Blutabnahme sollte man sie sich auf gar keinen Fall verabreichen lassen. "Hoch dosierte Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente sind Medikamente, die nicht nur Wirkungen, sondern auch Nebenwirkungen haben können“, sagt Professor Gündling. Nach Vitamin-C-Infusionen ist es beispielsweise schon zu Ausschlägen, Übelkeit oder Schüttelfrost gekommen. "Eine mögliche Verordnung muss man sorgfältig abwägen und die Patientin als Erstes gründlich untersuchen."

Wann zahlt die Kasse?

Vitalstoff-Cocktails müssen immer selbst bezahlt werden. Eiseninfusionen und Vitamin B¹²-Spritzen werden in Ausnahmefällen sowohl von privaten als auch von gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Und zwar dann, wenn nachweislich eine medizinische Notwendigkeit wie zum Beispiel eine schwerwiegende Mangelerscheinung vorliegt und diese über eine ausgewogene Ernährung oder Nahrungsergänzung nicht behoben werden kann. Ein typischer Fall wäre etwa, wenn eine Patientin einen deutlichen Eisenmangel hat, aber auf Eisenpräparate mit Dauer-­Übelkeit reagiert. Intravenöse Vitamin-C-Gaben bei Infekten werden so gut wie nie übernommen, da die Kassen die Wirkung als nicht ausreichend belegt ansehen.

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