Vorzeitige Wechseljahre: Wenn die Menopause zu früh beginnt

Die Periode nervt. Doch was, wenn sie schon mit Mitte 30 nicht mehr einsetzt? Dass die Wechseljahre zu früh beginnen, kommt gar nicht so selten vor. Woran liegt das?

Erst kamen ihre Tage seltener und unregelmäßig, schließlich blieben die Blutungen immer mal wieder über Monate ganz aus. Dann begann Claudia Klauber (Name von der Redaktion geändert), Kommunikationstrainerin aus München, nachts zu schwitzen, ihre Haare wurden allmählich dünner, sie schlief schlecht. Auf dem Weg zur Arbeit heulte sie in der Straßenbahn, nur weil die Verspätung hatte und sie es nicht rechtzeitig zu einem Termin schaffte.

War der Stress schuld? Vielleicht die vielen Reisen, die Körper und Psyche durcheinandergebracht hatten? An die Erklärung, die die 35-Jährige von ihrer Gynäkologin schließlich erhielt, hätte Claudia jedenfalls niemals gedacht: Sie war in den Wechseljahren. 10 bis 15 Jahre früher als andere Frauen.

Gründe für vorzeitige Wechseljahre

Eine solche Diagnose trifft etwa drei bis fünf Prozent der Frauen in Deutschland - je nachdem, welches Alter man zugrunde legt. Für manche Forscher gelten Frauen, die bei ihrer letzten Regelblutung jünger als 35 Jahre alt sind, als vorzeitig in den Wechseljahren. Andere Experten geben Anfang 40 an. Gründe für den frühen Hormon-Umbau gibt es viele.

Gefährdet sind zum Beispiel junge Frauen, die eine Chemotherapie erhalten haben. "Die aggressiven Medikamente schädigen dann die empfindlichen Eierstöcke", erklärt Prof. Dr. Bettina Toth, Gynäkologin am Universitätsklinikum Heidelberg. So belegen Studien, dass Krebspatientinnen signifikant früher in das Klimakterium kommen.

Eine weitere Ursache: seltene Erkrankungen, wie etwa bestimmte Autoimmun-Krankheiten. Viel häufiger ist aber Folgendes: "Manche Frauen kommen einfach mit einem geringen Eizellvorrat zur Welt", erklärt Prof. Toth. So wie Claudia Klauber.

Wechseljahre lassen sich nicht aufhalten oder umkehren

Jede Frau hat eine bestimmte Anzahl an Eizellen in ihren Eierstöcken, wenn sie geboren wird. Natürlicherweise nimmt dieser Vorrat im Laufe des Lebens ab, bis er schließlich versiegt. Der Körper stellt sich darauf mit seiner Hormonproduktion ein. Sind die Eizellen aufgebraucht bzw. nur noch in so geringer Menge vorhanden, dass die hormonellen Regelkreise des weiblichen Zyklus nicht mehr ineinandergreifen können, hat die Frau keinen Eisprung und keine Periode mehr.

"Die Wechseljahre sind ein ganz natürlicher Prozess. Sie lassen sich nicht aufhalten und auch nicht umkehren", erklärt Expertin Toth. Die letzte Blutung nennen Gynäkologen "die Menopause". Im Schnitt erleben sie deutsche Frauen mit 52 Jahren. Claudia Klauber war 38. "Einige Patientinnen, die frühzeitig in den Wechsel kommen, haben Mütter oder Großmütter, die das auch erlebt haben", sagt Toth. Denn der Umfang des Eizellvorrats ist offensichtlich auch genetisch mitbedingt.

Ursache unbekannt - auch das gibt es!

Manchmal finden die Ärzte aber auch keine Erklärung - so wie bei der jüngsten Patientin, der Gynäkologin Toth die Diagnose "verfrühte Wechseljahre" stellte. Warum das Mädchen mit gerade 18 Jahren immer seltener seine Periode hatte und hormonell betrachtet eigentlich schon Ende 40 war, ließ sich nie klären.

Und auch bei Claudia Klauber fanden die Ärzte keine Antwort. Im Ultraschall war einfach nur zu erkennen, dass ihre Eierstöcke kleiner waren als die anderer Frauen in ihrem Alter - mit deutlich weniger Eizellen. Und der Bluttest bewies zusätzlich, dass die Produktion bestimmter weiblicher Sexualhormone allmählich einschlief.

Wechseljahre? Auch mit 35 klingt das nach körperlichem Verfall

Das - medizinische - Problem dabei: Weibliche Hormone schützen, etwa vor Osteoporose und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Kommt eine Frau normalerweise mit etwa 50 in die Wechseljahre, "reicht dieser Schutz, wenn sie gesund und halbwegs sportlich ist, in der Regel bis ans Lebensende", sagt Toth.

Beispiel Knochenschwund: Ab etwa Mitte 30 baut der Körper Knochenmasse ab. Das Hormon Östradiol sorgt dafür, dass dies nur langsam geschieht. Genau dieses produzieren aber Frauen im vorzeitigen Wechsel erheblich früher nicht mehr - sie haben also ein viel größeres Risiko, später an Osteoporose zu erkranken.

Kann eine Hormonersatztherapie helfen?

Deshalb geben Gynäkologen heute Frauen, die vor 40 in den Wechsel kommen, vorsorglich Hormonpräparate. Sie enthalten einen Mix aus Gestagenen und Östrogenen - und werden üblicherweise bis zu dem Zeitpunkt genommen, zu dem andere Frauen ihre Menopause erleben, also bis Anfang 50. Bei älteren Frauen steht eine Hormonersatztherapie im Verdacht, das Brustkrebsrisiko zu erhöhen.

Ob das auch für Jüngere gilt, ist bislang noch nicht abschließend geklärt. "Hier muss man langfristige Studien mit jungen Frauen abwarten. Bei allen Bedenken gegenüber einer Hormonbehandlung sollte das Risiko, an Osteoporose zu erkranken, jedoch nicht übersehen werden", erklärt Toth. Auch Claudia erhält bis heute eine Hormontherapie mit niedrig dosiertem Hormonpräparat (Östrogen oder das follikelstimulierende Hormon FSH). Seitdem sind Stimmungsschwankungen und auch die nächtlichen Schwitzattacken vorbei.

Wechseljahre? Theoretisch kein großes Tabu mehr. Aber wenn man erst 35 ist, klingt das plötzlich nach körperlichem Verfall im Teilchenbeschleuniger. "Schlagartig fühlte ich mich alt", sagt Claudia. "Ich habe mir dann erst einmal haufenweise Bücher über die Wechseljahre geholt." Sie wollte verstehen, was da in ihrem Körper passierte, und sich eine Portion Mut zwischen den Buchdeckeln abholen.

Es war ihr peinlich, über das Klimakterium zu sprechen

Doch die Frauen, die da so selbstbewusst über eine neue, aufregende Zeit in ihrem Leben schrieben, waren fast so alt wie ihre Mutter. Natürlich sprach Claudia auch mit ihren Freundinnen, aber die waren gerade alle in der Familienphase. Das Thema war ihnen fremd. "Ich tat ihnen leid", erinnert sich Claudia.

Darüber zu reden, dass sie wegen ihrer trockenen Scheidenschleimhaut nun ein Gleitgel brauchte, war ihr peinlich. Ihr Mann hingegen fand es gut, nicht mehr verhüten zu müssen. "Glücklicherweise wollten wir beide auch nicht unbedingt Kinder", sagt Claudia.

Nie wieder Kinder: Genau das ist nämlich für viele das größte Problem der frühen Wechseljahre. Gynäkologin Toth erlebt Patientinnen, die verzweifelt sind, weil es zu einem Zeitpunkt, als sie Familie planten, für Babys zu spät ist. Sie sagt: "Auch wenn frühzeitige Wechseljahre selten sind, würde ich jeder jungen Frau raten, mit Anfang 20 wenigstens einmal beim Gynäkologen im Ultraschall ihre Eierstöcke hinsichtlich der vorhandenen Eizellvorräte checken zu lassen."

Nie wieder Kinder - für viele das größte Problem der frühen Wechseljahre

Sind die Eierstöcke zum Beispiel sehr klein oder sind nur wenige Eizellen vorhanden, kann der Gynäkologe mit einem Hormontest grob abschätzen, ob ein Risiko für das vorzeitige Eintreten der Wechseljahre besteht. "In dem Fall kann die Frau dann beispielsweise entscheiden, ihren Kinderwunsch nicht zu lange aufzuschieben", sagt Toth. Eine weitere Möglichkeit: "Für Frauen mit einem solchen Befund besteht auch die Möglichkeit, Eizellen entnehmen und für später einfrieren zu lassen."

So ist eine Schwangerschaft dann auch noch jenseits der natürlichen Reproduktionsfähigkeit möglich. Die gesetzlichen Kassen übernehmen die Kosten von mehreren tausend Euro jedoch meist ausschließlich bei Frauen, denen eine Krebsbehandlung bevorsteht. Wichtig zu wissen: "Bei manchen Frauen sind die Eierstöcke auch kleiner, wenn sie die Pille nehmen", sagt Toth. Wer den eigenen Eizellvorrat im Ultraschall untersuchen lässt, sollte die Einnahme von Verhütungspräparaten also unbedingt angeben.

Eizellen einfrieren lassen - geht das?

Wenn die Patiententen die Pille absetzen, nehmen die Eierstöcke dann wieder ihre normale Größe an. "Auf die Anzahl der vorhandenen Eizellen hat dieses Phänomen keinen Einfluss", beruhigt Toth. Im Fall ihrer 18-jährigen Patientin riet Toth, ein paar der noch vorhandenen Eizellen entnehmen zu lassen. Diese ruhen nun tiefgefroren im reproduktionsmedizinischem Labor, sodass die junge Frau zu einm späteren Zeitpunkt mithilfe einer künstlichen Befruchtung Kinder bekommen kann.

Dass es dafür bei ihr zu spät war, bedauert Claudia Klauber nicht. Trotzdem hat es lange gedauert, bis sie aufhörte, mit der Diagnose zu hadern. Knapp zehn Jahre sind mittlerweile vergangen, und jetzt fühlt sie sich wieder wohl in ihrem Körper - und seit Kurzem auch endlich nicht mehr so allein: Allmählich kündigt sich bei einigen ihrer gleichaltrigen Freundinnen der Wechsel an.

Welche Symptome deuten auf verfrühte Wechseljahre hin?

Die frühzeitige Menopause, die medizinisch besser unter dem Begriff "Climacterium praecox" oder prämature Ovarialinsuffizienz bekannt ist, beginnt in einem Alter ab 35 bis 40 Jahren. Das Spektrum vorzeitiger Wechseljahrsbeschwerden ist vielfältig und deshalb nicht immer gleich eindeutig zuzuordnen. Typische Symptome der klimakterischen Beschwerden sind unter anderem: das Ausbleiben der Blutung, Schweißausbrüche, Schlafstörungen, Hitzewallungen oder eine trockene Scheide - und diese Scheidentrockenheit hat wiederum Auswirkungen auf das Sexualleben.

Meist stellen die betroffenen Frauen zunächst nur Unregelmäßigkeiten im Zyklus oder prämenstruelle Symptome (PMS) wie Brustspannen fest. Die Diagnose "Prämature Ovarialinsuffizienz" des Gynäkologen ist aus diesem Grund häufig ein Schock für die Frauen, die im Zuge dessen eine Hormontherapie in Betracht ziehen müssen. Nicht nur, damit sie die Wechseljahresbeschwerden in den Griff bekommen, sondern um sich vor Krankheiten wie Osteoporose und Herzerkrankungen zu schützen.

Text: Anne-Bärbel Köhle Ein Artikel aus BRIGITTE 03/15
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