Wann Antibiotika sinnvoll sind – und wann nicht

Mit Antibiotika verbinden wir die Aussicht auf schnelle Heilung – aber je häufiger sie verordnet werden, desto weniger wirken sie. Wann wir die Bakterienkiller wirklich brauchen und wann sie keinen Sinn machen. 

Zunächst die gute Nachricht: Antibiotika werden aktuell immer seltener verschrieben, um 21 Prozent sanken die Zahlen von 2010 bis 2018. Dennoch ist laut Schätzungen der Krankenkassen in Deutschland weiterhin jede dritte Verordnung überflüssig. Denn die Mittel wirken nur gegen Bakterien. "Die meisten einfachen Infektionen aber sind viral bedingt", sagt Professor Gerd Fätkenheuer, Leiter der Infektiologie an der Universitätsklinik Köln und Mitglied im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie. Aber: "Es gibt auch Erkrankungen, bei denen Antibiotika wichtig und unerlässlich sind." Dazu gehören Scharlach, Hirnhaut-, Nierenbecken- oder Lungenentzündungen oder eine eitrige Hautentzündung.

Sinnvoller Einsatz von Antibiotika

Wer dagegen Antibiotika nimmt, ohne dass sie notwendig sind, fördert nicht nur die Entwicklung von Resistenzen, sondern setzt sich auch Risiken aus. Besonders oft treten erhöhte Lichtempfindlichkeit, Verdauungsstörungen oder allergische Reaktionen wie Hautausschläge auf. Möglich sind auch Atemnot, Wassereinlagerung im Gewebe und Blutdruckabfall.

Bedenklicher als akute Nebenwirkungen sind oft die langfristigen Folgen. Denn Antibiotika unterscheiden nicht zwischen schädlichen und hilfreichen Bakterien. Unser Darm und sein empfindliches Ökosystem aus nützlichen Bakterien brauchen Wochen bis Monate, um sich nach einer Antibiotika-Therapie wieder zu regenerieren. Besonders dramatisch ist dies bei Kindern, so Professor Johannes Hübner, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie: "Es wird derzeit diskutiert, ob chronische Erkrankungen wie Asthma, Allergien, aber auch die Neigung zu Adipositas im Zusammenhang mit Antibiotika-Gaben in der frühen Kindheit stehen."

Mittlerweile gibt es auch einen Schnelltest, der bei der Einschätzung hilft, ob Viren oder Bakterien am Werk sind. Aus einem Blutstropfen wird dabei der Entzündungsparameter CRP bestimmt, der nur bei bakteriellen Infektionen gebildet wird. "Der Wert ist natürlich nur ein Puzzleteilchen von vielen", sagt Infektiologe Fätkenheuer. "Fällt der Test negativ aus, ist das aber ein deutlicher Hinweis, dass Antibiotika sinnlos sind." Leider übernehmen nicht alle Kassen die Kosten (ca. 20 Euro).

Kind, Arzt, Nase

Eine weitere Maßnahme, den Verbrauch einzudämmen, ist die "verspätete Rezeptierung": "Der Arzt gibt dem Patienten ein Rezept für ein passendes Antibiotikum – doch mit der Vorgabe, es nur einzulösen, wenn sich die Beschwerden verschlimmern", sagt Gerd Fätkenheuer. Damit wird auch klar, dass wir alle zu einem sinnvollen Antibiotikaeinsatz beitragen können. Höchste Zeit also für ein Update, wann die Mittel wirklich gebraucht werden:

Husten, Schnupfen, Heiserkeit sind kein Fall für Antibiotika. Mit Bettruhe, pflanzlichen Arzneimitteln, dazu Nasenspülungen, Gurgellösungen und Halswickeln ist der Infekt meist schnell wieder überstanden.

Antibiotika müssen sein, wenn es zu einer bakteriellen Superinfektion kommt, wenn also zusätzlich zum Vireninfekt Bakterien eine Entzündung auslösen. Typisch sind dann eine Verschlimmerung der Symptome und hohes Fieber. Übrigens: Die Farbe des Sekrets ist kein verlässlicher Indikator für Bakterien. Also keine Panik bei grünlichem Nasenschleim oder Hustenauswurf. Ist der blutig, sollte man dagegen sofort zum Arzt!

Blasenentzündungen  

sind nicht grundsätzlich ein Fall für Antibiotika. Sind die Betroffenen sonst gesund und beschränkt sich der Infekt wirklich nur auf die Blase, heilt sie meist von alleine aus. Das wurde durch Studien belegt: Bei zwei Dritteln der Frauen reichte erst mal ein entzündungshemmendes Schmerzmittel, nur ein Drittel brauchte doch ein Antibiotikum. Bei ersten Anzeichen einer Blasenentzündung sollte man viel trinken, vorzugsweise Heiltees wie Bärentraubenblättertee, um die Erreger auszuschwemmen.

Antibiotika müssen sein, wenn die Symptome über mehrere Tage unverändert anhalten oder sich verschlimmern, bei Blut im Urin, bei krampfartigen Schmerzen oder hohem Fieber.

Mandelentzündungen

können ebenfalls erst einmal ohne Antibiotika behandelt werden. Bei leichten Beschwerden ohne hohes Fieber können Halswickel, Salbei-Gurgellösungen, das Trinken von heißer Zitrone die Symptome lindern.

Antibiotika müssen sein, wenn die Entzündung durch Streptokokken ausgelöst ist und eitrig wird. Das lässt sich über einen Abstrich klären.

Nach einem Zeckenbiss

muss man nicht sofort aus Panik vor Borreliose prophylaktisch zu Antibiotika greifen. Von allen Personen, die von einer Zecke gestochen werden, infizieren sich nur ca. 1,5 bis 6 Prozent, 0,3 bis 1,4 Prozent von ihnen entwickeln Symptome einer Borreliose. Zunächst sollte man die Haut beobachten. Bildet sich innerhalb von drei bis 30 Tagen eine lokale, ringförmige Rötung um die Einstichstelle, ist das ein Zeichen für eine mögliche Infektion. Auch Gliederschmerzen, Krankheitsgefühl, Lymphknotenschwellung, Fieber, Kopfschmerzen und Übelkeit sind Warnzeichen. Dann sollten Sie sofort zur Ärztin.

Antibiotika müssen sein, wenn der Arzt durch Haut- oder Blutbild eine Borreliose vermutet bzw. nachweist.

Mittelohrentzündungen 

sind bei einseitigen Beschwerden meist eher durch Viren ausgelöst. Mit Wärme, Wickeln und Ruhe ist der Infekt oft schnell wieder überstanden.

Antibiotika müssen sein bei bakteriell bedingter Mittelohrentzündung. Sie ist in der Regel eitrig und beidseitig.

Antibiotika einnehmen: wenn schon, dann richtig

Nachfragen
Verschreibt Ihre Ärztin Ihnen ein Antibiotikum, fragen Sie nach dem Grund, möglichen Nebenwirkungen, wie es einzunehmen ist und ob es andere Medikamente beeinflusst.

Dranbleiben
Antibiotika nicht einfach nach eigenem Gutdünken absetzen, weil man sich besser fühlt. Zudem niemals Reste in der Hausapotheke horten, um sie dann beim nächsten Infekt einzunehmen.

Nachsorgen
Die Darmflora schneller wieder ins Gleichgewicht bringen Naturjoghurt, fermentierte Lebensmittel (Sauerkraut, Kefir oder Dickmilch) und Ballaststoffe wie Inulin und Oligofructose (in Bananen, Pastinaken oder Topinambur).

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BRIGITTE 06/2020

Wer hier schreibt:

Sandra Schulte
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