Wozu Schmerzen gut sind

Er brennt und zieht, er beißt, bohrt und sticht. Schmerz hat viele Gesichter. Und viele Ursachen. Doch wozu sind Schmerzen überhaupt gut?

Ein Schnitt in den Finger, ein umgeknickter Fuß, Anspannung im Job, die wir im Magen spüren. Im Alltag gibt es vieles, was uns weh tut. Schmerzen sind uns vertraut. Sie gehören wie Hunger zu unseren frühesten und eindrücklichsten Sinneserfahrungen. Wie ein bellender Hund machen sie darauf aufmerksam, dass ein Teil des Körpers sofort Beachtung und Fürsorge braucht. So versorgen wir die Wunde, schonen den Fuß, gönnen uns Ruhe. Schmerz ist ein wichtiges Warnsignal unseres Körpers. Er hat eine lebensnotwendige Funktion; Menschen, denen dieses körpereigene Alarmsystem von Geburt an fehlt, werden meist nicht alt. Trotzdem betrachten wir Schmerz nicht unbedingt als einen Freund, sondern eher als Feind.

Schmerzen beunruhigen, ängstigen uns - je heftiger sie sind, umso mehr. Einen verletzten Finger können wir sehen. Doch oft schlägt der Körper Alarm, ohne dass der Grund dafür sofort offen auf der Hand liegt. Wenn es immer wieder in der Schulter zwackt oder im Knie sticht, kann falsche Bewegung schuld sein, aber auch eine degenerative Veränderung im Gelenk oder Stress. Da stellt sich die Frage: Einfach ignorieren, sich mit Hausmitteln selbst behandeln oder schnell zum Arzt? Das ist manchmal keine leichte Entscheidung.

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Auf Spurensuche gehen - mit dem Schmerztagebuch

Zumindest gibt es Faustregeln dafür, wann Schmerzen in professionelle Behandlung gehören. "Wenn ein Schmerz, den man eigentlich schon kennt, sich plötzlich verändert. Oder wenn Schmerzen immer bei bestimmten Belastungen auftreten", sagt Dr. Julika Schön, Anästhesistin in der Schmerzambulanz des Universitätsklinikums Lübeck. Vorsicht ist auch geboten, wenn man fiebert oder nachts von den Beschwerden aufwacht, Gliedmaßen unbeweglich oder taub werden, wenn zu starken Kopf- oder Brustschmerzen noch Übelkeit und Erbrechen kommen. Letzteres kann sogar auf eine Hirnblutung oder einen Herzinfarkt deuten. Generell stimmt die Formel "Je stärker die Schmerzen, umso schlimmer die Erkrankung" jedoch nicht. Tumoren zum Beispiel bereiten anfangs meist gar keine Beschwerden.

Der Weg zur richtigen Diagnose gleicht oft einer Spurensuche. Bei Spannungskopfschmerzen etwa kann ein bestimmter Lebensstil - zu wenig Flüssigkeit, zu wenig Schlaf, zu viel Stress - die Ursache sein. Aber auch eine Infektion, eine Depression oder eine Störung der Schilddrüse kommen infrage. Die Essener Neurologin und Kopfschmerzexpertin Dr. Astrid Gendolla bittet ihre Patienten deshalb, zunächst ein Schmerztagebuch zu führen, in dem sie protokollieren, wann die Beschwerden auftreten. "Die Patienten lernen auf diesem Weg ihren Schmerz selbst besser kennen", sagt sie. "Für manche ist er so stark, dass er wie eine Dauerbelastung erscheint. Durch das Tagebuch wird ihnen bewusst, dass die Attacken vielleicht gar nicht so häufig sind, wie sie sich anfühlen."

Streng genommen entspringt jeder Schmerz unserem Gehirn

Wo der Schmerz herkommt, lässt sich grob an seinem Charakter erkennen. Nervenschmerzen gleichen Stromschlägen, Schmerzen in den Muskeln brennen und stechen, dumpfer, schwer einzuordnender Schmerz stammt oft aus den Organen. Gerade dieser kann sich auch auf die Haut projizieren, auf sogenannte Repräsentationszonen; eine kranke Bauchspeicheldrüse etwa verursacht einen schmerzenden Gürtel um den Oberkörper herum. Wird ein Nerv, der durch verschiedene Bereiche des Körpers verläuft, durch einen Bandscheibenvorfall gequetscht, kann plötzlich nicht nur der Rücken schmerzen, sondern auch ein Arm oder Bein.

Streng genommen entspringt jedoch alle Pein nur einem Teil unseres Körpers: dem Gehirn. Unzählige Schmerzfühler, Nervenenden, stecken in der Haut, den inneren Organen, den Blutgefäßen und reagieren auf Wärme, Druck und Entzündungsbotenstoffe. Ihre Signale werden über Nervenfasern zum Rückenmark transportiert. Wenn es besonders eilig ist, werden hier Reflexe ausgelöst: Dann ziehen wir die Hand vom heißen Bügeleisen zurück.

Alle anderen Reize gelangen zu verschiedenen Zentren des Gehirns, die für die Wahrnehmung von Schmerz zuständig sind, und damit in unser Bewusstsein. Das limbische System, der Teil unseres Gehirns, der die Verarbeitung von Gefühlen regelt, bewertet den Schmerz emotional. Dabei wird unsere Wahrnehmung der Körpersignale durch vieles beeinflusst. Was einem Menschen nur lästig erscheint, ist für andere unerträglich. Depressionen verstärken das Schmerzempfinden ebenso wie Müdigkeit oder das Gefühl, ungeliebt zu sein. Angst geht oft mit Schmerz einher. Beides greift wie eine Spirale ineinander: Ängste steigern den Schmerz, der Schmerz verstärkt die Angst. Wer Angst hat, dass der Schmerz noch schlimmer wird, nicht mehr aufhört, sorgt oft indirekt selbst dafür.

Auch Hormone spielen eine Rolle. Frauen sind zu verschiedenen Zeiten des Zyklus unterschiedlich schmerzempfindlich. Vor den Wechseljahren sind sie schmerzsensibler als Männer - danach gleicht sich das Schmerzempfinden wieder an. Im Klimakterium schmerzen häufig Gelenke oder Muskeln. Diese Symptome können eine Folge der raschen Veränderung des Östrogenspiegels sein. Der Abfall von Östrogen kann auch bei Migränepatientinnen vermehrt Attacken auslösen.

Wie entstehen chronische Schmerzen?

Starker oder dauerhafter Schmerz hinterlässt Spuren. Die Nervenzellen werden empfindlicher und können sogar von sich aus Schmerzbotschaften senden, ohne dass es einen Auslöser gibt. Die Projektionsfelder im Gehirn, auf denen die Signale eines Körperteils abgebildet werden, weiten sich aus. Plötzlich schmerzt dann nicht nur das Knie, sondern auch der Rücken und der Arm. "Ein akuter Schmerz kann, wenn er nicht ausreichend bekämpft wird, in chronischen Schmerz übergehen", schreibt der Physiologe Professor Jürgen Sandkühler in einem Beitrag des Bundesforschungsministeriums. "Das Nervensystem nimmt es sozusagen übel, wenn so etwas nicht behandelt wird." Dabei tragen Menschen unterschiedliche Risiken für eine Chronifizierung, psychische Faktoren spielen eine Rolle, vermutlich auch genetische.

Auch bei akuten Beschwerden bewegen

Als chronisch gelten Schmerzen, die länger als drei bis sechs Monate anhalten, sie werden als eigenständige Krankheit betrachtet. 12 bis 15 Millionen Menschen leiden in Deutschland darunter. Die häufigste Ursache sind Erkrankungen des Bewegungsapparates, besonders Rückenschmerzen. Meist sind die Auslöser dafür unspezifisch; das heißt, nicht die Wirbelsäule ist krankhaft verändert, sondern das Zusammenspiel der Muskeln und Bänder ist gestört, etwa durch Bewegungsmangel und Stress. 85 Prozent der Menschen in Deutschland haben mindestens einmal im Leben Beschwerden im Kreuz, bei zehn Prozent der Bevölkerung sind diese Schmerzen chronisch. Damit es nicht so weit kommt, raten Mediziner dazu, akute Beschwerden rasch mit Medikamenten zu kämpfen und sich nicht zu schonen, sondern zu bewegen.

Bei unspezifischen Rückenschmerzen sollten Ärzte sich auch mit Bilddiagnostik zurückhalten. Denn selbst wenn Schäden gefunden werden, sind sie nicht zwingend die Ursache der Schmerzen. Dr. Helmut Albrecht, Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Klinikums Emil von Behring in Berlin-Zehlendorf, berichtet von einer Studie mit 1000 zufällig ausgesuchten Probanden; jeder vierte hatte Bandscheibenvorfälle, jedoch die wenigsten spürten Beschwerden. "Werden verborgene Depressionen übersehen, haben Rückenschmerzpatienten nach einer Operation in der Regel mehr Schmerzen als vorher", sagt der Mediziner.

Das Gehirn unterscheidet nicht zwischen körperlicher und seelischer Pein.

Schmerzen können auch auf Verletzungen hinweisen, die für niemanden sichtbar sind und für die es keine ausreichende organische Erklärung gibt. Ein Drittel aller Patienten verlässt eine Arztpraxis mit dem Vermerk "ohne Befund", so der Wiener Psychiater und Neurologe Dr. Manfred Stelzig. Trotzdem sind die Signale des Körpers, wie etwa Schmerzen, vorhanden und spürbar; die Mediziner sprechen von "somatoformen Störungen".

Womöglich stecken Erkrankungen wie Depressionen, Ängste oder ein schwerer Erschöpfungszustand dahinter. Auch ein Mangel des Botenstoffes Serotonin, entstanden zum Beispiel durch übermäßige Belastungen, kann eine Ursache für wandernde oder an einer Stelle immer wiederkehrende Schmerzen sein. Die Psyche verschafft sich auf diese Weise über den Körper Gehör.

Manchmal macht sich die Vergangenheit bemerkbar. Das Gehirn speichert belastende Schmerzerfahrungen. Das bleibt meist lange ohne Folgen. In Belastungssituationen kann dieses Gedächtnis jedoch wieder aktiviert werden und sich in körperlichen Symptomen ausdrücken. Menschen, die starke oder lang andauernde Schmerzen erfahren haben, tragen ein deutlich höheres Risiko, später im Leben an chronischen Schmerzen zu erkranken. "Bis zu zehn Prozent der Frauen mit chronischen Rückenschmerzen haben sexuelle Gewalt erlebt", sagt der Psychosomatiker Helmut Albrecht. Auch fehlende Wertschätzung, Ausgrenzung und Isolation können eine Ursache sein, denn das Gehirn unterscheidet nicht zwischen körperlicher und seelischer Pein.

Verdrängte Wut kann auf den Magen schlagen

Es kann sogar Schmerz speichern, den wir nicht selbst durchlitten haben. Beschwerden, die wir bei anderen erleben, prägen sich in das eigene emotionale Schmerzgedächtnis ein. Der Autor und Psychosomatiker Professor Joachim Bauer beschreibt Fälle, in denen Patienten die gleichen körperlichen Symptome entwickelten wie nahestehende Menschen, deren Schmerz sie miterlebt hatten.

Es gibt viele Geschichten hinter dem Schmerz: Manche Menschen bekommen bei Konflikten Kopf- oder Bauchweh. Andere haben als Kind erfahren, dass ihnen jede Verletzung große Fürsorge und Zuwendung einbrachte, und entwickeln unbewusst auch als Erwachsene Beschwerden, wenn der Alltag sie überrollt. Verdrängte Wut kann auf den Magen schlagen oder im Nacken sitzen.

Schmerz ist eine Klage des Körpers, eine Erinnerung daran, wie verletzlich wir sind. Kümmere dich um mich, sagt er. Was für ein Leben führst du da, sagt er. "Die Symptome bedeuten nichts anderes, als dass der Körper so nicht weitermachen möchte", schreibt Manfred Stelzig. "Es geht um ein Verstehen, ein Durchschauen und ein Dazulernen. Und um die Frage, was der Körper braucht, damit es ihm wieder besser geht." Diese Frage muss von Fall zu Fall ganz individuell geklärt werden. Mal ist es einfach nur Ruhe, mal ist es Physiotherapie, mal muss es eine Operation sein. Die Palette an Behandlungs- und Hilfsmöglichkeiten, die den Schmerz lindern können, ist groß und mindestens genauso vielfältig wie seine Ursachen.

Zum Weiterlesen:

  • "Schmerz. Eine Biografie" von Sytze van der Zee (384 S., Knaus)
  • "Krank ohne Befund" von Manfred Stelzig (256 S., Ecowin)

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Text: Natalie Rösner
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