Was ist Focusing?

Maike Heinecken*, 38, fühlte sich im Job extrem gestresst. Erst eine Methode, die Körper und Geist verbindet, half ihr.

Ich bin ziemlich therapieerfahren, auch weil ich mich gern weiterentwickle und dafür interessiere, warum manche Dinge mich so belasten und andere nicht. Aber die Gesprächstherapie war mir zu kopflastig. Da ist es oft über Wochen nicht vorangegangen, weil man ja von der Vernunft her weiß, dass manche Dinge kindisch sind, und trotzdem darin gefangen bleibt. In der Körperarbeit, die ich dann ausprobiert habe, habe ich zwar ganz viel in mich hineingespürt, aber dafür fehlte die Verbindung zu meinem Kopf, meinen Gedanken.

Ein großer, leerer, dunkler Raum - seinem Gefühl auf die Spur gehen

Focusing dagegen verbindet Kopf und Körper. Genau das, was ich immer gesucht habe. Meine erste Focusing-Stunde hatte ich, bevor ich nach der Elternzeit wieder in meinen Beruf als Projektmanagerin in einem dermatologischen Forschungsinstitut eingestiegen bin. Früher hat mich der Stress bei der Arbeit immer regelrecht umgehauen, und daran wollte ich arbeiten. Seitdem gehe ich alle zwei Wochen zum Focusing, und jedes Mal habe ich ein neues Aha-Erlebnis, manchmal kleiner, manchmal größer.

Das sieht dann zum Beispiel so aus: Unter Anleitung meiner Therapeutin Sylvia Glatzer gehe ich dem Gefühl, bei der Arbeit unter Druck zu geraten, auf die Spur. Ihm entspricht eine beklemmende Enge in meinem Brustraum. Und das Bild, das dabei in mir entsteht, ist ein großer, leerer und dunkler Raum. Ich bin gehetzt, habe Angst und finde nichts, woran ich mich festhalten kann. Und dann erkenne ich plötzlich: "Wenn du nicht weißt, wo du hinsollst, dann setz dich einfach hin." Ich setze also dieses Ich in mir hin - und bin, obwohl es nicht die Realität ist, sondern nur ein Bild, sofort komplett entspannt.

Bestimmen und nicht getrieben werden - das ist das Geheimnis

Von außen sieht diese Lösung natürlich ganz einfach aus, aber in dem Moment, in dem man sich so gehetzt fühlt, sieht man ja oft gar nicht die Möglichkeit, sich überhaupt zu entscheiden, sich einfach hinsetzen zu können. Diese Erfahrung wende ich inzwischen auch im Alltag an. Es gibt immer mehr Situationen, in denen ich bemerke, dass das kleine Stressmännchen im Anmarsch ist. Und allein, dass ich es wahrnehme, bringt schon Erleichterung. Statt wieder abzudampfen, schaffe ich es, den Bruchteil einer Sekunde innezuhalten. Das reicht oft schon aus für das Gefühl, wieder eine Entscheidung treffen zu können. Ich bin wieder die, die bestimmt, nicht die, die getrieben wird.

Fakten zum Focusing:

Die Methode wurde von dem österreich-amerikanischen Psychologen Eugene Gendlin begründet und nutzt den Körper, um Ursachen und Lösungen persönlicher Probleme zu finden. "Alles, was wir dazu brauchen, steckt schon in uns drin", sagt Therapeutin Sylvia Glatzer, die Focusing in ihrer Hamburger Praxis einsetzt und auch Fortbildungen zum Thema gibt (Infos und Termine: www.shen-praxis.de).

"Jedes Erleben erzeugt eine körperliche Resonanz, etwa ein Bauchgrummeln. Meist übergehen wir diese Signale, im Focusing aber wenden wir uns ihnen ganz bewusst zu." Dabei muss das Problem nicht genau benannt werden. "Die meisten unserer Blockaden gehen auf unsere früheste Kindheit zurück und sind sprachlich eh nicht zugänglich", so Glatzer. Es reicht, wenn der Klient sich gedanklich auf ein Erlebnis oder eine Frage einstellt und zunächst aufmerksam in sich hineinspürt, etwa wie genau sich ein Gefühl, zum Beispiel Trauer, in ihm zeigt.

Anschließend gilt es, einen Begriff oder ein Bild zu finden, mit dem sich dieses körperliche Signal symbolisieren lässt. Die Therapeutin begleitet dabei, inneres Bild und Empfinden immer wieder abzugleichen. "Focusing ist keine Traumreise, bei der man nur in sich hineinspürt", so Glatzer. "Ich gehe immer wieder zurück in den Kopf und frage ‚Wie ist das für Sie?’ oder ‚Kennen Sie dieses Gefühl?’." Ziel ist der sogenannte "Shift", das heißt eine Stimmigkeit zwischen Symbol und körperlichem Gefühl, die als Erleichterung spürbar ist und neue Klarheit und Lösungen eröffnen soll.

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Bessere Haltung: Frag die Yoga-Lehrerin
BRIGITTE 15/2018

Wer hier schreibt:

Antje Kunstmann
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