Was taugen rezeptfreie Medikamente bei Erkältung?

Die Nase läuft, der Hals kratzt. Wird wohl eine Erkältung... Sie sind schon fast auf dem Weg zur nächsten Apotheke? Nicht so eilig! Welche Medikamente bei Erkältung sinnvoll sind und welche nicht.

Finger weg von kombinierten Grippe-Mitteln

Die Stiftung Warentest ("Handbuch Selbstmedikation") rät vor allem von kombinierten Grippe-Mitteln ab, wie "Aspirin COMPLEX", "Grippostad C" oder "WICK MediNait". Sie sollen bei verschiedenen Erkältungs-Beschwerden helfen. Die Experten der Stiftung Warentest stufen die Kombi-Mittel als "wenig geeignet" ein.

Dieses Urteil begründen die Fachleute so: bei keinem der überprüften Mittel sind die Wirkstoffe sinnvoll miteinander kombiniert. Ein Beispiel: einige Kombi-Präparate, etwa "Wick DayMed Erkältungs-Kapseln" enthalten einen Wirkstoff, der den Hustenreiz bremst (Dextromethorphan - das bei Missbrauch von größeren Mengen zudem wie eine Droge wirkt). Den Hustenreiz sollte man aber nur nachts dämpfen, weil dann der Husten den Schlaf beeinträchtigt. Tagsüber ist Husten hilfreich, weil er gelösten Schleim abtransportiert. Dennoch empfiehlt der Hersteller, "Wick DayMed Erkältungs-Kapseln" tagsüber einzunehmen. Sinnvoll ist das nur, so lange kein Schleim abgehustet wird.

Problematisch ist es aus Sicht der Fachleute auch, Kombinationspräparate einzusetzen, um die Nase zu befreien. Norephedrin ("WICK DayMed Erkältungs-Kapseln für den Tag"), Phenylephrin ("Doregrippin" und "WICK DayMed Erkältungs-Getränk" für den Tag) und Pseudoephedrin ("Aspirin COMPLEX") beispielsweise lassen die Schleimhaut in den Atemwegen abschwellen und befreien so die verstopfte Nase. Klingt angenehm - doch um den Effekt zu erzielen, verengen diese Medikamente die Blutgefäße. Und das kann zu Nebenwirkungen führen, sagen die Experten der Stiftung Warentest. Wie warnen vor allem vor Herzrasen, Blutdruckanstieg, Unruhe und Nervosität. Lokal angewandte Mittel, etwa Nasensprays oder -tropfen, schneiden im Vergleich mit den Kombi-Präparaten wesentlich besser ab; denn diese Mittel lassen viel gezielter nur die Schleimhaut abschwellen.

Antihistaminika wiederum verhindern, dass die Schleimhäute anschwellen. Sie bewirken, dass der Körper das Gewebehormon Histamin nicht ausschüttet. Ob das bei einer Erkältung sinnvoll ist, ist allerdings fraglich. Denn der Schleim in den Bronchien wird dadurch zäher, man kann ihn schlechter abhusten. Zudem machen viele Antihistaminika müde und beeinträchtigen die Reaktionsfähigkeit, was tagsüber problematisch sein kann, etwa beim Autofahren. Zu den Antihistaminika gehören zum Beispiel Doxylamin ("WICK MediNait Erkältungs-Saft für die Nacht"), Diphenylpyralin ("Grippocaps sine") und Chlorphenamin ("Grippostad C").

Generell gilt: Arzneimittel können bei einer Erkältung lediglich die Beschwerden lindern, nicht aber die Ursache behandeln. Statt kombinierter Präparate empfehlen die Experten, gegebenenfalls lieber gezielt mit Einzelsubstanzen (siehe "Halsschmerzen", "Husten" etc.) zu behandeln oder Hausmittel zu nutzen. (Tipps zur Vorbeugung und Hausmittel finden Sie hier)

Wie sinnvoll sind pflanzliche Mittel aus der Apotheke?

Viele pflanzlichen Mittel werden von der Stiftung Warentest schlecht bewertet. Zum Beispiel Sinupret bei Entzündungen der Nebenhöhlen ("wenig geeignet") oder Echinacin zur Stärkung des Immunsystems ("mit Einschränkung geeignet").

Der Grund für dieses eher negative Urteil: Bei vielen Pflanzenmitteln fehlen Studien, die die Wirksamkeit belegen. Man bekommt sie dennoch in der Apotheke, weil es für sie eine Ausnahmeregelung im Arzneimittelgesetz gibt: Mittel, die seit langem genutzt werden, sind zugelassen, obwohl ihre Wirksamkeit nicht nachgewiesen ist.

Dazu Michael Kochen, Professor für Allgemeinmedizin an der Uni Göttingen und Mitglied der Expertengruppe der Stiftung Warentest: "Es gibt meist keinen wissenschaftlichen Beleg, dass die Mittel wirken. Genauso gibt es aber meist auch keinen Beleg, dass die Mittel nicht wirken. Bei unserem Urteil zählt auch der Kosten-Nutzen-Aspekt für die Patienten. Wir wollen sie mit unserer Einschätzung darauf hinweisen, dass solche Studien fehlen, und ihnen damit eine Entscheidungshilfe geben."

Was tun, wenn ich erkältet bin?

Der Experte sagt, dass spätestens nach sieben bis zehn Tagen 95 Prozent aller Erkältungen ausgeheilt sind - übrigens unabhängig davon, ob sich der Patient zu Hause ins Bett legt oder weiter zur Arbeit geht. Letzteres schützt allerdings die Kollegen vor Ansteckung. Denn: So lange jemand hustet oder schnieft, kann er auch andere anstecken. Die Übertragung erfolgt über Tröpfchen.

Sein Rezept für Erkältungs-Patienten: Selbstheilung. Also Hausmittel nutzen und auf den eigenen Körper hören. Wer müde ist, sollte sich ins Bett legen, wer nicht müde ist, bleibt aktiv. Von Sport rät er jedoch eher ab, da das von den Patienten meist als Belastung empfunden wird. Falls sich jemand danach fühlt, kann er seiner Ansicht nach dennoch Sport treiben - so lange es kein Leistungssport ist. Ein Schaden ist nicht nachgewiesen.

Bei starken Beschwerden, wie Kopf- oder Gliederschmerzen, verschaffen Schmerzmittel Linderung (siehe Punkt "Fieber/Schmerzen").

Lediglich bei einer verschwindend geringen Zahl von Patienten habe eine Erkältung schwerwiegendere Folgen, sagt Michael Kochen. Ein Arzttermin ist deshalb seiner Ansicht nach nur bei älteren, oft chronisch kranken Patienten erforderlich oder bei Patienten, die gleichzeitig unter mehreren Erkrankungen leiden.

Auch wenn der Puls unregelmäßig geht oder über 100 Schläge pro Minute erreicht, sollte man zum Doktor gehen - dann ist möglicherweise der Herzmuskel entzündet. Mit einer echten Grippe sollten Sie ebenfalls den Arzt zu Rate ziehen. Sie unterscheidet sich von der Erkältung durch sehr hohes Fieber und ein schweres Krankheitsgefühl.

Erkältungen allgemein - wie gut ist mein Medikament?

Hier finden Sie die Bewertungen der Stiftung Warentest für eine Auswahl der am meisten nachgefragten Erkältungs-Medikamente.

Kombinierte Grippemittel wie "Aspirin COMPLEX", "Grippostad C", "WICK MediNait" oder "WICK DayMed Erkältungs-Getränk für den Tag" Beurteilung: wenig geeignet Begründung: Diese Kombinationspräparate sind nicht sinnvoll zusammengesetzt und zur Behandlung von Erkältungen wenig geeignet. Besser sind Hausmittel oder eine gezielte Behandlung mit Einzelsubstanzen.

Halsschmerzen - wie gut ist mein Medikament?

Kombinationen aus Antiseptika und anderen Substanzen wie "Dolo-Dobendan", "Hexoraletten N", "neo-angin" und "frubienzym Halsschmerztabletten". Beurteilung: wenig geeignet Begründung: Die therapeutische Wirkung bei Halsentzündungen ist nicht ausreichend nachgewiesen. Halsentzündungen werden meist durch Viren verursacht, gegen die die Wirkstoffe nur lückenhaft oder gar nicht wirksam sind. Bakterien in tieferen Schleimhautschichten werden nicht erreicht. "Dolo-Dobendan" und "Hexoraletten N" enthalten zudem den örtlich betäubenden Wirkstoff "Benzokain", der leicht Allergien auslösen kann.

Homöopathische Präparate wie "Meditonsin" und "metavirulent". Beurteilung/ Begründung: Homöopathische Mittel wurden von der Stiftung Warentest gar nicht bewertet. Wegen des "besonderen Denkgebäudes" dieser Therapierichtung sei ein Vergleich mit anderen Arzneimitteln nicht möglich. Informieren Sie sich in unserem Special "Naturmedizin" über Homöopathie und andere natürliche Heilmethoden.

Schnupfen/ Nebenhöhlenentzündung - wie gut ist mein Medikament?

Schleimhautabschwellende Mittel wie "Olynth", "Otriven", "Rhinospray" Beurteilung: zum Teil geeignet Begründung: Die Nasensprays von "Olynth", die ohne Konservierungsstoffe angeboten werden (es gibt "Olynth" auch mit Konservierungsstoffen), werden für das Abschwellen der Schleimhaut als geeignet eingestuft - vorausgesetzt sie werden nur kurzfristig, maximal fünf bis sieben Tage, genutzt. "Otriven" und "Rhinospray" werden aufgrund der enthaltenen Konservierungsmittel etwas schlechter bewertet, mit "auch geeignet". Bei Nebenhöhlenentzündung werden alle drei genannten Mittel nur mit Einschränkung als geeignet bewertet. Die vorliegenden Studien reichen nicht aus, um die therapeutische Wirksamkeit abschließend nachzuweisen.

Salzlösungen wie "EMSER NASENSPRAY", "Olyth salin" oder "Rhinomer" Beurteilung: zum Teil geeignet Begründung: Zur Befeuchtung der Nase sind die Salzlösungen geeignet. Der Schleim wird dünnflüssiger, fließt leichter ab und verkrustete Borken lösen sich besser. Zum Abschwellen der Schleimhaut sind sie dagegen wenig geeignet, da die Wirksamkeit nicht ausreichend nachgewiesen ist.

Kombinierte pflanzliche Mittel wie "Sinupret" oder "Sinuforton Saft oder Kapseln" Beurteilung: mit Einschränkung geeignet (Sinoforton), wenig geeignet (Sinupret) Begründung: Die Präparate sollen Entzündungen in den Nebenhöhlen vermindern oder verhindern und dafür sorgen, dass sich das Nasensekret verflüssigt und besser ausgeschnäuzt werden kann. Die vorliegenden Studien reichen nicht aus, um die therapeutische Wirksamkeit abschließend nachzuweisen. Bei Sinupret kommt hinzu, dass die Kombination der Wirkstoffe als nicht sinnvoll eingeschätzt wird.

Husten - wie gut ist mein Medikament?

Hustenstillende Medikamente bei Reizhusten wie "Silomat", "Tussed", "Neotussan", "Silomat DMP Lutschpastillen", "Wick Formel 44 plus" Achtung: Das Bundesinstitut für Arzneimittel hat wegen der Gefahr von Herzrhythmusstörungen bestimmte Hustenmedikamente mit sofortiger Wirkung vom Markt genommen. Alle Mittel mit dem Wirkstoff Clobutinol dürften nicht mehr verkauft werden, Patienten sollten sie nicht mehr nehmen. Clobutinol dient zur Behandlung von trockenem Reizhusten und ist in den nicht verschreibungspflichtigen Präparaten "Silomat", "Hustenstiller-ratiopharm Clobutinol", "Hustenstiller STADA", "Tussed", "Rofatuss" und "Nullatuss" zugelassen. Das NDR-Politmagazin "Panorama" warnt vor dem Wirkstoff Dextromethorphan, unter anderem enthalten in "Neotussan", "Silomat DMP Lutschpastillen" und "Wick Formel 44 plus". Hintergrund: Bei hoher Dosierung wirke das Mittel wie eine starke Droge - und werde nach den Erfahrungen des Giftnotrufes Berlin auch entsprechend missbraucht (zum "Panorama"-Bericht).

Pflanzliche hustenstillende Mittel bei Reizhusten wie "Isla-Moos" Beurteilung: mit Einschränkung geeignet Begründung: Das Isländisch Moos in "Isla-Moos" soll auf den Schleimhäuten eine schützende Schicht bilden und dadurch den Husten stillen. Die therapeutische Wirksamkeit ist noch nicht ausreichend nachgewiesen.

Sekretlösende Mittel wie "Mucosolvan" oder "NAC-ratiopharm" und pflanzliche sekretlösende Mittel wie "ipalat Halspastillen" oder "Bronchicum" Beurteilung: mit Einschränkung geeignet Begründung: Durch die sekretlösenden Mittel soll sich der Schleim in den Bronchien verflüssigen und dadurch das Abhusten erleichtern. Die bislang vorliegenden Studien reichen nicht aus, um die therapeutische Wirkung der Mittel abschließend nachzuweisen.

Als Alternative bieten sich bei Husten Hausmittel an.

Fieber/ Schmerzen - wie gut ist mein Medikament?

Schmerz- und fiebersenkende Mittel mit Parazetamol wie "Paracetamol-Ratiopharm", "Paracetamol Heumann", "Paracetamol HEXAL", "vivimed N" Beurteilung: geeignet Begründung: Parazetamol dämpft leichte bis mäßig starke Schmerzen und senkt Fieber. Die Wirksamkeit ist ausreichend nachgewiesen

Schmerz- und fiebersenkende Mittel mit Ibuprofen wie "DOLO-PUREN", "Dolormin", "Ibuprofen Heumann" oder "Nurofen" Urteil: geeignet Begründung: Ibuprofen wird in höherer Dosierung vor allem bei Rheuma eingesetzt. In geringerer Dosierung ist der Wirkstoff auch bei leichten bis mäßig starken Schmerzen und Fieber geeignet.

Schmerz- und fiebersenkende Mittel mit Acetylsalicylsäure wie "Aspirin", "ASS" Beurteilung: geeignet Begründung: Der Wirkstoff ist schmerzdämpfend, fiebersenkend und in höherer Dosierung entzündungshemmend. Nachteil: verzögerte Blutgerinnung.

Zum Weiterlesen

"Handbuch Selbstmedikation", Stiftung Warentest. 2006, neu bearbeitete Auflage. 34 Euro. Über: www.stiftung-warentest.de, Telefon: 0 18 05/ 00 24 67.

Text: Monika Herbst Fotos: clipart, dak, Stiftung Warentest Artikel vom 30.10.2006, aktualisiert: Oktober 2007

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