Zahnspangen bei Erwachsenen: Lohnt sich der teure Trend?

Auch im Erwachsenenalter ist es noch möglich, sich mit einer Zahnspange die Zähne richten zu lassen. Aber wie sinnvoll ist die späte Korrektur?

Mareike D. (27) lächelt gern und viel – aber ihren Mund lässt sie dabei lieber geschlossen. Denn die 1,56 Meter kleine Hamburgerin ist mit ihren Zähnen unzufrieden und denkt darüber nach, sie mit einer Zahnspange richten zu lassen. "Nicht nur ich bin klein, mein Kiefer ist es auch. Dadurch wachsen meine Zähne leicht übereinander, insbesondere die Schneidezähne", erzählt die 27-Jährige. 

Kleiner Kiefer – große Probleme?

Das ist nicht nur ein optisches Problem, sondern mittlerweile auch ein medizinisches: "Je weiter die Zähne übereinander wachsen, desto schwerer wird das Putzen in den Zwischenräumen – langfristig kann dadurch sogar das Risiko für Wurzelprobleme oder brüchige Zähne erhöht werden." Deshalb habe Mareikes Zahnärztin ihr geraten, über eine Zahnspange nachzudenken. 

Aber welchen medizinischen Nutzen haben Zahnspangen überhaupt? Diese Frage versuchte das Bundesgesundheitsministerium zu beantworten und gab eine Studie in Auftrag. Deren Autoren kamen 2018 zu dem Schluss, dass eine abschließende Einschätzung dazu derzeit nicht möglich sei, wie es in einer Meldung des Bundesgesundheitsministeriums heißt: "Zwar konnte eine hohe Anzahl an Studien und Dokumenten in den Recherchen gefunden werden, das Material ist zur Beantwortung der zugrunde liegenden Fragen jedoch nur bedingt geeignet." 

Verbesserte Lebensqualität für Patient*innen

Allerdings belegen die Studiendaten, dass sich die Lebensqualität von Patient*innen nach der abgeschlossenen kieferorthopädischen Behandlung ebenso verbessert habe wie Zahnfehlstellungen. Auch Dr. Wolfgang Eßer, Vorsitzender des Vorstandes der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZVB), bestätigt, dass es "(...) vonseiten der Vertragszahnärzteschaft nicht den geringsten Zweifel am Nutzen kieferorthopädischer Behandlungen zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung gibt. Sie sind elementarer Bestandteil einer qualitativ hochwertigen und flächendeckenden zahnmedizinischen Versorgung, die durch Gesetz, Richtlinien und Verträge eindeutig definiert ist."

Immer mehr Erwachsene lassen sich die Zähne richten

Die verbesserte Lebensqualität könnte erklären, warum sich immer mehr Erwachsene dazu entscheiden, ihre Zähne nachträglich doch noch mit einer Zahnspange korrigieren zu lassen. "Circa 40 Prozent unserer Patient*innen sind Erwachsene mit schiefen Zähnen", so Prof. Dr. Bärbel Kahl-Nieke, ärztliche Leiterin des Zentrums für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde sowie Direktorin der Poliklinik für Kieferorthopädie am UKE Hamburg.

Die Behandlung bei Erwachsenen ist lebenslang möglich, es gibt keine Altersgrenzen. Der wichtigste Faktor hierbei ist, dass ausreichend Knochen vorhanden sein muss und dass keine Zahnfleischentzündung vorliegt. – Prof. Kahl-Nieke

Prof. Dr. Bärbel Kahl-Nieke, ärztliche Leiterin des Zentrums für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde sowie Direktorin der Poliklinik für Kieferorthopädie am UKE Hamburg

Dabei spielen optische Gründe für die Korrektur oft eine große Rolle – aber eben nicht nur. Denn Zahnfehlstellungen können auch im Erwachsenenalter noch negative gesundheitliche Auswirkungen haben, beispielsweise auf den Kiefer. "Hierzu gehört neben der Kaufunktion, wenn der Biss nicht mehr passt, die Sprachfunktion, was sich zum Beispiel durch Lispeln bemerkbar macht", erklärt die Expertin. "Häufig wird auch das Zahnfleisch in Mitleidenschaft gezogen, da dieses bei in zwei Reihen stehenden Zähnen dem Druck nicht mehr standhalten kann." Dadurch kann es unter anderem zu Zahnfleischrückgang kommen.

Fehlstellungen entwickeln sich nicht nur im Kindesalter

Zahnfehlstellungen treten nicht in jedem Fall schon im Kindesalter auf, sondern können auch später entstehen. Zu den Ursachen dafür zählen:

  • Durchbrechende Weisheitszähne, die die bestehenden Zähne verschieben
  • Zähne, die in eine Lücke "kippen" oder wachsen, zum Beispiel wegen frühzeitigem Zahnverlust
  • Sogenannte Zahnwanderungen, beispielsweise durch Zähneknirschen ("Bruxismus") oder eine Zahnbettentzündung ("Parodontitis")

Bei verschachtelten Zähnen lässt sich Schmutz nur schwer entfernen, was die Wahrscheinlichkeit für Krankheiten wie Parodontitis, Karies oder eine Entzündung der Mundschleimhaut erhöht.

Bei Mareike stellte sich die Frage nach einer Zahnspange eigentlich bereits in ihrer Kindheit. Aber damals bekam sie keine, weil das Übereinanderwachsen ihrer Zähne als rein ästhetisches Problem beurteilt wurde. "Heute denke ich, man hätte damals auf zahnärztlicher Seite anmerken können, dass der kleine Kiefer im Erwachsenenalter auch ein gesundheitliches Problem darstellen könnte", findet die Hamburgerin.

Welche Methoden zur Zahnkorrektur gibt es?

Nicht für jede Fehlstellung eignet sich jede Zahnspange, weshalb die Entscheidung für ein Modell eine sehr individuelle ist. In dieser Bildergalerie erklären wir die verschiedenen Möglichkeiten zur Korrektur der Zähne:

Zahnspangen bei Erwachsenen verursachen hohe Kosten

Mareike weiß bereits, welche Zahnspange für sie infrage käme: "Für mich eignen sich nur durchsichtige Schienen, da ich einen weichen Zahnschmelz habe und eine feste Klammer den Zähen zu sehr schaden würde." Was sie bisher davon abhält, das Projekt "Zahnspange" wirklich anzugehen, ist aber ein Punkt, der vielen Erwachsenen Kopfzerbrechen bereitet: Die hohen Kosten. Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen nur bis zu einem Alter von 18 Jahren eine Zahnspange, Erwachsene müssen in der Regel ihre Gestelle selbst zahlen, solange keine schwere Kieferanomalie vorliegt. "Die Preisspanne ist in Abhängigkeit von der gewählten Zahnklammer sehr groß, das heißt, für zwei Kiefer können zwischen 5.000 und 10.000 Euro fällig werden", bestätigt auch Prof. Kahl-Nieke.

Unsere Expertin gibt Tipps für den Alltag mit Zahnspange

Sollte sich Mareike dennoch für eine Zahnspange entscheiden, müsste sie neben den Kosten auch noch ein paar andere Dinge bedenken. Prof. Kahl-Nieke gibt Tipps, was man im Alltag mit einer neuen Zahnspange beachten sollte:

  • Die Ernährung sollte so umgestellt werden, dass sich das Risiko für hängenbleibende Essensreste in der Spange vermindert
  • Nach jeder Mahlzeit sollten die Zähne geputzt werden
  • Die Sprache kann beeinträchtigt werden
  • Neugier durch andere Menschen sollte bedacht werden: Je nachdem, wie auffällig die Spange ist, wird man womöglich verstärkt darauf angesprochen
  • Es kommt immer beim Aktivieren oder beim Nachstellen der Klammer zu neuem Druck

Schmerzen oder besser Druckgefühle bei der Behandlung erwachsener Patienten gehören sozusagen dazu. Sie treten klassischerweise nach dem ersten Eingliedern der Zahnspange auf. – Prof. Kahl-Nieke

Immerhin: Laut der Expertin lassen die Beschwerden meist nach ein paar Stunden oder Tagen nach. Bedenken sollten Erwachsene auch, dass die Behandlung von Zahnfehlstellungen bei ihnen in der Regel länger dauert als bei Kindern. Denn ihre Zähne werden, anders als bei den kleinen Patienten, fast nur noch durch den Druck, der für den Knochenaufbau und –abbau sorgt, bewegt. Und dieser Prozess braucht einfach Zeit.

Ist ein schönes Lächeln all das wert?

Mareike denkt jetzt bereits lieber an eine mögliche Zukunft, in der ihre Zähne schon korrigiert wurden. Und sie malt sich aus, wie sich das auf ihr Leben auswirken könnte. "Ich glaube, gerade und schöne Zähne machen auch etwas mit dem Selbstbewusstsein. Dann würde ich auf Bildern zumindest mehr lächeln." Ob ihr dieses Lächeln aber bis zu 10.000 Euro wert ist, bleibt abzuwarten.

Quellen

Frau Prof. Dr. Bärbel Kahl-Nieke, ärztliche Leiterin des Zentrums für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde sowie Direktorin der Poliklinik für Kieferorthopädie am UKE Hamburg

Meldung des Bundesgesundheitsministeriums vom 4. Januar 2019 

Ehrenfeld, M. et al.: Kieferorthopädie, Thieme-Verlag, 2. Auflage 2011

Schmidseder, J.: Ästhetische Zahnmedizin, Thieme-Verlag, 2. Auflage 2008

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