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Hyperaktivität: Gefährliche Farbstoffe


Lebensmittelfarben fördern Hyperaktivität - neue Belege für einen alten Verdacht.

So ganz geheuer waren sie einem ja nie, die unzähligen "E-Nummern", die sich auf den Verpackungen von Lebensmitteln tummeln und diese bunter, haltbarer oder cremiger machen. Aber wahrscheinlich geht es damit vielen so wie mir: Augen zu und durch, also lieber gar nicht erst die Angaben lesen, was wir da so alles in uns reinstopfen, sonst vergeht einem der Appetit schon vor dem ersten Bissen.

Natürlich ist das naiv. Allergien, die manche Zusatzstoffe verursachen, lassen sich inzwischen zahlenmäßig nicht mehr als Einzelschicksale abtun. Schon vor fast dreißig Jahren kam außerdem die These auf, dass so genannte AZO-Farbstoffe Kinder zappeliger machen. Allerdings belächelte man derartige Beobachtungen damals als mütterliche Hysterie, gab es doch keinerlei wissenschaftliche Beweise.

Doch kürzlich sorgte eine britische Studie für Aufsehen, die tatsächlich einen Zusammenhang zwischen ein paar E-Nummern und kindlicher Hyperaktivität nachweisen konnte. Genau ging es um die synthetischen Buntmacher der Nummern E 102, 110, 122, 124 und 129, vor allem enthalten in bunten Limonaden und Süßigkeiten, sowie den Konservierungsstoff E211.

Eigentlich sollten diese Ergebnisse ein Verbot der Zusätze hieb- und stichfest begründen: Immerhin erschienen sie in einem renommierten Fachblatt, die Untersuchung war placebo-kontrolliert und doppel-blind (also niemand wusste, wer E-Mix oder wer E-freien-Drink bekam), umfasste Kinder verschiedener Altersgruppen und maß Aktivität und Aufmerksamkeit durch Beobachtungen, Elternbefragungen und Tests.

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Der Europäischen Lebensmittelbehörde genügte das trotzdem nicht: Die Sicherheit der Farbstoffe wird jetzt noch einmal genauer untersucht. Erst dann wird entschieden, ob sie in unserer Nahrung bleiben dürfen. Mit anderen Worten: Es wird dauern! Und währenddessen müssen die Eltern mühsam selbst drauf achten und Etiketten studieren, was sich ihre Kinder da mit grellen Süßigkeiten und Getränken alles einverleiben.

Zwar hatte die erwähnte Studie tatsächlich einige Mängel, und sie zeigte auch Ergebnisse, die schwer erklärbar sind: So reagierten dreijährige Kinder stärker auf eine niedrige Dosis von Zusatzstoffen als auf eine höhere, im Grundschulalter war es umgekehrt. Außerdem ist weiterhin unklar, wie das bunte Zeug im Kinderhirn wirken und zu vermehrter Hibbeligkeit führen könnte. Natürlich lohnt es sich deswegen, die ganze Sache noch eingehender zu untersuchen.

Allerdings dürften wir Verbraucher erwarten, dass die Beweislast jetzt bei denen liegt, die diese Stoffe verwenden möchten. Stattdessen befinden wir uns, was manche Zusatzstoffe angeht, weiter in einem großen, unkontrollierten Feldversuch. Und beobachten dabei, wie wir jetzt wissen, manchmal sogar die richtigen Zusammenhänge - Jahrzehnte, bevor die Wissenschaft darauf kommt.

Text: Antje Kunstmann Foto: iStockPhoto; Klaus Knuffmann Illustration: Tim Möller-Kaya

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