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Bei Schmerzen schnell 'ne Pille? Warum das keine gute Idee ist!

Ibuprofen
© Shutterstock/ fizkes
Der neue Star unter den Schmerzmitteln heißt Ibuprofen. Sportler und Wanderer nehmen es teilweise sogar schon vorbeugend. Keine gute Entwicklung, finden Experten.

Der Rücken zwickt nach einem langen Bürotag? Ein Infekt zieht herauf? Das Knie pocht nach der letzten Joggingrunde? Ibu wird's richten. Das Schmerz- und Fiebermittel, mit der kumpelhaften Abkürzung ist die neue Volksarznei der Deutschen. Bereits jeder zweite Euro, den Apotheken mit rezeptfreien Schmerzmitteln umsetzen, entfällt darauf.

Zugleich wird kein anderer Wirkstoff derart oft verschrieben: 25,6 Millionen verordnete Packungen Ibuprofen zählte der Arzneiverordnungsreport für 2016. So groß ist die Nachfrage, nicht nur bei uns, dass der Chemiekonzern BASF erst im Juni verkündete, in Ludwigshafen eine neue Produktionsanlage zu bauen, parallel zur Erweiterung seiner Ibu-Fabrik in den USA.

Doping mit Ibuprofen?

"Sowohl Ibuprofen als auch die Konkurrenzprodukte Diclofenac und ASS wirken prinzipiell auf dieselbe Weise", sagt der Krefelder Apotheker Dr. Simon Krivec. "Sie hemmen vor allem ein Enzym, das für die Bildung von Prostaglandinen, wichtigen Schmerzmediatoren, benötigt wird. Durch diese Hemmung wird der Ablauf der Entzündungsreaktion und die Vermittlung von Schmerzen unterbrochen."

Auf diese Weise lindern die Mittel also nicht bloß Kopf- oder Rückenbeschwerden, sie reduzieren überdies Entzündungen und senken Fieber. Auch Naproxen, ein weiteres Präparat, funktioniert nach diesem Muster, im Gegensatz zum Paracetamol, das als Entzündungshemmer wenig taugt. Selbst wenn die Unterschiede zwischen den meisten Schmerzmitteln nicht groß sind: In bestimmten Fällen macht die gezielte Arzneiwahl Sinn.

Ibuprofen, aber auch Diclofenac übertrumpfen die Konkurrenz bei Gelenkschmerzen, Bänderdehnungen, Muskelzerrungen oder Rückenbeschwerden. Apotheker Krivec: "Diese beiden Wirkstoffe hemmen Entzündungen stärker als ASS. Und gerade bei Schmerzen am Bewegungsapparat sind entzündliche Prozesse häufig mitbeteiligt." Deswegen gehören auch Sportler zu den treuesten Kunden für Ibuprofen- Dragees oder Diclofenac-Gels.

Neben diesem sinnvollen Gebrauch registrieren Experten auch einen anderen Trend. "Zunehmend ist zu beobachten, dass Freizeitsportler, die an Langstrecken-Laufwettbewerben teilnehmen, derartige Wirkstoffe auch vorbeugend einnehmen", schrieb die Pharmazeutin Dr. Claudia Bruhn bereits 2013 in der Deutschen Apothekerzeitung. In einer Umfrage unter den Teilnehmern des Bonn-Marathons vor einigen Jahren gestand jeder zweite Läufer, vor dem Start ein rezeptfreies Analgetikum geschluckt zu haben! Auch Bergwanderer oder Mountainbiker dopen sich vor längeren Touren auf diese Weise "schmerzfest".

Ist das Schmerzmittel wirklich so harmlos?

"Bei Aspirin und Paracetamol wissen die meisten Verbraucher über die Gefahr von Nebenwirkungen Bescheid. Vor Operationen etwa wird meist vor der Blut verdünnenden Wirkung von Aspirin gewarnt", erläutert Apotheker Krivec. "Der Umstand, dass auch Ibuprofen den Körper bei unsachgemäßem Gebrauch schädigen kann, ist dagegen kaum bekannt." Vielleicht liegt das auch daran, dass der Wirkstoff sozusagen ein Newcomer ist unter den frei verkäuflichen Schmerzmitteln. Er kam erstmals 1989 rezeptfrei in die deutschen Apotheken. Da steuerten der Pharma-Oldie Aspirin und sein Wirkstoff Acetylsalicylsäure schon auf ihr Hundertjähriges zu.

Wie viel Tabletten sind erlaubt?

Als Obergrenze gelten vier Tage Einnahme am Stück. Danach steigt die Gefahr, die Gesundheit zu gefährden - und das gilt selbstverständlich auch für Ibuprofen. "Es ist zwar nicht in dem Maße Blut verdünnend wie Aspirin, greift aber wie fast alle Präparate die Magenschleimhaut an", so Simon Krivec. Längere Zeit oder in höherer Dosis geschluckt, drohen Magen-Darm-Blutungen, Entzündungen der Schleimhaut oder Magengeschwüre.

Gefährlich wird es auch für Sportler, die mit Ibu ihren Gelenken eine längere Laufstrecke oder eine steilere Bergtour als gewohnt abringen wollen. Wird das Warnlämpchen Schmerz chemisch ausgeschaltet, kann der Körper weit in den roten Bereich getrieben werden - bis hin zu Muskelrissen und Ermüdungsbrüchen. Und da hilft dann auch keine Schmerztablette mehr.

Welches Mittel hilft wann am besten?

ASS (bzw. Acetylsalicylsäure)

Effektiv bei Kopfschmerzen, Migräne oder Erkältungsbeschwerden. Kann bei Kindern und Jugendlichen das seltene, aber lebensgefährliche Reye-Syndrom auslösen. Vor Operationen wegen verzögerter Blutgerinnung nach Alternativen suchen! Übliche Dosis: ein bis zwei Tabletten mit je 500 Milligramm. Tageshöchstdosis: drei Gramm.

DICLOFENAC

Vorteilhaft bei Gelenkschmerzen, Prellungen, Zerrungen, Verstauchungen. Hier lindert Diclo schneller und wirksamer als die Konkurrenz. Ansonsten große Ähnlichkeit mit Ibuprofen.

Einmalige Dosis: 12,5 bis 25 Milligramm.

Tageshöchstdosis: 75 Milligramm.

PARACETAMOL

Schneller Fiebersenker, etwa bei grippalen Infekten. Bei Rücken- oder Kopfschmerzen hilft es eher schwach. Vergleichsweise magenfreundlich, aber Gefahr von Leberschäden bei Überdosierung.

Empfohlen für Erwachsene: 500 bis 1000 Milligramm.

Tageshöchstdosis: drei Gramm.

IBUPROFEN

Breites Einsatzgebiet, von Zahn- und Kopfweh bis hin zu Sportverletzungen, Rückenbeschwerden und Regelschmerzen. Geringeres Blutungsrisiko als ASS.

Übliche einmalige Dosis: 200 bis 400 Milligramm.

Tageshöchstdosis: 1200 Milligramm.

NAPROXEN

Speziell zugelassen gegen Regelschmerzen. Zählt wie ASS, Ibuprofen und Diclofenac zu den Nichtsteroidalen Antirheumatika, kurz NSAR, hat also auch einen entzündungshemmenden Effekt. Vorteil: wirkt bis zu 12 Stunden.

Übliche Dosis: 250 Milligramm.

Tageshöchstdosis: 750 Milligramm. 

BRIGITTE 19 / 2017

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