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Magersucht: "Ich hatte Angst, nicht mehr aufzuwachen"

Birte Jensen
© Anne Kurras
Birte Jensen erkrankte im Alter von 16 Jahren an Magersucht. Über ihre Erfahrungen hat sie ein Mut-Mach-Buch für andere Betroffene geschrieben. BRIGITTE.de sprach mit der Autorin. 

Was als harmlose Diät begann, endete bald in einem nicht enden wollenden Gedankenstrudel um Gewicht, Kalorien und Sport. In ihrem Buch "Das Leben ist nicht extra small: Wie ich gelernt habe, mein Leben nicht von der Magersucht bestimmen zu lassen" lässt uns Birte Jensen an ihrem Leben mit der Krankheit teilhaben. Auch das soziale Umfeld und ein Therapeut kommen zu Wort. 

"Die Magersucht ist eine Stimme in meinem Kopf, die mir sagt, was ich tun soll und was nicht. Sie macht mir das Leben auf die eine Art leicht, denn sämtliche Entscheidungen nimmt sie mir ab. (...) Auf der anderen Seite macht sie mir mein Leben schwer, denn sie quält mich."

Wir haben mit Autorin Birte Jensen über Magersucht, Familie und ihr Buchprojekt gesprochen. 

I. Abrutschen

BRIGITTE: Was war der erste Auslöser für deinen Gewichtsverlust? 

BIRTE JENSEN: Ich wollte damals eigentlich nur ein bisschen weniger wiegen und für die Skifreizeit der Schule von 72 Kilo auf 63 Kilo kommen. Das hab ich geschafft und gemerkt, dass ich Bestätigung für meine neue Figur bekomme. Prinzipiell ist es ja nicht verkehrt, Sport zu treiben und sich bewusst zu ernähren. Nur habe ich darüber leider irgendwann die Kontrolle verloren. 

In den Medien gelten sehr schlanke Frauen als Schönheitsideal. Hat das auch eine Rolle für dich gespielt? 

Nö, das hat seltsamerweise kaum eine Rolle gespielt. Ich hab mich auch nicht unbedingt für 'Germany’s Next Topmodel' interessiert, das in dem Zusammenhang ja gern in der Kritik steht. Ich wollte niemandem nacheifern. Der Grund für die schleichende Erkrankung lag bei mir vor allem darin, dass ich von anderen wahrgenommen werden wollte. 

Wann ist die Diät in eine krankhafte Sucht umgeschlagen?

Einen genauen Zeitpunkt kann ich gar nicht richtig nennen. Das kam irgendwann in den zwei Monaten nach der Skifreizeit, als ich immer schneller und immer mehr abnehmen wollte mit immer ungesünderen Methoden. In der Zeit habe ich mir gesagt: 'Ich will heute überhaupt nichts essen, ich möchte morgen zwei Kilo weniger auf der Waage haben.' Das war allerdings noch die Phase, in der ich dachte, dass ich das im Griff habe. 

Was hast du zu diesem Zeitpunkt noch gegessen? 

Gefrühstückt habe ich halbwegs normal. Ich hatte meine zwei Brötchen, allerdings ohne das weiche Innenleben, mit einem kalorienarmen Aufstrich, damit es nach etwas schmeckt. Das war allerdings schon die größte Mahlzeit des Tages. Mittags habe ich eigentlich nur gegessen, wenn ich extremen Hunger hatte oder mich schlapp fühlte. Und abends gab es höchstens Salat oder eine Fertigsuppe. 

Haben deine Eltern erkannt, das da was nicht stimmt? 

Die haben das Ganze ziemlich kritisch beobachtet. Aber am Anfang war es ja "nur" eine Diät: Ich hab keine Süßigkeiten mehr gegessen und mich bewusst ernährt. Das ist halt langsam immer mehr geworden. Zu Beginn habe ich meinen Eltern immer gesagt, dass ich einfach keinen Hunger habe – das Ganze war auch für sie ein schleichender Prozess. 

Birte Jensen-vorher
Birte Jensen wurde 1996 in der Nähe von Hannover geboren. Dort studiert sie aktuell Soziale Arbeit, später möchte sie als Kinder- und Jugendpsychotherapeutin arbeiten. 
© Anne Kurras

II. Kämpfen und stark werden

Wann hast du zum ersten Mal bemerkt, dass du krank bist?

Das erste Mal war das bei einem Gewicht von 51,9 Kilogramm. Da habe ich gedacht: 'Okay, eigentlich bist du jetzt zufrieden, wie du aussiehst. Jetzt kannst du aufhören.' Zu dem Zeitpunkt war meine Mutter allerdings schon auf höchster Alarmstufe, während sich für mich noch alles richtig anfühlte. 

Wann hat es dann Klick gemacht? 

Es gab einen bestimmten Moment, in dem ich gedacht habe: 'Das geht so nicht mehr weiter, dein Körper macht nicht mehr mit.' Ich habe abends im Bett gelegen und gemerkt, dass mein Herz die ganze Zeit stolpert. Ich habe Angst gehabt, dass ich am nächsten Morgen nicht mehr aufwache. Das war der entscheidende Wendepunkt, an dem ich wirklich etwas ändern wollte, aber noch nicht wusste, wie. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt einfach nicht, wie ich mein Essverhalten ändern soll. 

Wie hast du dich gefühlt, als du die Diagnose bekommen hast? 

Es war irgendwie erleichternd, etwas in der Hand zu haben, gegen das man professionell angehen konnte. 

III. Aufgefangen werden

Welche Ansätze hat dein Psychotherapeut verfolgt? 

Ich habe gelernt, dass ich mich nicht nur darauf konzentrieren darf, was mich an mir stört. Das war ein Ansatz – nicht den Fokus auf das zu legen, womit ich unzufrieden bin, sondern auf die Dinge, die gut laufen, die ich an mir mag und die ich gut kann. Und ich habe, was für mich das Wichtigste war, gelernt, auf mich selbst zu hören. Auf das zu achten, was ich wirklich will und brauche. 

Haben dir auch deine Familie und Freunde helfen können, gesund zu werden? 

Sie haben mir ganz viel geholfen, weil sie immer mit mir im Austausch standen. Die haben mir zugehört, mit mir geredet und mich total unterstützt. Ich konnte über alles sprechen, alles erzählen, und sie waren ehrlich zu mir. Ich war nie alleine, weil sie mir Halt gegeben haben. 

Ab wann haben die Kalorien keine Rolle mehr gespielt? 

Kalorien habe ich noch sehr lange gezählt, aber nicht mehr unbedingt aus dem Grund, dass ich abnehmen wollte. Eher deshalb, weil ich wissen musste, ob ich ein wenig zugenommen habe. Ich wollte das immer noch kontrollieren und wissen, was mein Köper macht, ob er zunimmt oder nicht. Irgendwann wurde das aber immer egaler. Heute brauche ich das Zählen nicht mehr, ich habe mich von den Kalorien "frei gemacht". 

IV. Heute

Was würdest du heute anderen Betroffenen raten? 

Es ist ganz wichtig, dass man Hilfe annimmt. Ich kenne das von mir: Am Anfang hatte ich ein Problem damit, mir helfen zu lassen. Ich habe gedacht, ich schaffe das schon alleine. Man muss sich eingestehen, dass das nicht stimmt. Hilfe ist notwendig. Und dann glaube ich, dass sich jeder bewusst machen sollte, womit er eigentlich zufrieden ist mit sich. Selbst wenn du keinen flachen Bauch hast, kannst du vielleicht gut singen oder dir gefallen deine Beine. Man muss sich auf die positiven Dinge fokussieren. Dann bekommt man auch wieder Selbstvertrauen. Dieses "Für den eigenen Körper sorgen", was ich während der Therapie gelernt habe, hat mir irgendwann sogar Spaß gemacht. 

Schätzt du dich heute als komplett gesund ein? 

Ich bin gesund, ja. Ich lege Wert darauf, mich gesund zu ernähren und mache auch Sport – alles aber in Maßen. Bei einem DVD-Abend esse ich auch mal Chips, Schokolade oder Eis.

Erkennst du Magersucht bei anderen Betroffenen? 

Man kann das nicht pauschal sagen, da sich Magersucht bei jedem unterschiedlich auswirkt. Bei manchen Leuten kann man Vermutungen aussprechen, weil man Parallelen zu sich selbst sieht. Wenn eine extrem schlanke Person öfter äußert, total unzufrieden mit ihrer Figur zu sein, dann ist das eher nicht gesund. Oder wenn jemand Dinge exzessiv betreibt. Sport ist gut, aber nicht bis zur völligen Erschöpfung. Trotzdem ist nicht jeder, der dünn ist, automatisch auch gleich magersüchtig. Da wird oft vorschnell geurteilt.

Was war deine Motivation, ein Buch über die Magersucht zu schreiben?  

Ich habe irgendwann mal angefangen, das alles aufzuschreiben. Dabei habe ich gemerkt, dass es mir hilft, das Ganze aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Vieles davon war mir während der Krankheit gar nicht bewusst. Ich wollte auch etwas tun, das anderen Menschen Mut macht. Ich hoffe einfach, dass mir das gelungen ist. 


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