Die Macht der Seele

Worte vermögen zu heilen. Glaube hilft gegen Schmerzen. Glückliche Beziehungen machen uns gesund. Medizin und Psychologie haben begonnen, die Heilkraft der Seele neu zu erforschen. Die Ergebnisse können unser Leben verändern.

Nach so einem Heiler sehnen wir uns alle: ein Mensch, der uns ansieht und spürt, was ist. Der nur wenige, aber die richtigen Fragen stellt und auch das Unsagbare versteht. Der uns die Angst nimmt, Hoffnung bereithält und Heilmethoden, von denen uns nicht noch elender wird.

"Heile, heile Segen" - nicht zufällig schwingt in dieser einfachen Therapieformel aus Kindertagen etwas Religiöses mit. Doch wenn es hart auf hart kommt, verzichtet kaum jemand von uns auf die Segnungen des medizinischen Fortschritts, auf minimal-invasive Operationen, Herzschrittmacher oder maßgeschneiderte Chemotherapien.

Wie aber können wir die Kraft unserer Seele nutzen, um gesund zu bleiben oder zu werden? Diese Frage beschäftigt nicht nur die Vertreter jahrtausendealter Heilkünste, sondern neuerdings auch wieder die moderne Medizin.

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In Münster zum Beispiel wurde kürzlich ein nagelneues kleines Krankenhaus eingeweiht, mit modernen Überwachungssystemen und blitzender Medizintechnik. Nicht Kranke, sondern Schauspielerinnen und Schauspieler liegen dort bleich geschminkt in den Betten und dienen als Trainingsmaterial für angehende Ärzte.

Die Patientinnen und Patienten ansehen, anfassen und mit ihnen sprechen - nach Auffassung von Dr. Jana Jünger, Internistin an der Uniklinik Heidelberg, sollte das noch immer 80 Prozent der ärztlichen Diagnostik ausmachen. Als sie vor ein paar Jahren anfing, Gesprächstrainings mit Schauspielern zum Teil der ärztlichen Ausbildung zu machen, "da wurden wir auf Kongressen noch ausgelacht", erinnert sie sich. "Aber inzwischen gibt es keine Fakultät mehr, die das ablehnt."

Manchen Doktoren, so hat Jana Jünger beobachtet, gelingt es sogar in nur fünf Minuten, eine entspannte Atmosphäre aufzubauen, das Wichtigste über einen Patienten zu erfahren und seine Fragen zu beantworten. Und das schaffe Vertrauen und erspare manchen teuren Labortest.

Die Erkundung der vielschichtigen Zusammenhänge zwischen Körper und Seele ist eines der aufregendsten Forschungsgebiete, das die Humanwissenschaften derzeit zu bieten haben. Ermöglicht wurde das nicht nur durch Fortschritte in der Hirnforschung und Molekularbiologie, sondern auch durch einen schlichten Wechsel der Blickrichtung, vor allem in der Psychologie.

"Bis vor etwa zehn Jahren haben wir vor allem danach gefragt, was uns krank macht", erklärt Astrid Schütz, Professorin für Persönlichkeitspsychologie und Diagnostik an der TU Chemnitz, "damals erst entwickelte sich die so genannte positive Psychologie, die vor allem wissen will, was uns gesund hält."

Ob wir uns überlastet fühlen oder gerade verliebt sind, ob unsere Grundstimmung eher von Angst oder von Optimismus geprägt ist - all das beeinflusst unsere Anfälligkeit für Schnupfen, Husten, Kopf- oder Bauchweh. Das belegen inzwischen hunderte Studien aus der ganzen Welt. Andere Untersuchungen zeigen, dass Gefühle wie Erschöpfung und Depression das Risiko eines Herzinfarktes ebenso sehr erhöhen wie Bluthochdruck. Erst kürzlich belegte das wieder eine Studie der Klinik für Psychosomatik an der TU München.

Neu aber ist die Frage, für die sich die Wissenschaft jetzt noch mehr interessiert: Wie kann man psychische Kräfte für Heilungsprozesse nutzen? Was können Psychotherapie, positives Denken oder so genannte Placebo-Wirkungen dazu beitragen, dass Menschen schwere Krankheiten überwinden?

Der Krebsmediziner Prof. Gerd Nagel war 47, als er selbst an Leukämie erkrankte. Er kannte die Diagnose, er wusste, nur eine aggressive Chemotherapie könnte ihm helfen, und seine Chancen standen nicht gut. Dem Onkologen wurde zugleich bewusst, wie ausgebrannt und abgestumpft er sich fühlte.

Auf der Suche nach Heilung ging er erst einmal in den Wald: "Ich legte meine Stirn an Baumrinden, auf Moos, auf Felsen, um sie zu spüren. Ich ging mit nackten Füßen über den Waldboden, durch Bäche, über umgestürzte Baumstämme. Die Sinne kamen wieder. Und damit konnte ich mich selbst wieder spüren", so erinnert sich Gerd Nagel heute. Erst als er mit sich selbst im Reinen war, hatte er die Kraft für den Kampf gegen den Krebs. Zur Chemotherapie flog er jedes Wochenende nach London, die Woche über arbeitete er weiter als Arzt auf der Krebsstation. Und wurde gesund.

Zehn Jahre später, 1993, gründete Nagel die "Klinik für Tumorbiologie" an der Universität Freiburg/Breisgau. Die Ärzte und Therapeuten suchen dort nicht nur nach den besten schulmedizinischen und alternativen Heilmethoden gegen Krebs. Genauso wichtig ist ihnen, dass ihre Patienten über den Umgang mit ihrer Krankheit mitentscheiden.

"Jeder Mensch braucht die Medizin, die zu ihm passt", davon ist Nagel, der inzwischen im Ruhestand ist, überzeugt. Und so gehört zum Angebot der Tumorklinik zum Beispiel auch eine Poesie- und Bibliotherapiegruppe, die fast ausschließlich von Frauen besucht wird. Beim Lesen und Schreiben kurzer Texte suchen sie nach Ausdrucksmöglichkeiten für Gefühle, die angesichts einer tödlichen Bedrohung leicht auszuufern drohen.

Erhöht diese Art der Seelenarbeit auch die Heilungs-Chancen? So genau weiß man das bis heute nicht. Doch die wissenschaftliche Auswertung des Projekts zeigt, dass sie den Patientinnen zumindest hilft, ihre innere Einsamkeit zu überwinden, sich besser zu fühlen und auch schöne Seiten im Leben wiederzuentdecken.

Können uns Zuversicht, Lebensfreude und Kampfgeist gesund halten oder gar heilen? Prof. Astrid Schütz wagt in ihrem neuen Buch eine vorsichtige Bilanz der weltweiten Forschungen: Wer optimistisch denkt, hat tatsächlich bessere Chancen, gesund zu bleiben oder sich von einer schweren Krankheit zu erholen. Wer aber die eigene Begabung zum Glück überschätzt, so schränkt die Wissenschaftlerin ein, kann sich auch schaden: weil er auf notwendige Therapien oder Schutzmaßnahmen leichtfertig verzichtet. Oder sich trotz einer schweren Krankheit unter Erfolgsdruck setzt und in stressigen Aktionismus stürzt.

"Krebs trifft auch die Glücklichen", meldete kürzlich die "Süddeutsche Zeitung". Eine amerikanische Studie an 1000 Patienten mit fortgeschrittenen Tumoren an Kopf und Hals hatte gezeigt, dass die Stimmungslage der Kranken - ob hoffnungsvoll oder tief niedergeschlagen - keinerlei Auswirkungen auf den Krankheitsverlauf hatte. Nur zwei Monate zuvor legte eine Langzeitstudie aus Kiel das Gegenteil nahe: An den Behandlungsverläufen von 136 Patienten mit Tumoren in Darm, Leber und Gallenblase zeigte sich, dass diejenigen, die schon bei der Behandlung auf der Krebsstation eine gezielte psychologische Unterstützung und Ermutigung bekamen, deutlich bessere Überlebenschancen hatten.

Was lässt sich aus solchen scheinbar gegensätzlichen Studienergebnissen folgern? Es wäre schön, das genauer zu wissen. Und es ist gut, dass inzwischen an universitären Zentren in der ganzen Welt über diese Zusammenhänge geforscht wird. Doch genauso wichtig wie klinische Studien, PET-Scanner oder Experimente im immunbiologischen Labor ist die ganz private Forschungsreise, die jeder von uns antreten kann: auf der Suche nach dem inneren Arzt, der unsere Selbstheilungskräfte erkennt und anfeuert.

"Wir können nichts mehr für Sie tun", dieser schlimmste Satz eines Arztes gehört deshalb ab sofort ins Lexikon der medizinischen Unwörter. Die Medizin kann immer etwas für uns tun. Und wir selbst können es auch.

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BRIGITTE Heft 04/08 Text: Irene Stratenwerth Protokolle: Harriett Wolff, Anne Otto Foto: plainpicture

Wer hier schreibt:

Irene Stratenwerth Anne Otto
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