Heilkunst Kampo: Teetrinken statt Abwarten

Kampo ist eine uralte japanische Heilmethode. Sie funktioniert mit Tee. Und ist enorm effektiv. Dennoch kennt sie hierzulande kaum einer. Das ändern wir jetzt.

Ein leichter Druck auf den Bauch sagt viel aus. Gluckert es im Inneren? Fühlt es sich gespannt oder schlaff an? Anhand solcher Zeichen sowie einer genauen Befragung des Patienten kann die Internistin Dr. Heidrun Reißenweber von der Forschungsstelle für Japanische Phytotherapie am Universtitätsklinikum München beurteilen, wie es um ihre Patienten bestellt ist.

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"Fukushin" heißt diese Untersuchungsmethode auf Japanisch. Sie ist Teil der uralten Heilkunst "Kampo" - der japanischen Variante der traditionellen chinesischen Kräutermedizin. Die 1500 Jahre alte Pflanzenheilkunde wird in Japan gegen funktionelle und chronische Krankheiten ebenso eingesetzt wie gegen Nebenwirkungen bei der Krebstherapie. Doch hierzulande ist Kampo bisher kaum bekannt. Dabei gilt die alte Heilkunst bei Experten als besonders sicher und supereffektiv.

Je nach Befund der Kampo-typischen Untersuchungen erhalten die Patienten einen Tee, den sie dreimal täglich vor den Mahlzeiten trinken müssen. Für die Zubereitungen werden Arzneipflanzen wie Ginseng, Ingwer, Pfingstrose und Zimt von Pharmazeuten getrocknet und sehr fein geschnitten. Zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen, dass die Kräuter, Rinden und Wurzeln aus Japan ausgesprochen zuverlässig wirken.

In ihrem Herkunftsland gilt die Methode nicht als Alternative, sondern als Ergänzung zur klassischen Schulmedizin. Nur studierte Mediziner dürfen dort eine Zusatzausbildung als Kampo-Spezialist machen. "Kampo passt deshalb viel besser zu unserer modernen, wissenschaftlichen Vorstellung von Medizin als die chinesische Medizin", so Reißenweber, die nach ihrem klassischen Medizinstudium in Deutschland noch eine dreijährige Kampo-Ausbildung in Japan absolviert hat.

Weil die Ingredienzen so genau erforscht sind, können Ärzte ihre Heilmittel punktgenau und sparsam dosieren - und dennoch die optimale Wirkung erzielen. Das macht die Mittel besonders verträglich. "Und wenn der Tee nicht schmeckt oder der Kranke sogar Ekel verspürt, ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass es nicht das richtige Mittel ist", sagt Heidrun Reißenweber. Ist das der Fall, wird für den Patienten eine neue Rezeptur zusammengestellt.

Anders als die Mittel für Traditionelle Chinesische Medizin unterliegen die japanischen Kräuterzubereitungen strengsten Qualitätskriterien.

Die Heilmittel dürfen keinerlei Pestizide, Schwermetalle oder sonstigen Schadstoffe enthalten - darüber wachen japanische Arzneimittelbehörden penibel. Aber Kampo ist überschaubar: Während die Traditionelle Chinesische Medizin mit mehr als 2000 Pflanzen arbeitet, kommen japanische Ärzte mit weniger als 300 Rezepturen aus.

Echte Kräuterhexen dürften von der simplen Anwendung der Kampo-Arzneitees allerdings eher enttäuscht sein: Statt die Kräuter aufwändig aufzukochen und abzuseien, braucht man nur ein bisschen heißes Wasser. Denn viele Zubereitungen sind als praktisches Granulat erhältlich - Instant-Tee für die Gesundheit, der auch zum modernen Großstadtleben passt.

Doch der kann bei vielen Beschwerden zur Linderung beitragen: von Heiserkeit bis Hautausschlag, von Migräne bis Menstruationsbeschwerden. In Japan rücken Ärzte chronischen Erkrankungen wie Asthma oder Neurodermitis mit Kampo zu Leibe. Die Pflanzen haben sich zudem bei Wechseljahrsproblemen, bei chronischen Magen-Darm-Beschwerden wie Reizdarm, bei Bluthochdruck oder bei Rheuma bewährt. Auch in der Krebstherapie kommt Kampo zum Einsatz: Die Kräuter sorgen dafür, dass Patienten die aggressiven Chemotherapien besser vertragen, sie sich rascher wieder erholen und dass Ärzte die Menge der Medikamente reduzieren können.

Sechs bis acht Wochen müssen die Patienten den Tee trinken - dann bessert sich ihr Leiden in der Regel deutlich. Mit Nebenwirkungen müssen sie kaum rechnen. Nur ganz selten kommt es zu allergischen Reaktionen auf einen der Inhaltsstoffe.

Ganz billig ist die Heilkunst allerdings nicht. Je nach Zusammensetzung sind die japanischen Heildrogen etwa dreimal so teuer wie chinesische. Circa 100 Euro im Monat muss man rechnen, die gesetzlichen Krankenkassen zahlen nicht (private erstatten die Kosten meist). In Japan ist das anders: Dort ist Kampo schon seit 40 Jahren fester Bestandteil der staatlichen Gesundheitsversorgung.

Kampo-Medikamente lassen sich über internationale Apotheken beziehen. Infos und Adressen von Kampo-Ärzten in der nächsten Stadt gibt es hier:

Forschungsstelle und Ambulanz für Japanische Phytotherapie Leiterin: Dr. Heidrun Reißenweber Medizinische Klinik - Innenstadt Universität München (LMU) Ziemssenstr. 1 80336 München Tel. 089/51 60 21 11

Dr. Anna Hutzel Richard-Riemerschmid-Allee 2 81241 München Tel. 089/834 04 57

Europäische Akademie für Kampo-Medizin Sachsenplatz 9/30 A-1200 Wien Tel. 0043/1/330 85 62

Zum Weiterlesen: Ulrich Eberhard: Leitfaden Kampo-Medizin. Urban und Fischer, 608 Seiten, 29,95 Euro.

Internet: www.kampo-med.com www.eurokampo.at

BRIGITTE BALANCE: 01/08 Text: Anne-Bärbel Köhle Foto: Bellmann/Stockfood
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